Frust bei G-20-Demonstranten Gipfelgegner verspielen ihre Protestchance

Sie wollten die City lahmlegen, Delegationen blockieren, die Massen für den Protest gewinnen - doch nichts davon passierte: Der G-20-Gipfel wurde zu einer Niederlage für Globalisierungsgegner und Demonstranten. Jetzt hofft die Szene auf ihre Chance beim Nato-Treffen in Frankreich und Deutschland.

Aus London berichtet


London - Auf der einen Seite der Polizeisperre vor dem Tagungsort der Mächtigen steht der aufgebrachte Stew, 18, aus Manchester, in Tarnhose und nietenbesetzter Lederjacke. Ihm gegenüber lehnen zwei Bobbys an dem Gatter, jung und breit, gelassen grinsend. Es ist eine Szene, wie sie nicht treffender sein könnte für das Scheitern der G-20-Gipfelgegner.

"Ihr seid Sklaven der Reichen", schreit Stew. Seine Stimme zittert. Er reckt den Beamten die Fäuste entgegen - der schmächtige Stew, ungehört, unbeachtet, unbedeutend. Dabei hat er doch der Welt so viel zu sagen, zu so vielen Dingen. Alles wichtig, manches sogar richtig, aber keiner will das wissen. Nicht von ihm. Die Bobbys erst recht nicht.

"Ihr fresst zu viel Fleisch, deswegen seid ihr so fett", brüllt Stew jetzt. Es ist sein letzter Versuch. Ein persönlicher Angriff, vielleicht hilft das, denkt er. Doch die beiden Polizisten zucken mit den Schultern. Sie starren gelassen auf das Gelände, auf dem sich eigentlich Hunderte Demonstranten hätten versammeln können. Stew aber ist ziemlich alleine. Schließlich erbarmt sich einer der beiden Bobbys: "Make love not war", höhnt er. Stew winkt ermattet ab.

Es ist ein trauriges Bild, das die G-20-Demonstranten in diesen zwei Tagen des politisch vielleicht wichtigsten Gipfels der vergangenen Jahre abgeben. Sie sind so harmlos wie planlos und treten in derart geringer Zahl auf, dass sie in der Millionenmetropole London untergehen müssen. Die Revolution, von der ihre Anführer geschwafelt haben, gerät deshalb gerade einmal zu einer durchschnittlichen Demonstration.

"Das ist schon ernüchternd", sagt Attac-Sprecher Alexis Passadakis, der mit zwei Freunden in einer fast 20-stündigen Marathontour aus Berlin angereist ist. "Ganz offensichtlich lassen sich trotz der derzeitigen Situation große Teile der Bevölkerung nicht mobilisieren." Er hoffe aber, dass sich das in den nächsten Monaten ändern werde. Wahrscheinlich muss er das sagen, ob er es auch glaubt, wird nicht so recht deutlich.

Dabei haben die Gesellschaftskritiker momentan doch eigentlich alle Argumente auf ihrer Seite: Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, gierige Eliten und panische Regierungen, die mit Staatsmitteln die zahlreichen Fehler weniger ausbügeln müssen. "Wenn nicht jetzt, wann dann?", fragt Demonstrant Sam, 17, aus London. Die Antwort muss vielleicht lauten: nie.

"Du hast dein Zuhause verloren? Du hast deinen Job verloren? Du hast dein Erspartes oder deine Pension verloren? Diese Party ist für dich!" So ist es noch immer auf der Internet-Seite der Gipfelgegner zu lesen. Man wolle den Mächtigen einmal so "richtig einheizen", die Stadt übernehmen und an die Revolution von 1649 anknüpfen, als Aufständische um Oliver Cromwell den tyrannischen König Charles I. enthaupten ließen.

Die Anführer der Demonstranten, Altlinke wie der als Graf Dracula verkleidete und inzwischen geschasste Anthropologie-Professor Chris Knight, kostümieren sich zwar liebevoll für ihren großen Auftritt vor der Bank von England, doch die flammenden Appelle bleiben schon deshalb ungehört, weil sie niemand hört: Das Megaphon ist viel zu schwach. Auch daran kann eine Revolution scheitern.

Die Rangeleien mancher Protestierenden mit den in der City überaus präsenten Sicherheitskräften sorgen derweil mehrfach für dramatisch erscheinende Bilder. Doch wirklich gefährlich sind sie höchstens für diejenigen, die in der ersten Reihe der gegen eine Polizeikette drängenden Menge ihre Köpfe in die Schlagstockhiebe halten wollen. Man könnte auch einfach zurückweichen.

Auch geht der Tod des am gestrigen Mittwochabend in der Innenstadt verstorbenen Demonstranten ganz offenbar nicht auf Polizeigewalt zurück, wie in der Szene zunächst fast instinktiv vermutet wurde. Der Mann Mitte 30 soll in der Menge kollabiert sein, möglicherweise nach einem Herzinfarkt.

Ein Augenzeuge sagte dem "Guardian", der bislang nicht Identifizierte habe benommen ausgesehen, ehe er zusammengebrochen sei. Polizisten, die ihm daraufhin zur Hilfe eilen wollten, seien von Demonstranten mit Flaschen beworfen worden, berichteten mehrere Zeitungen übereinstimmend. Eine unabhängige Kommission soll den Todesfall untersuchen.

Die Hoffnungen der linken Szene richten sich nun auf den Nato-Gipfel am Samstag in Straßburg. Aus London werden Busse den harten Kern der Demonstranten zu ihrem Abstecher ins Elsass transportieren. Dort sollen dann die Blockadeaktionen klappen, die in London scheiterten.

"Tausende Menschen werden sich auf die Zufahrtsstraßen stellen oder setzen", kündigt ein Sprecher von "Block Nato" an, einem europaweiten Netzwerk der Friedensbewegung.

"Unsere Aktionen wären ein voller Erfolg, wenn es sichtbare Zeitverzögerungen im Ablauf des Gipfels gibt und das Programm durcheinandergerät." Man wolle "den Regierungschefs fühlbar signalisieren, dass wir da sind". Oder wie es Attac-Mann Passadakis sagt: "Irgendwann reicht es einfach nicht mehr, nur Recht zu haben. Dann muss einem auch zugehört werden."

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