Von Stefan Simons, Paris
"Nervig, erregbar und ohne Zweifel - vor allem nicht an sich selbst": Die Aussagen von Frankreichs Ex-Staatschef Jacques Chirac über seinen Nachfolger Nicolas Sarkozy kommen nicht gerade als Kompliment herüber. Die Kritik an dem Mann, der ihn 2007 auf dem Chefsessel ablöste, gehört zu den vielen Seitenhieben, mit denen sich Chirac im zweiten Band seiner Memoiren über den amtierenden Präsidenten auslässt.
So deutlich wie in diesem Teil der Autobiografie hatte sich der Polit-Rentner noch nie über Sarkozy geäußert; im ersten Teil der Erinnerungen - von seiner Jugend bis zum Einzug in den Elysée 1995 - war er mit dem Nachfolger eher distanziert vorsichtig umgegangen. Davon kann jetzt keine Rede mehr sein. "Chirac verurteilt Sarkozy", schreibt das Magazin "Le Nouvel Observateur" über die Auszüge der Memoiren, die bei den Éditions NiL am Freitag erscheinen; "Le Point" überschreibt die Titelgeschichte etwas zurückhaltender mit "Chirac sagt alles".
Das stimmt wohl. Denn selbst wenn "Le Temps Présidentiel" - Die Zeit der Präsidentschaft - keine rachsüchtige Generalabrechnung ist, so spricht aus der bitteren Bilanz Chiracs, die er knapp ein Jahr vor dem nächsten Urnengang veröffentlicht, persönliche Enttäuschung und verletzter Stolz.
Nicht, dass der erfahrene Chirac dem ambitionierten Sarkozy die Befähigung für das Amt abspricht. "Ich unterschätze nicht seine Qualitäten: Seine Arbeitskraft, seine Energie, sein taktisches Gefühl, seine mediales Talent - all das macht ihn in meinen Augen zu einem der begabtesten Politiker seiner Generation." Und er lobt Sarkozys "Regierungserfahrung, seine Dynamik, seinen unersättlichen Appetit auf Aktion".
Chirac förderte Sarkozy - und wollte ihn nicht als Premier
Es sind freilich diese Vorzüge, die Chirac davon abhielten, Sarkozy zu Zeiten seiner Präsidentschaft zum Premier zu berufen. Ausgerechnet Sarkozy, den er schon bei dessen ersten Gehversuchen auf politischer Bühne gefördert hatte, verwehrte er die Berufung zum Regierungschef. Dabei war der Aufsteiger 2002 dermaßen sicher, die Exekutive im Hôtel Matignon zu übernehmen, dass er sogar schon begonnen hatte, seine Ministerriege auszuwählen.
Doch Chirac schreckte schließlich zurück. "Die meisten in meiner Umgebung raten mir davon ab", erinnert sich der Staatschef, "sie halten Sarkozy nicht für zuverlässig genug." Es mangele ihm an "Loyalität" und "Transparenz". Er, Chirac, brauche einen Regierungschef, mit dem er in "völliger Harmonie" und "ganzem Vertrauen" zusammenarbeiten könne. "Aber Vertrauen lässt sich nicht anordnen", schreibt Chirac, "es gibt zu viele Schattenzonen zwischen uns."
Zwei Jahre später, nach der Niederlage bei den Regionalwahlen, steht Sarkozy wieder in der engeren Wahl für das Amt des Premiers. "Wenn sich Matignon und der Elysée nicht vertragen, gibt es eine Implosion", glaubt Chirac und ist sich sicher: "Mit Sarkozy würde das auf jeden Fall passieren." Er zieht also den charakterfesten Dominique de Villepin dem skrupellosen Machtmenschen Sarkozy vor - zwischen den beiden Konkurrenten wird es der Beginn einer langen Feindschaft.
Politische Differenzen und Stilfragen
Doch es sind nicht nur die politischen Differenzen, die den gemächlichen Chirac und den hyperaktiven Sarkozy trennen, etwa als sich der politische Ziehsohn aus taktischem Kalkül für den parteiinternen Präsidentschaftsanwärter Édouard Balladur entschied. Dazu kommt der Verdacht, dass die verschiedenen Affären, die über Chirac zwischen 1999 und 2001 ruchbar werden, womöglich Sarkozy als Strippenzieher gesteckt haben könnte. Schließlich mangele es dem Aufsteiger an Zurückhaltung und Stil, klagt der Ex-Präsident über Sarkozy, als der, im Amt des Innenministers beim Aufstand der Vorstädte 2005, über das "Gesindel" lästert, das mit dem Hochdruckreiniger "weggekärchert" werden müsse. Eine "völlig unangebrachte Erklärung", befindet Chirac.
Am meisten freilich verletzten den traditionsverhafteten Ex-Präsidenten die bissigen Kommentare des Jüngeren, der lange wie ein Freund der Familie behandelt wurde - zugetan der Tochter Claude und geschätzt von Ehegattin Bernadette. Etwa, wenn sich Sarkozy über Chiracs Begeisterung für Japan und den Nationalsport Sumo mokiert: "Diese kleinen provokativen Bemerkungen gegen mich, von einem amtierenden Minister, der sich ausdrückt, wie es ihm gefällt", verärgern Chirac.
Wie Sarkozy Chirac düpiert
Am tiefsten jedoch sitzt die Demütigung, die Sarkozy seinem Vorgänger am Abend seines Wahlsiegs zufügte. Als der konservative Kandidat am 6.Mai 2007 gewählt wird, sitzt Chirac mit seiner Gattin, dem Enkel Martin und seinen Mitarbeitern im Elysée vor dem Fernseher, um die erste Erklärung des angehenden Präsidenten zu verfolgen. "Jeder von uns hörte genau zu, achtete auf jeden Satz, auf jedes Wort, das er aussprach, weil man heimlich darauf lauerte, dass er den Namen desjenigen nennen würde, dem er sich anschickte nachzufolgen - ja, vielleicht würde er sich gar für dessen Unterstützung bedanken."
Chirac bitter: "Dieser Moment kam nie."
"Ich habe mich zurückgehalten und keine Reaktion abgegeben, aber ich bin zutiefst getroffen", erinnert sich der düpierte Präsident. "Ich weiß, woran ich mich künftig zu halten habe." Nach vier Jahren von Sarkozys Herrschaft dürfte ein Großteil der Franzosen ähnlich empfinden.
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