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Fundamentalismus: Im Freudenhaus Gottes

Von Alexander Schwabe

Viele fundamentalistische Mormonen sehen in Frauen reine Sexualobjekte und verbrämen dies theologisch nach den kruden Vorstellungen des Religionsgründers Joseph Smith. Offiziell distanziert sich die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage von der Vielehe. Doch Kritiker halten dies für ein vorläufiges Lippenbekenntnis.

Mormonen-Tempel in Salt Lake City während der olympischen Winterspiele 2002
AFP

Mormonen-Tempel in Salt Lake City während der olympischen Winterspiele 2002

Es war wohl die schlimmste Nacht ihres Lebens. Janice Hepper, dritte Frau des Polygamisten Bruce Wakeham, gab sich gerade ihrem Mann hin, als dessen erste Frau aufstand, um etwas zu trinken. Als sie vernahm, wie ihre Nebenfrau mit dem Herrn des Hauses schlief, räusperte sie sich hörbar. Bruce Wakeham holte sie daraufhin ebenfalls ins Bett und verkehrte nun abwechselnd mit beiden.

Hepper war wie aufgelöst. Den ganzen nächsten Tag über kauerte sie in einer Ecke. "Etwas in mir schrie. Ich war zutiefst erschüttert und verletzt", sagt sie. Der Vorfall habe sie auf so vielfältige Art geschädigt, dass sie es noch immer nicht verarbeitet habe.

Wakeham war Mitglied in der von der Mormonenkirche abgespaltenen Fundamentalistengruppe um die Brüder LeBaron. In dieser Splittergruppe sind Vermählungen zwischen Vätern und Töchtern und zwischen Geschwistern ebenso selbstverständlicher Teil gelebten Glaubens wie religiös motivierte Sühnemorde, mit denen die LeBaron-Familie Schlagzeilen machte.

Mormonen spielen den Zug nach Westen nach: "Es kommt einem vielleicht drollig vor"
AP

Mormonen spielen den Zug nach Westen nach: "Es kommt einem vielleicht drollig vor"

Die "Kirche der Erstgeborenen der Vollendeten Zeit", wie die LeBarons ihre Konfession nennen, ist eine von rund einem Dutzend erzreaktionärer Hauptströmungen fundamentalistischer Mormonen. Schicksale wie das Heppers hat die Journalistin Andrea Moore-Emmett in ihrem jüngst in den USA erschienenen Buch "God's Brothel" beschrieben. Alle diese Frauen litten schwer unter den Rivalitäten der Mitehefrauen und unter dem streng hierarchischen Patriarchat ihrer bigotten Männer.

"Männer sind die Götter des Haushalts"

Laut Moore-Emmett versuchen Frauen immer wieder, ihren Männern oder Vätern zu entkommen. Da sie kaum Kontakte außerhalb der Sekten hätten, scheiterten die Fluchtversuche häufig. Junge Frauen, die gegen ihren Willen verheiratet werden sollen, trauten sie sich nicht, sich gegen die männlichen Autoritäten aufzulehnen.

"Männer sind die Götter des Haushalts", sagt Moore-Emmett. Erzwungene Ehen, Inzest - viele Männer schreckten vor nichts zurück. Für sie seien Frauen nicht mehr als Sexobjekte und nützliche Arbeitstiere. Die Vielehe führe häufig dazu, dass Frauen früher oder später von der Fürsorge leben müssen. "Sie stellen sich dann als Dummchen dar, die jedes Jahr schwanger werden, ohne genau zu wissen, wer die Väter sind."

Die Rate derjenigen, die von staatlicher Sozialhilfe leben, sei in den USA nirgends so hoch wie in den Gegenden der fundamentalistischen Polygamisten. Den Bezug der Sozialhilfe rechtfertigten sie damit, "das Tier" - sprich den Staat - "ausbluten" lassen zu wollen. Auch sehen viele Mormonen in der Regierung eine "satanische Macht". Sie weigern sich, Steuern zu zahlen.

Vicky Prunty, die selbst die Erfahrung einer polygamen Ehe gemacht hat, hat vor sechs Jahren die Selbsthilfeorganisation "Tapestry against Polygamy" gegründet, eine Anlaufstation für Opfer der Vielehe. Sie sagt: "Es kommt einem vielleicht ganz drollig vor, wie fundamentalistische Mormonen leben. Man denkt, sie seien so putzig wie die Amish-Leute, doch das ist nicht wahr."

Die krude Mischung des Buchs Mormon

Religionsgründer Joseph Smith: Mindestens 33 Frauen
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Religionsgründer Joseph Smith: Mindestens 33 Frauen

Der selbst ernannte Prophet Joseph Smith hatte die Kirche 1830 in Fayette im Staat New York gegründet. In einer kruden Mischung aus göttlicher Offenbarung und biblischer Überlieferung verfasste er das Buch Mormon. Der Legende nach soll ein überlebender Gottesfürchtiger aus einem seit Jahrhunderten ausgestorbenen israelischen Stamm namens Mormon in der Gestalt eines Engels Smith goldene Platten überreicht haben. Darauf habe die Botschaft für das "Buch Mormon" in "reformiertem Ägyptisch" gestanden.

Nach einer angeblich göttlichen Eingebung führte Kirchengründer Smith die Vielehe 13 Jahre später ein. Fortan hatte die Polygamie in Smiths Religion eine zentrale Stellung. Im Glaubensbuch "Lehre und Bündnisse" ist sie im Abschnitt 132 kanonisiert. Smith selbst heiratete mindestens 33 Frauen, möglicherweise waren es gar 48, die jüngste freite er, als sie gerade mal 14 Jahre alt war.

"Wenn einem Mann zehn Jungfrauen gegeben sind, begeht er keinen Ehebruch, da sie ihm gehören, und sie ihm gegeben sind. Daher ist er gerechtfertigt ... Doch sollte eine der zehn Jungfrauen nach ihrer Vermählung mit einem anderen Mann zusammen sein, so begeht sie Ehebruch und soll verdammt sein", heißt es in dem Glaubensbuch.

Polygamie und Sklaverei - Überbleibsel der Barbarei

Das Buch Mormon: Eine von 5000 Kopien des Originals
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Das Buch Mormon: Eine von 5000 Kopien des Originals

Wenige Jahre später versuchte Präsident Abraham Lincoln (1861 bis 65) gegen die Polygamie vorzugehen. Die Republikaner hatten im Jahr 1856 Polygamie und Sklaverei als "zwei gleichartige Überbleibsel der Barbarei" verurteilt. 1879 verbot der Oberste Gerichtshof der USA den Mormonen, die Vielehe zu praktizieren. Diese widersetzten sich jedoch. Ihr Präsident John Taylor erklärte die Polygamie zu einer göttlichen Einrichtung. "Sie ist uns von Gott gegeben. Ich trotze den Vereinigten Staaten. Ich gehorche Gott."

Viele Anhänger der neuen Religion waren nach Westen gezogen und ließen sich in dem Gebiet des Großen Salzsees nieder. Smith war längst von einem Mormonenhasser ermordet worden, als sich seine Kirche 1890 in einem Manifest offiziell von der Polygamie lossprach - als Voraussetzung dafür, dass Utah am 6. Januar 1896 amerikanischer Bundesstaat werden konnte.

Dieses Manifest erreichte niemals den Rang der Glaubenssätze aus Smiths Vermächtnis "Lehre und Bündnisse". Es besagte jedoch, dass Kirchenmitglieder, die polygam lebten, exkommuniziert werden sollten. Etliche Gläubige spalteten sich daraufhin von der Hauptkirche ab.

Herrschaft des neuen Propheten

Palmyra, New York: Nachbildung des Hauses, in dem Smith seine Eingebungen hatte
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Palmyra, New York: Nachbildung des Hauses, in dem Smith seine Eingebungen hatte

Viele der Abtrünnigen leben heute in den Hochburgen der Polygamie, in den benachbarten Orten Hildale (Utah) und Colorado City (Arizona). Hinter hohen Mauern und mit zahlreichen Frauen - herrscht dort heute ein neuer Prophet: Warren Jeffs.

Der 47-Jährige hatte die Nachfolge des bisherigen Führers, seines Vaters Rulon, der 70 Ehefrauen gehabt haben soll, vor zwei Jahren angetreten. Eigenen Aussagen zufolge ist Warren Jeffs vom unmittelbar bevorstehenden Armageddon überzeugt. Sein Vater hatte bereits prophezeit, die Welt werde im Jahr 2000 durch einen Feuersturm sauber gefegt. Auf diesem Hintergrund predigt der Sohn seinen Gläubigen, die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon seien ein sehr gutes Zeichen und Grund großer Hoffnung.

Offiziell distanzieren sich die Führer der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" von derartigen Fundamentalisten. Dennoch haben sie eines mit ihnen gemeinsam, warnt Moore-Emmett: Sie glauben an dieselben heiligen Schriften und an dieselbe Heilsgeschichte.

Vielehe - dominierende Lebensform der Zukunft

Mormonen beim Gottesdienst
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Mormonen beim Gottesdienst

Wissenschaftler sehen in der Vielehe bereits die dominierende Lebensform der Zukunft. Yale-Professor Harold Bloom etwa vertritt die These, in sechzig Jahren sei der Glaube der "Heiligen der Letzten Tage" so weit verbreitet, dass es unmöglich sein wird, die USA "ohne die Zusammenarbeit mit den Mormonen" zu regieren.

Keine andere amerikanische Religion sei so ehrgeizig, keine zweite von derart kühner Spiritualität: Die Mormonen wollten von zehn Millionen auf sechs Milliarden Mitglieder anwachsen. Das Ideal der "himmlischen Ehe" hätten sie nie aufgegeben. Sollten sie eines Tages genügend politische und finanzielle Macht besitzen, so Blooms Überzeugung, werden sie die Vielehe wieder einführen.

Helmut Obst, Theologieprofessor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, hält Blooms Einschätzung für eine "extreme Sichtweise". Obwohl sich die Mormonen theologisch nie grundsätzlich von der Polygamie verabschiedet hätten, sei es "außerordentlich unwahrscheinlich", dass sie die Vielehe wieder etablieren wollten.

Unstrittig ist, dass die Mormonen auf ihrem Weg, die erste neue Weltreligion seit der Entstehung des Islams vor rund 1500 Jahren zu werden, gut voranzukommen. Bereits heute gibt es weltweit mehr Mormonen als Juden. Nach Recherchen des Autors John Krakauer ("Mord im Auftrag Gottes") sind die Nachfolger Smith' wirtschaftlich sehr erfolgreich. Die jährlichen Einnahmen werden auf sechs Milliarden Dollar geschätzt.

Missionarischer Eifer und keine Empfängnisverhütung

Die Verbreitung fundamentalistischer Christen und fundamentalistischer Mormonen in den USA
Pince-Nez Press

Die Verbreitung fundamentalistischer Christen und fundamentalistischer Mormonen in den USA

Neben der Mission - ständig sind 60.000 Glaubensboten in aller Welt unterwegs - tragen die Mormonen auch rein biologisch zur Ausbreitung ihrer Religion bei: Die Kirche verbietet Empfängnisverhütung und Abtreibung. Mormonische Paare haben die Pflicht, so viele Kinder zur Welt zu bringen, wie sie ernähren können. Utah County hat mittlerweile die höchste Geburtenrate in den USA. 73 Prozent der Bevölkerung sind dort bereits mormonischen Glaubens. Laut Krakauer ist die Geburtenrate dort höher als in Bangladesch.

Weltweit hängen der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" rund zwölf Millionen Mitglieder an. Junge Männer und Frauen der Mormonen werden im Alter zwischen 19 und 21 auf Missionsreise in alle Welt ausgesandt - wofür sie eigens in Trainingscentern vorbereitet werden. Vergangenen Juni erst haben sie mitten in Manhattan den 119. Mormonentempel eingeweiht. Noch vor vier Jahren waren es lediglich 50 Tempel. Jedes Jahr errichten die Frommen rund 400 neue Gemeindehäuser. In Deutschland gibt es zwei Tempel für rund 36.000 Mitglieder.

Noch haben die Mormonen ihr Reich nicht auf den ganzen Globus ausgedehnt. Noch nicht einmal in den fundamentalistischen Gemeinden sind die Verhältnisse paradiesisch. Moore-Emmett sagt, das Leben dort gleiche eher dem unter den Taliban in Afghanistan - der Herrschaft der Taliban jedoch hat die US-Regierung mehr Augenmerk geschenkt.

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