Er hoffe natürlich, sagt Jones, dass durch seine demonstrative Koran-Verbrennung niemand zu Schaden komme, aber er macht auch sehr deutlich, dass er einen Krieg der Kulturen im Prinzip für unausweichlich hält. Und für diesen Kampf, davon ist er überzeugt, sei die Christenheit nur schlecht gerüstet.
Schlimmer noch, sagt er, die Christen wollten nicht wahrhaben, welche Gefahr von den Muslimen ausgehe, die unter ihnen lebten. Jones' Gemeinde glaubt, dass sich alle Muslime gegen den Westen verschworen haben und ihre heimliche Invasion schon längst in Gang ist. Wenn die Zeit reif sei, so die absurde Theorie weiter, würden die Muslime in einer konzertierten Aktion losschlagen. Pfarrer Jones will sie nun "aus ihren Verstecken locken", bevor es dazu komme - und der brennende Koran soll sein Köder sein.
"Der Islam wird keine Ruhe geben, die werden nicht klein beigeben", hämmert Jones seinen Leuten ein. Denn die Muslime seien anders als die Christen, nicht "weich wie Wiener Würstchen. Sie haben eine Vision und sie sind bereit, dafür zu kämpfen und zu sterben".
Dann macht Jones einen bizarren Schwenk nach Deutschland: Er lobt nicht nur die "Entschlossenheit und Gehorsamkeit" der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, er widmet sich auch der aktuellen Politik: "Dieser Banker da bei euch, der steht auf." Damit ist Thilo Sarrazin gemeint, der sich gerade aus dem Vorstand der Bundesbank zurückgezogen hat, nachdem er mit Thesen über Muslime für Aufsehen sorgte, die sich angeblich nicht integrieren wollen.
Als er über Deutschland spricht, schallt aus der ersten Reihe ein enthusiastisches "Right!" zurück - die Stimmen der deutschen Emigranten. Neun Deutsche gehören zur Gemeinde Dove Outreach, zwei davon sind selbst Pastoren. Terry Jones hat 30 Jahre seines Lebens in Köln verbracht, als Missionar und Kirchenführer. Als er wegen Klagen über steuer- und arbeitsrechtliche Unregelmäßigkeiten in die USA zurückkehrte, folgte ihm ein kleiner Trupp der treuesten Anhänger. Im Gepäck: eine tiefe Aversion gegen den Islam.
"Sie hatten unehelichen Sex, sie tranken Alkohol"
"Unsere Aktionen gegen den Islam haben bereits in Deutschland begonnen", sagt der Sohn des Pastors, der 29-jährige Luke, in seinem starken deutschen Akzent. Worin dieser Feldzug bestand, will er allerdings nicht ausführen. Wie einige andere Gemeindemitglieder kommt auch Luke aus Köln - und zwar aus dem Stadtteil Kalk, in dem viele Türken leben. "Ich bin mit Muslimen aufgewachsen", erzählt Luke mit weit aufgerissenen Augen, als würde er von einer aufregenden Episode einer Karriere als Extremsportler berichten.
"Türken, Araber, Bosnier" - das waren seine Kumpels während der "Drogenphase" seines Lebens. Trotz der gemeinsamen Erfahrungen habe man bestimmte Barrieren nie überwunden. "Über ihre Art zu leben durfte ich nichts sagen", klagt er. "Sie hatten unehelichen Sex, tranken Alkohol und waren nicht bereit, ehrlich über den Islam zu sprechen." Was ihn jedoch am meisten verstört habe, sei ihre unbedingte Loyalität zu anderen Muslimen gewesen. Als Christ habe er sich immer wie ein Bekannter zweiter Klasse gefühlt.
Obwohl auch er hinter der geplanten 9/11-Aktion der Gemeinde steht und den Koran verbrennen möchte, spricht er fast mit Bewunderung von den Muslimen. Er habe großen Respekt für sie, räumt er ein, weil sie so stolz auf ihre Identität seien, weil sie bereit seien, für ihre Überzeugungen zu kämpfen. Deshalb ist Luke nach Amerika ausgewandert: weil die Menschen hier stolz auf das seien, was sie sind und was sie geschaffen haben, weil sie stolz darauf sein könnten, Christ zu sein.
Vor kurzem ist er zum Priester in der Kirche seines Vaters geweiht worden. Auf seinem Unterarm prangt eine halbfertige Tätowierung des Sternenbanners. Er ist überzeugt, dass Deutschland längst von den Muslimen überrannt worden sei. Sollen sie es doch haben, ihm ist das jetzt egal. Mit seiner Frau Anna spricht er manchmal noch Deutsch - aber nur aus Versehen, sagt er, in einem Moment der Schwäche.
Achterbahn einer wilden Predigt
Pastor Ludger Böcken weigert sich ebenfalls, Deutsch zu sprechen. Er ist ein freundlicher und kontaktfreudiger Lulatsch, mit einem kindlichen Gesicht und einer dieser typisch deutschen Brillen mit einem schmalen Gestell. Auch er spricht von seiner Heimatstadt, als sei sie von Feinden überrannt und unbewohnbar geworden. Wenn er von seinen letzten Tagen in der Heimat spricht, ist es die pure Melancholie, traurige Resignation: "Ich lief durch mein Viertel, ging zum Friseur, bestellte mir mein Lieblingsessen, aber ich fühlte mich nicht mehr zu Hause. Ich hatte ständig das ungute Gefühl, dass ich bestimmte Dinge nicht mehr sagen konnte."
Er habe sich permanent von den Muslimen und "ihrer verdammten" Scharia bedroht gefühlt, sagt Böcken und klingt wie ein Mann, dem einfach zu oft das Fahrrad geklaut wurde. Das also ist seine Konsequenz, seine Lösung: den Koran verbrennen. "Ja, das ist ein Anfang", sagt er. Es soll wohl der Beweis dafür sein, dass er sich nicht länger einschüchtern lassen will.
Doch es sieht eher so aus, als würde er Pastor Jones in die Schlacht schicken, den unbekümmerten, unbesonnenen Krieger im Kampf der Kulturen. Böcken sitzt in der ersten Reihe, direkt vor Jones, und folgt der Achterbahn einer wilden Predigt, die zwischen Bibelzitaten, historischen Anspielungen und wütenden Verwünschungen hin und her springt. Frau Böcken trägt eine ähnliche Brille wie ihr Mann und hat das gleiche brave Gesicht. Beide lachen laut, als der Pastor darüber spekuliert, ob "Hussein" - so nennt er Obama bei dessen zweitem Vornamen - wohl persönlich in ihrer Kirche erscheinen werde, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen.
Der Witz tut allen gut hier. Überhaupt gibt ihnen die weltweite Empörung das Gefühl, dass ihre Kirche Teil einer Mission sei, die größer und wichtiger ist als sie selbst. Als wären sie Teil eines neuen Kapitels der Bibel, das von einer kleinen Gemeinde in Florida und ihrem trotzigen Freudenfeuer erzählt.
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