Protestvideo einer Brasilianerin: "Darum bin ich bei der WM nicht dabei"

Hunderttausende Brasilianer demonstrieren gegen Korruption und teure Sportereignisse in ihrem Land. Weniger laut, aber nicht weniger eindrücklich macht auch eine junge Frau namens Carla ihrem Ärger über die Geldverschwendung Luft - mit einem intelligenten YouTube-Video.

Youtube

Hamburg - Wer noch nicht verstanden hat, warum in den vergangenen Tagen Hunderttausende Menschen auf Brasiliens Straßen gegen Korruption und die WM 2014 demonstrierten, sollte sich sechs Minuten Zeit nehmen und sich die Problematik von einer blonden, jungen Frau erklären lassen.

Seelenruhig erzählt die Brasilianerin Carla Dauden ihrem Zuschauer, warum sie keine Lust auf die Weltmeisterschaft in ihrem Land hat - und auch nicht dabei sein wird. Sie findet dafür einfache Worte und bindet zur Untermalung Videosequenzen ein, die mal wütende Landsleute, mal eine beschwichtigende Präsidentin und mal bewaffnete Polizisten zeigen. Sie arrangiert alles so eindrücklich, dass seit dem 17. Juni fast 2,8 Millionen Menschen ihren YouTube-Film angeklickt haben. (Hier geht es zum Video von Carla Dauden.)

Während in Brasilien an den Stadien für die Weltmeisterschaft 2014 geschraubt wird, wächst in der Bevölkerung die Abneigung gegen das sportliche Großereignis. Dauden, die in den USA lebt und dort als Regisseurin arbeitet, fasst die Gründe wie folgt zusammen.

Von der Regierung alleingelassen

Die WM 2014 werde rund 30 Milliarden Dollar kosten - mehr als die vergangenen drei Weltmeisterschaften zusammen. "Muss das sein?", fragt sie. In einem Land, in dem der Analphabetismus im Schnitt zehn Prozent beträgt? Das im Human Development Index Rang 85 einnimmt? In dem 13 Millionen Menschen nicht genug zu essen haben und viele Leute mangels medizinischer Versorgung sterben? "Braucht so ein Land mehr Stadien?"

Es folgen TV-Bilder von einer Ärztin, die außer sich ist vor Wut. Sie fühle sich von der Regierung alleingelassen, sagt sie, sie könne nicht genug für ihre Patienten tun. Aber wohin, fragt Dauden, gehen all die Steuern, die die Menschen zahlen? Warum landen sie denn nicht bei denen, die Hilfe benötigen?

Ein gängiges Argument der Politiker: Mit der WM werde alles besser - das sportliche Großereignis sei der nötige Anreiz, um aus Brasilien ein besseres Land zu machen. Dauden: "Wie bitte? Welches Land braucht einen Anreiz, damit es sich um sein Volk kümmert?"

"Wir brauchen keine Stadien, wir brauchen Bildung"

In ihrem Video sinniert sie über sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen wie die Menschen in den Favelas. Die Politiker würden doch bloß den "Dreck unter den Teppich kehren", wenn sie Drogenbanden zeitweise aus den Armenviertel vertreiben, sagt Dauden. Wie lange können die sogenannten Befriedungstruppen die Favelas von dem Bösen befreien? "Es ist eine temporäre Lösung für ein tief liegendes Problem."

Dauden spricht auch über diejenigen, die aus ihren Wohnungen vertrieben wurden. Häuser seien zerstört worden, um Platz zu schaffen für Olympiastätten. Brasiliens Ureinwohner seien mit Pfefferspray aus einem Kulturzentrum verjagt worden. An dem Ort entstehe nun das Museum des Olympischen Komitees.

"Versteht mich nicht falsch", sagt Dauden. "Die Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele sind großartige Veranstaltungen. Aber sie sind nicht das, was unser Land braucht." Ihr Fazit: "Wir brauchen keine Stadien, wir brauchen auch nicht noch mehr Party. Wir brauchen Bildung, Jobs und einen nachhaltigen Lebensstil."

Ab Minute 4:30 blendet die junge Brasilianerin eine Rede von Präsidentin Dilma Rousseff ein. Es geht um den Wohlstand der Mittelschicht, die verbesserte Infrastruktur, Sicherheit. "Das neue Brasilien wird 2014 die Welt verzaubern", sagt sie. Im Hintergrund dudelt die brasilianische Nationalhymne, Rousseff wird unterbrochen von den O-Tönen aus eingeblendeten Videosequenzen: von Schreien bei Straßenschlachten - und von Schüssen.

jus

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Griechenland
Sabi 23.06.2013
Griechenland hat auch wer weiß wie viele Milliarden in Stadien und dazu noch in die Taschen von Korrupteuren gesteckt um die Olympiade zu veranstalten. Kein Wunder, dass das Land bankrott ist !....
2. Brasilianer wohl schlauer als Deutsche …
c--3po 23.06.2013
Als Freizeitsportler bin ich bei Veranstaltungen wie EM und WM in Deutschland auch nicht dabei, weil das Ganze absolut nichts mehr mit Sport zu tun hat. Alle wichtigen Entscheidungen (das geht schon mit der Entscheidung für den Austragungsort los, s. h. WM in Katar) erfolgen rein unter finanziellen Gesichtspunkten.
3. Link zum Video
H3nry 23.06.2013
No, I'm not going to the world cup. - YouTube (http://youtu.be/ZApBgNQgKPU)
4. Die haben wenigstens auch was zu sagen.
TSunami61 23.06.2013
kennt jemand auch nur ansatzweise ein vergleichbar plausibles, verständliches, nachvollziehbares video bzgl der proteste in der türkei? man muss ihre meinung nicht teilen, aber sie hat eine begründung und mit der kann man arbeiten, eine diskussion führen, ansätze finden um es besser zu machen, das fehlt der türkischen protestbewegung total! oder hat da jemand was gehört, außer dass die selbst ernannten "wahren demokraten" sich gegen die "faschisten" wehren. zu brasilien: ich kann die menschen verstehen. ihr anliegen ist ernst und nachvollziehbar. diese probleme haben aber iihren ursprung auch in der fifa. die fifa tritt überall auf wie die absoluten herrscher. man kann so ein tunier auch "anders" veranstalten, ohne das milliarden an profit dabei rauskommen müssen.
5.
behr22 23.06.2013
Warum habt ihr nicht mal ein Link zum Video? Schreibt einen ganzen Artikel dazu, aber dann nicht mal den Link einfügen. Was soll das?
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