Fußball-WM 2022 Katars Lebensversicherung

In vier Jahren beginnt die Fußball-WM in Katar, das Emirat investiert Milliarden. Aus Sicht des Herrscherhauses ein guter Deal: Die weltweite Aufmerksamkeit soll dem Zwergstaat das Überleben sichern.

Getty Images

Aus Doha berichtet


Es gibt ein Datum, an das Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani westliche Diplomaten gern erinnert, um ihnen die Befindlichkeiten seines Landes Katar vor Augen zu führen: Der 2. August 1990. An jenem Tag rollten irakische Panzer in das Golfemirat Kuwait. Innerhalb von 48 Stunden überrannten die Truppen von Diktator Saddam Hussein den Zwergstaat. Weder die USA noch Saudi-Arabien, das sich immer als Schutzmacht der kleineren Golfstaaten inszeniert hatte, konnten die Invasion verhindern.

Die Eroberung Kuwaits war ein Weckruf für Scheich Hamad. Als damaliger Thronfolger von Katar reifte bei ihm die Erkenntnis, dass sich sein Land, das nur halb so groß ist wie Hessen und um 1990 kaum 400.000 Einwohner zählte, niemals auf Saudi-Arabien verlassen dürfe. Eine Erkenntnis, die mit dazu führte, dass die nächste Fußball-WM morgen in vier Jahren in Katar beginnt.

Hamads Vater, der damals amtierende Emir Khalifa bin Hamad Al Thani, war ein enger Vasall des saudischen Königshauses. Sein Sohn streute die Geschichte, dass Khalifa täglich in Riad anriefe, um den Tagesbefehl aus Saudi-Arabien entgegenzunehmen. Die enge Bindung an den großen Nachbarstaat war einer der Hauptgründe dafür, dass Hamad im Juni 1995 zu einer Palastrevolte gegen seinen Vater ansetzte. Während sich Emir Khalifa in der Schweiz aufhielt, stürzte ihn sein Sohn im Verbund mit loyalen Militärs in einem unblutigen Putsch.

Katars Armee zählt nur 12.000 Mann

Nach der Machtübernahme setzte sich Hamad als Emir mehr und mehr von Saudi-Arabien ab. Die Tatsache, dass Katar auf dem größten Erdgasfeld der Erde sitzt, gab dem Emirat dafür den nötigen wirtschaftlichen Spielraum. Das Land ist nicht auf Wohltaten aus Saudi-Arabien angewiesen, zugleich aber militärisch viel zu schwach, um einer möglichen Invasion des wahhabitischen Königshauses widerstehen zu können. Zum Vergleich: Heute zählt Katars Militär insgesamt 12.000 Mann. In Saudi-Arabien dienen knapp 300.000 Soldaten.

Fotostrecke

8  Bilder
Fußball-WM in Katar: Kleiner Staat ganz groß

Hamad setzte deshalb auf eine Strategie, die zwei Ziele verfolgt. Zum einen band er sich militärisch an die USA und Großbritannien, mit dem Ziel, Katar für den Westen zu einem unabdingbaren Partner zu machen. Zum anderen wollte er Katar zu einer Weltmarke formen. Wenn jeder den kleinen Golfstaat kenne, könnte Saudi-Arabien das Land nicht einfach annektieren - so das Kalkül des Emirs.

1996, nur wenige Monate nach seiner Machtübernahme, ließ Hamad für eine Milliarde US-Dollar mitten in die katarische Wüste die Militärbasis Al Udeid bauen. Mit dem Beginn der US-geführten Kriege in Afghanistan 2001 und im Irak 2003 wurde Al Udeid der wichtigste Militärstützpunkt der Vereinigten Staaten im Nahen Osten. Auch heute ist die Basis für die US-Armee unerlässlich - als Startpunkt für Schläge gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" und die Taliban.

US-Jet in Al Udeid
AFP/ Staff Sgt. Joshua Horton/ US Air Force

US-Jet in Al Udeid

Aber mehr noch ist Al Udeid der wichtigste Lauschposten der Amerikaner für Iran. Angesichts der anhaltenden Konfrontation mit dem Regime in Teheran können es sich die USA schlicht nicht leisten, die Basis in Katar aufzugeben. Eine Verlegung der US-Kräfte und Anlagen würde Jahre dauern und Milliarden verschlingen. Deshalb stellte das Pentagon, kurz nachdem Saudi-Arabien im Juni 2017 seine Blockade gegen Katar verhängte, klar, dass das US-Militär Al Udeid auf keinen Fall aufgeben werde.

Al Udeid ist damit von zentraler Bedeutung für das Überleben des Staates Katar. Die Fußball-WM 2022 ist seine Lebensversicherung.

Sport als Schaufenster

Seit Mitte der Neunzigerjahre hat Emir Hamad den Sport genutzt, um sein Land in der Welt bekanntzumachen. Alles fing an mit den Doha Open, die seit 1993 alljährlich im Januar die Tennissaison eröffnen. Seit der Jahrtausendwende heben Katars Vertreter stets die Hand, wenn internationale Sportverbände nach Ausrichtern für ihre Wettkämpfe suchen. Die Weltmeisterschaften im Boxen, Handball, Straßenrad und Turnen fanden in den vergangenen vier Jahren in Katar statt. Im kommenden Jahr messen sich die weltbesten Leichtathleten bei der Weltmeisterschaft in Doha, 2023 steigt hier die Schwimm-WM.

Doch die Fußball-WM 2022 stellt alle Ereignisse in den Schatten. Weil Fußball weltweit die beliebteste Sportart ist, konzentriert Katar seine Aktivitäten schon lange hierauf. Wie rücksichtslos das Emirat dabei vorgeht, belegen die Football-Leaks-Enthüllungen. 2010 sicherte sich die Qatar Foundation für 170 Millionen Euro für fünf Jahre den Werbeplatz auf den Trikots des FC Barcelona. Ein Jahr später übernahm Qatar Sports Investments, ein Ableger des Staatsfonds Qatar Investment Authority, den französischen Fußballklub Paris Saint-Germain. Der FC Bayern München hält seit 2011 sein alljährliches Wintertrainingslager in Katar ab, in der vergangenen Spielzeit prangte das Logo des Hamad International Airport in Doha auf dem Trikotärmel der Bayern, in dieser Saison findet man dort das Emblem von Qatar Airways.

Katar holt reihenweise Sportevents ins Land

Die WM in vier Jahren ist Hamads Vermächtnis. Gemeinsam mit seiner Zweitfrau Scheicha Moza, die den Wüstenstaat mit ihrem glamourösen Auftreten nach außen repräsentiert, holte Hamad im Dezember 2010 das Turnier in sein kleines Land. Drei Jahre später dankte er zugunsten seines Sohnes Tamim ab. Der heute 38-Jährige soll die WM als Emir nun zu einem Erfolg für Katar machen. Damit die Wette, die sein Vater eingegangen ist, aufgeht: Milliarden Euro für ein vierwöchiges Turnier auszugeben, um im Gegenzug die Unabhängigkeit seines Landes zu sichern.

Scheich Hamad, Ehefrau Moza, Joseph S. Blatter
Getty Images

Scheich Hamad, Ehefrau Moza, Joseph S. Blatter

Zumindest ist Katar seit 2010 ein ständiges Gesprächsthema: Nicht immer positiv, auch wegen Negativschlagzeilen über miese Arbeitsbedingungen für Gastarbeiter in Katar. Aber das Land ist inzwischen weltbekannt geworden - zumindest mehr als die Nachbarn Kuwait, Bahrain oder Oman.

Aus Sicht der Führung in Katar geht die Rechnung schon jetzt auf. Im Juni 2017 verhängte Saudi-Arabien zusammen mit seinen Verbündeten Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten eine vollständige Blockade gegen Katar. Gerüchten zufolge soll Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman sogar einen Militärschlag gegen Katar geplant haben. Der damalige US-Außenminister Rex Tillerson habe die Invasion in letzter Minute verhindert, berichtet das US-Investigativportal "The Intercept".

Manch einer in Doha glaubt, das habe man auch der gestiegenen Aufmerksamkeit wegen der WM 2022 verdanken.

insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Grünspahn 20.11.2018
1.
Eine recht interessante Sichtweise auf das Verhalten Katars. Aus dem Blickwinkel habe ich das noch nicht gesehen. Ein mittlerweile seltenes Highlight auf SPON. Für das Aufzeigen anderer Sichtweisen habe ich früher den Spiegel gern gelesen.
mopsfidel 20.11.2018
2. Brot und Spiele im arabischen "Disney-World"
Die Städte sehen aus wie aus dem 3D-Drucker und sind großflächig lebensunfreundlich. Jetzt kommen noch Weltspiele dazu, damit Millionen von Menschen für Wochen etwas Unterhaltung sehen können. Und die Austragungsbedingungen sind obendrein verrückt. Wenn dies alles nicht so grotesk wäre, könnte ich noch etwas sehenswertes daran abgewinnen. So bleibt es eine selten schräge und sündhaft teure Veranstaltung.
wi_hartmann@t-online.de 20.11.2018
3. Fußball
Das Fußballgeschäft folgt dem Geld. Das Regime in Katar hat mit einer liberalen Gesellschaftsordnung nichts im Sinn. Unter unmenschlichen Bedingungen werden Arbeitssklaven zur Erstellung der Prachtstadien gehalten. Die FIFA hat ausser ein paar lauwarmen Erklärungen zu diesem Thema nichts unternommen, Hauptsache die Kasse stimmt.
syuyucu34 20.11.2018
4. Qatar hat sich mittlerweile auch
mit der Türkei militärisch und Wirtschaftlich verbündet. Während der Blockade durch die Saudis (wurden die Supermärkte leer gefegt) hat die Türkei tonnenweise Lebensmittel ins Land geflogen. Die Türkei unterhält dort auch einen militärischen Stützpunkt, der immer weiter ausgebaut wird. Außerdem hat Qatar Milliarden schwere Investitionen in der Türkei getätigt (Mehrheitlich Beteiligungen an Türkischen Banken und Unternehmen)
hessenkarussel 20.11.2018
5. Normal ist nicht normal
Zitat von mopsfidelDie Städte sehen aus wie aus dem 3D-Drucker und sind großflächig lebensunfreundlich. Jetzt kommen noch Weltspiele dazu, damit Millionen von Menschen für Wochen etwas Unterhaltung sehen können. Und die Austragungsbedingungen sind obendrein verrückt. Wenn dies alles nicht so grotesk wäre, könnte ich noch etwas sehenswertes daran abgewinnen. So bleibt es eine selten schräge und sündhaft teure Veranstaltung.
Ihre Sichtweise in allen Ehren. Aber für einen Zentralafrikaner dürfte die Ausrichtung einer Fußball-Weltmeisterschaft im kalten Schweden ein Affront sein, während er aus SEINER Perspektive die Temperaturen in Katar als durchaus "normal" und "angenehm" bezeichnen würde. Um die Welt zu verstehen bedarf es seine eigene Sichtweise zu hinterfragen. Es gibt schlichtweg kein "normales" Klima; für einen Eskimo sind eisige Temperaturen normal, für einen Zentraleuropäer der Wechsel auf Plus- und Minusgraden, für einen Zentralafrikaner wird alles unter 20 Grad als kalt empfunden. Und so ist es eben mit ALLEM auf diesem Planeten. Es gibt schlichtweg kein "normal" oder richtig und falsch. Auch was richtig und falsch ist, ist immer der Konsens einer Gemeinschaft. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Während in den USA die Mehrheit der Menschen für den privaten Waffenbesitz sind, wird hierzulande darüber den Kopf geschüttelt. Aber wehe sie fragen mal einen US-Amerikaner nach einem nicht vorhandenen Tempolimit auf der Autobahn. Für all diese Dinge gibt es zahllose Beispiele. Es steht uns gut zu Gesicht nicht unsere Sicht der Dinge als normal zu betrachten, sondern als eine unter vielen Arten ein Gemeinwesen zu gestalten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.