Fußballspiel zwischen Armenien und Türkei "Erkennt den Genozid an"

Ein kleines Länderspiel wird zur großen Politik: Obwohl die Grenzen zwischen Armenien und der Türkei dicht sind, besuchten Staatspräsident Gül und türkische Fußballfans am Wochenende das Fußballspiel in Eriwan. Dort heißt es, die Annäherung sei eher pragmatischer Natur.


Eriwan - Einer bemühte sich besonders um Gelassenheit. Fatih Terim, der türkische Fußball-Nationaltrainer, bekannt für seinen Jähzorn, ließ es während des ersten Länderspieles zwischen der Türkei und Armenien an Diplomatie und Sanftmut nicht fehlen. "Ich glaube, dass wir mit der Magie des Sports Millionen für eine verständnisvollere und friedlichere Welt gewinnen können", sagte er in einem Grußwort an die Fans. "Lasst uns keine Zeit mit alten Gegensätzen, Ängsten und bedeutungslosen Diskussionen verlieren."

Türkischer Staatspräsident Abdullah Gül und sein armenischer Kollege Sarksjan: Historische Zweisamkeit
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Türkischer Staatspräsident Abdullah Gül und sein armenischer Kollege Sarksjan: Historische Zweisamkeit

Auch Armenien unternahm alles, um den Türken nicht die Laune zu verderben. Die türkisch-armenische Grenze ist zwar seit 1993 geschlossen. Doch wer es von den türkischen Fans am Wochenende über Georgien nach Armenien schaffte oder einen Direktflug von Istanbul nach Eriwan ergatterte, für den entfiel die Visumspflicht. Und: Die armenische Fußballföderation ließ gerade noch rechtzeitig den Berg Ararat aus ihrem Logo entfernen, das Nationalheiligtum der Armenier - er befindet sich seit über 80 Jahren auf türkischem Staatsgebiet.

Beinahe einträchtig flatterten am Samstagabend die türkische und die armenische Flagge über dem "Hrazdan"-Stadion von Eriwan, und beinahe konnte man den Eindruck gewinnen, es handle sich um ein Freundschaftsspiel zwischen dem kleinen, südlichen Kaukasusstaat und seinem mächtigen Nachbarn im Osten. Doch so einfach ist das nicht. Dass der Staatspräsident der Türkei, Abdullah Gül, trotz Protesten im eigenen Land doch noch einer Einladung seines armenischen Kollegen Serj Sarkissjan gefolgt war, werteten Beobachter bereits als großen Erfolg.

Denn bislang unterhalten beide Länder keine diplomatischen Beziehungen. Und die Probleme sind gewaltig: Von der Türkei fordert Armenien eine Anerkennung des Völkermordes an über einer Million Armenier im Osmanischen Reich – ein Vorwurf, der von Ankara bis heute heftig zurückgewiesen wird. Dagegen protestiert die Türkei gegen Armeniens Besetzung von Berg-Karabach, einer kleinen Kaukasus-Enklave, die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört, einem "Bruderstaat" der Türken.

Diesen hochemotionalen Konflikten kehrte Gül von seiner Ehrenloge aus sprichwörtlich den Rücken zu. Denn gleich hinter dem "Hrazdan"-Stadium ragt ein spitzer Turm aus kaltem Stein in den Himmel, das Denkmal des armenischen Genozid-Museums – von Güls Seite des Stadions aus nicht sichtbar.

Hayk Demoyen ist Direktor des Museums, das den osmanischen Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg dokumentiert. Mit einem Besuch des türkischen Präsidenten konnte er kaum rechnen – doch mit neugierigen türkischen Fans und Journalisten. Aus Anlass des Fußballspiels organisierte er eine Fotoausstellung: über die Rolle "armenischer Sportler im Osmanischen Reich".

"Erkennt den Genozid an"

Fotos von schnauzbärtigen Gewichthebern und Boxern mit langen Turnhosen, wie sie zur Jahrhundertwende üblich waren; darunter zwei Armenier, die das Osmanische Reich bei der Olympiade 1912 vertraten und später ermordet wurden. "Die wenigsten Türken wissen heute von unserer gemeinsamen Geschichte, vom Alltag zwischen Türken und Armeniern. Deswegen verurteile ich sie nicht", so Demoyen. "Wer nichts über den Genozid weiß, kann ihn auch nicht zugeben."

Und welche Reaktionen zeigten die türkischen Besucher nach einem Rundgang? "Die meisten sind geschockt, aber es gibt auch Abwehrreaktionen. Das ist normal für eine Nation, die schon in der Schule lernt, den Völkermord zu leugnen."

Auch Ilker Karagöz, Reporter beim türkischen Fernsehsender Fox, besuchte das Genozid-Museum und filmte. Ob er den Beitrag senden kann, sagt er, hänge vom "Programmablauf" ab. Auf jeden Fall aber dürfe er das Wort Genozid nicht beim Namen nennen. Denn die offizielle türkische Vokabel heißt "sogenannter Genozid".

"Recognize the genocide", "Erkennt den Genozid an", stand denn auch auf den Transparenten und T-Shirts der Demonstranten, die Gül einen unherzlichen Empfang bereiten wollten, aber friedlich blieben. "Wir verbrennen keine türkischen Flaggen", sagte Ani Arakelian, eine Anhängerin der nationalistischen Daschnak-Partei, die Fäuste geballt, das Gesicht rotblaugelb geschminkt.

Doch nebenbei bemerkt, erkenne sie den türkischen Staat auch nicht an – nicht solange dieser weiterhin "Westarmenien" besetzt halte, die Heimat ihrer Großeltern, die heute aus den türkischen Ostprovinzen Van und Erzurum besteht. Und die türkischen Fans? Arakelian hat noch keine gesehen. "Gibt es überhaupt welche? Trauen die sich hierher?"

"Wir müssen einander nicht lieben, nur Handel treiben"

Sie trauten sich. Rund 300 Türken kamen und feierten ihre Mannschaft, abgegrenzt und bewacht von armenischen Sicherheitskräften. Sie kamen in Bussen über die georgische Grenze, Lastwagenfahrer wie Burhan Koyuncu aus Trabzon, der sich von seiner Frau eine armenisch-türkische Flagge stricken ließ, Studenten aus Istanbul wie Rahmi Ark, die von armenischen Freunden eingeladen wurden, und die Mitglieder der pazifistischen Jugendgruppe "Genc Siviller" ("Junge Zivilisten").

"Im Ernst", so Hamit Balci, ein Geschichtsstudent, der lange Zeit in Deutschland lebte, "in Istanbul könnte ich mich als Galatasaray-Fan niemals unter Fenerbahce-Fans mischen." Aber durch Eriwan seien sie mit türkischen Flaggen gelaufen, "und niemand hat uns belästigt". Seine Gruppe reiste mit dem Flugzeug an, sie haben in der Jugendherberge übernachtet, sie haben mit Armeniern türkische Lieder gesungen, und sie waren euphorisch. "Es ist Zeit, grenzenlos zu sein!", stand auf ihren Transparenten und: "Öffnet die Grenzen!"

Ein Einsatz, den Alexander Iskandaryan, Politikwissenschaftler und Direktor des "Caucasus Media Institute", nicht kleinreden will. Dennoch könne auf armenischer Seite noch keiner von Völkerverständigung reden. Für ihn hat die Annäherung der Feindstaaten mit gegenseitigen Interessen zu tun: Mit dem Bau einer Energiepipeline, die vom kaspischen Meer nach Zentraleuropa führt – und bislang einen umständlichen Bogen um Armenien macht. Mit Armeniens bitterarmer Wirtschaft und seiner Abhängigkeit von starken Nachbarn.

"Wir erwarten keine Versöhnung mit der Türkei", sagt er, "aber eine Normalisierung in unseren Beziehungen, wir wollen Handel treiben, dazu müssen wir einander nicht lieben."



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