G-20 in Cannes: Charmeur Obama rettet den Gipfelauftakt
Es sollte der glanzvolle Abschluss des französischen G-20-Vorsitzes werden, doch der eskalierende Griechenland-Streit bringt die sorgfältig geplante Dramaturgie für den Gipfel in Cannes durcheinander. US-Präsident Obama rettet die große Sarkozy-Show mit einer kleinen Geste.
Die Banner in den Straßen der mondänen Filmmetropole geben das Motto vor: "In Cannes wird Geschichte geschrieben", rufen sie den Teilnehmern des G-20-Gipfelsentgegen. Die französischen Organisatoren dürften sich allerdings etwas anderes darunter vorgestellt haben, als die Eskalation des Griechenland-Streits.
Eigentlich hatte Nicolas Sarkozyam Luxusboulevard, wo sonst Filmstars für Schlagzeilen sorgen, zur Rettung der Weltwirtschaft historische Marken setzen wollen. Auf der großen Bühne wollte der Präsident zudem seinen Start in den Wahlkampf 2012 inszenieren. Er liegt in Umfragen derzeit auf einem historischem Tiefststand - die Gelegenheit, sich gegenüber dem sozialistischen Gegenkandidaten Francois Hollande als gewiefter Krisenmanager abzusetzen, will er nicht ungenutzt lassen.
Und das Protokoll in Paris hatte alles akribisch geplant: Fünf-Sterne-Hotels für die Delegationen, Gourmet-Menus für Delegationen und Journalisten. Dazu mehrere Tausend Mann für den Schutz der hochkarätigen Gäste: Polizei, Gendarmerie und Republikanische Garde, Geheimdienst und Militär. Soviel Sicherheitskräfte waren angeheuert, dass manche in Mietautos Streife fahren mussten.
Papandreou bringt die Dramaturgie durcheinander
Allein, der Gala-Auftritt auf diplomatischem Parkett erweist sich als weit schwieriger als das Defilee der Kinostars auf dem roten Teppich: Griechenlands Pleite-Premier Georgios Papandreoubrachte mit seiner überraschenden Entscheidung, ein Referendum abhalten zu lassen, die gesamte G-20-Dramaturgie durcheinander: Sarkozy hatte auf einen Bilderreigen mit den Großen der Welt gesetzt - Treffen auf Augenhöhe mit Chinas Premier Hu Jintao, Händeschütteln mit US-Präsident Barack Obama, bilaterale Kurzbegegnungen mit den Vertretern der Golfstaaten und den Führern aus Russland, Indien oder Brasilien.
Doch statt der wirklich großen Themen wie Regulierung der Weltwirtschaft, der Kontrolle der Finanzmärkte und Begrenzung von Spekulation geht es plötzlich nur noch um Athens leidige Volksabstimmung. Sarkozy, der nach eigener Aussage vergangene Woche erst den Euro und die Welt "vor der Katastrophe" gerettet hatte, muss sich erneut mit den finanziellen Dauerproblemen Athens herumschlagen. Das komplexe Kompromiss-Gewebe, das auf der Nachtsitzung von Brüssel entstand, droht wieder auseinanderzufallen. "Griechenland klaut den Gipfel", titelt das Lokalblatt "Direct Matin". Die Wirtschaftszeitung "Les Echos" rüffelte das egoistisch Verhalten Athens als "Faustschlag aus der Kulisse".
Bei der gestrigen Abendsitzung in Cannes war es Papandreou, der einstecken musste.Frankreichs Präsident, der sich durch Griechenlands Handstreich desavouiert und bloßgestellt fühlt, sorgte dafür, dass dem unbotmäßigen Premier der Besuch in Cannes zum gefühlten Gang nach Canossa geriet: Schmallippiger als sonst und mit der eisigen Schärfe des gelernten Advokaten, servierte er beim Abendessen die Bedingungen zum Verbleib in der Euro-Zone, undiplomatische Demütigung als Beilage.
Obamas Charmeoffensive rettet den Auftakt
"Die Griechen sind frei zu entscheiden, Griechenland ist eine große Zivilisation", knurrte Sarkozy bei der Pressekonferenz und diktierte unverhohlen seine Bedingungen: "Wir haben vom griechischen Volk nichts gefordert. Wir haben nicht darüber befunden, ob es ein Referendum geben soll oder nicht. Aber wir können das Geld des europäischen, französischen oder deutschen Steuerzahlers nicht verpfänden, so lange nicht klar ist, dass die Regeln, über die wir einmütige am 27.Oktober abgestimmt haben, nicht respektiert werden."
Und Sarkozy machte klar: "Wenn sie nicht eingehalten werden, wird weder Europa noch der IMF einen einzigen Cent überweisen."
Am Donnerstagmorgen ist die Welt dann schon fast wieder in Ordnung - für Sarkozy zumindest. Erstmal kommt die Meldung, dass Papandreou in Athen die Mehrheit verloren hat und dann würdigt US-Präsident Obama - der im Drama um die Griechen fast schon zur Randfigur degradiert war- seinen "alten Kumpel" als "verlässlichen Partner" und "außerordentlichen Staatsmann" in Zeiten der Krise.
Und dann ist da noch Zeit für einen Glückwunsch an den frisch gebackenen Vater und einen Scherz unter Staatsmännern auf Augenhöhe. "Ich habe Präsident Sarkozy versichert, dass seine Tochter nicht nach dem Vater kommt, sondern nach der Mutter", menschelt Obama über Nachwuchs Giulia.
Damit ist absehbar, dass der G20 trotz des stürmischen Auftakts am Ende als Erfolg gefeiert werden wird. Als freundliche Geste an den Gastgeber von Cannes hat Obama versprochen, am Freitagabend mit Sarkozy in einem gemeinsamen TV-Interview aufzutreten. Wahlkampf-Beistand der mehr wert ist, als Dutzende von Werbespots. Auf die "amerikanischen Freunde" ist Verlass.
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- Donnerstag, 03.11.2011 – 13:43 Uhr
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Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.
Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
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