G-20-Proteste in London Gipfelgegner dringen in Bank ein

Sie skandierten "Stürmt die Bank" und "Schande über euch!": Wenige Stunden vor Beginn des G-20-Gipfels blockierten Tausende Demonstranten die Londoner Innenstadt. Es kam zu Ausschreitungen, Randalierer drangen in eine Filiale der Royal Bank of Scotland ein.


London/Berlin - Aufruhr im Londoner Bankenviertel: Vermummte gingen mit Wurfgeschossen und Eisenstangen auf Polizisten los, die Sicherheitskräfte wehren sich mit Schlagstöcken. Bei den Protesten gegen den G-20-Gipfel in der britischen Hauptstadt gab es am Nachmittag Ausschreitungen.

Tausende Demonstranten zogen zunächst friedlich durch die City, einige hundert jedoch versuchten sich schließlich gewaltsam ihren Weg zur Bank of England zu bahnen. Die Polizei hielt die Randalierer mit handfestem Einsatz auf. Bierdosen und andere Wurfgeschosse wie Früchte und Farbbeutel flogen durch die Luft.

Laut Agenturberichten kesselten Sicherheitskräfte rund 1200 Demonstranten vor der Bank ein. Fernsehbilder zeigten eine unübersichtliche Lage, immer wieder kam es zu Rangeleien, Tausende gerieten mit der Polizei aneinander. Mehrere Beamte sowie Demonstranten wurden verletzt. Die Polizisten schienen Mühe zu haben, die Masse in Schach zu halten, mit ihren gelben Leuchtwesten drohten sie, in der Menge unterzugehen.

Vor einer Filiale der staatlich kontrollierten Royal Bank of Scotland waren zunächst überhaupt keine Sicherheitskräfte zu sehen, als Randalierer unter dem Jubel anderer Demonstranten und unter den Augen zahlreicher Kamerateams und Fotografen mit Hilfe eines Eisenpfostens Fensterscheiben zerschmetterten. Mehrere Personen drangen in die Büros der Bank ein. Sie schmierten das Wort "Thieves" ("Diebe") an eine Wand und warfen Gegenstände aus dem Gebäude.

Nach Angaben von Scotland Yard wurden bisher 26 Menschen festgenommen. Einige von ihnen sollen Polizeiuniformen getragen haben. Insgesamt schätzte die Polizei die Zahl der Demonstranten im Bankenviertel auf 4000.

Die Menschen riefen "Schafft das Geld ab!", "Stürmt die Bank!" oder "Schande über euch", trugen Plakate mit der Aufschrift "Kapitalismus funktioniert nicht". Aus der Menge wurden Bildnisse der "Vier Reiter der Apokalypse" emporgestreckt, die für Krieg, Klimachaos, Finanzverbrechen und Obdachlosigkeit stehen sollen. "Die Gier, die die Menschen antreibt, zerreißt uns", rief ein Demonstrant.

Der Großteil der Demonstranten feierte eine fröhliche Straßenparty, die Gipfelgegner schlugen Zelte auf und machten Musik. Sie wollten ihrem Unmut über das Versagen des Weltfinanzsystems Luft machen, das Großbritannien besonders hart getroffen hat. Die Banker halten sie dabei für die Hauptschuldigen an der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Veranstalter der Protestaktionen haben den 1. April statt "April Fools' Day" zum "Financial Fools' Day" (Tag der Finanznarren) erklärt. In der britischen Hauptstadt waren Tausende Polizisten im Einsatz.

Mitarbeiter der Kreditinstitute machten sich in der City über den Protest lustig: Sie lehnten sich aus Fenstern und wedelten mit Zehn-Pfund-Noten ihren "Gegenspielern" zu. Viele ihrer Kollegen waren am Mittwoch aber erst gar nicht in die Arbeit gekommen, weil sie Übergriffe fürchteten, andere tauschten aus Angst vor möglichen Angriffen ihre Anzüge gegen Jeans und Jacke. Viele Gebäude im Bankenviertel waren mit Barrikaden geschützt, mehrere Straßen gesperrt.

Für den Nachmittag sind weitere Demonstrationen in London geplant, darunter vor der US-Botschaft. Für die Polizei stellen all die Proteste und der hochkarätige Besuch von 20 Staats- und Regierungschefs nach eigenen Angaben eine "noch nie dagewesene Herausforderung" dar. Rund 5000 Beamte waren für den Finanzgipfel im Einsatz.

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