G-20-Treffen Gipfelprotest gerät zur Spaß-Parade

Anarchisten, Antifaschisten, Aktivisten: Die Ziele der G-20-Gipfelstürmer könnten unterschiedlicher kaum sein. Ihr geballter Protest am "Tag der Finanznarren" zerfaserte in der Londoner Innenstadt - die angekündigte Revolution fiel aus.

Aus London berichtet


London - Den "gefährlichsten Mann Großbritanniens" - so nannte ihn eine Zeitung, weil er seit Jahrzehnten das ihm verhasste "System" bekämpft: Seine Autobiografie heißt "Verprügelt die Reichen" und das Blatt, das er erfand, "Klassenkampf".

Ian Bone, 61, will den Umsturz, so lange schon und so sehr, dass er an diesem sonnigen Morgen nun wirklich gar keine Muße hat zu plaudern. Ian Bone vibriert. "Keine Zeit, keine Zeit, Mann", raunzt er. "Es ist so viel los, die Revolution, du verstehst."

Die Revolution - man wird das Wort häufig hören in den kommenden Stunden. Die Jüngeren sagen es leichtfertig daher, die Älteren schwärmen davon, und einige, wie der geschasste Londoner Anthropologie-Professor Chris Knight, tragen es vor sich her wie ihr geschrumpftes Glaubensbekenntnis. "Das hier ist keine Demonstration, das ist die Revolution", verkündet Knight, das Gesicht weiß geschminkt, den Mund blutrot, er trägt einen schwarzen Zylinder, Anzug und Cape: Doktor Dracula langt in die Innentasche, sein Handy klingelt.

Doch die ersten Zweifel, ob sich eine Auflehnung der Massen tatsächlich entfesseln kann, schleichen sich bereits am Morgen ein. Halb 11, London Bridge, in 30 Minuten soll sich einer der vier Protestmärsche auf die Bank von England in Bewegung setzen, und bislang kommen auf jeden der etwa 50 Demonstranten geschätzte zwei Journalisten. Es wimmelt von Kameras, von Mikrofonen und jugendlich-neugierigen Gesichtern. Wütende Rentner, von skrupellosen Anlageberatern um die Früchte ihrer harten Arbeit gebracht, sucht man vergeblich.

Auch später bleibt die Großdemonstration am "Tag der Finanznarren", wie sie ihn nennen, vor allem ein Happening für gutgelaunte und wohlerzogene Vertreter der Generation U40. Sie wollen "Stellung beziehen", "ihre Stimme zu Gehör bringen" und "endlich etwas tun". Zwar sagen die Mittelklasse-Kids, sie seien wütend, ärgerlich und aufgebracht, fühlten sich im Stich gelassen, unfair behandelt, ausgebeutet gar, aber sie lächeln dazu, scherzen und machen Musik. Ihre Blaskapelle spielt die Hymne eines Tequila-Herstellers: Dadapdadadadadapdap. Die Menge grölt.

Natürlich sind unter den 4000 Demonstranten, die die Londoner Polizei vor der Nationalbank gezählt haben will, auch einige Verrückte, Ausgeflippte und Betrunkene. Ein Häuflein schwarz gekleideter Vermummter, ihr Häuptling nennt sich "Jeff", will sogar "endlich Action, Randale, dafür sind wir doch hergekommen", wie er sagt. Doch die Möglichkeiten sind rar. Auf den Straßen findet sich noch nicht mal ein Kaugummi, von potentiell gefährlichen Wurfgeschossen ganz zu schweigen.

Und dann noch die Polizisten, Tausende sollen es gewesen sein, groß und grimmig und in ihren Schlagschutzanzügen breit wie Kühlschränke. Dazu Helikopter und berittene Beamte. Schnell haben sie den Platz vor der Bank von England abgeriegelt. Keiner kommt mehr rein, keiner hinaus. Die bunte Truppe Demonstranten sitzt im Polizeikessel und weiß nicht recht weiter. Was tun?

Es geschieht genau das, was die Fernsehsender fortan in Endlosschleifen zeigen werden. Manche Demonstranten lassen sich auf Rangeleien mit den Beamten ein, in den Straßen wird geschoben, geschimpft und auch geschlagen. Von Zeit zu Zeit führen die Sicherheitskräfte Aufmüpfige ab. 20 Festnahmen meldet die Polizei später, das ist nicht viel. Auch erscheint keine der beiden Parteien besonders brutal vorzugehen, nach manchem deutschen Regionalliga-Kick geht es auf dem Parkplatz härter zur Sache.

Da reicht dann schon eine vergleichsweise harmlose Attacke auf das globale Finanzsystem, um für einiges Aufsehen zu sorgen. Ein Demonstrant schlägt am Nachmittag, er wird dabei umringt von Kameraleuten und Fotografen, die Schaufensterscheibe einer Filiale der Royal Bank of Scotland ein. Anschließend sollen Vermummte das Institut gestürmt und das Wort "Diebe" an die Wand geschmiert haben. Das war's auch schon.

Ebenso bleiben die befürchteten Übergriffe auf Bankmitarbeiter zunächst aus. Die Londoner Handelskammer hatte den Angestellten des Finanzdistrikts empfohlen, am heutigen Mittwoch auf Anzug und Krawatte beziehungsweise Kostüm und Stöckelschuhe zu verzichten. Viele hielten sich daran. Einige Geschäfte verrammelten zudem ihre Schaufenster oder ließen entschlossen aussehende Herren mit sehr kurzen Haaren aufmarschieren. "Es ist eine merkwürdige Atmosphäre im Viertel", sagt Aktienhändler Jeremy Batstone-Carr. Aber Revolution?

"Diese Krise ist eben abstrakt und komplex", weiß Attac-Sprecher Alexis Passadakis, der mit zwei Freunden in einer fast 20-stündigen Tour aus Berlin angereist ist. Weil die Verantwortlichen schwer auszumachen seien, hätten sich die Menschen bislang noch nicht in großer Zahl mobilisieren lassen. "Vielleicht ändert sich das noch." Eines stehe aber schon an diesem Nachmittag fest: "Einen Umsturz wird es nicht geben."

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