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G-8-Gipfel: Warum Afrika kein Geld vom Westen braucht

Von Thilo Thielke, Nairobi

Mehr Geld, mehr Entwicklungshilfe für Afrika fordern Popstars und Schauspieler von den G-8-Staaten. Der afrikanische Intellektuelle Lubega widersetzt sich: Durch diesen Blödsinn werde die Krise in den Hungerstaaten nur verschärft.

Henry Lubega arbeitet als Journalist in Ugandas Hauptstadt Kampala. Von den Plänen, die Entwicklungshilfe für Afrika zu erhöhen, hält er wenig - wie eine steigende Zahl afrikanischer Intellektueller. "Afrikas Problem ist doch nicht der Mangel an Geld", sagt Lubega.

Kenianische Großmutter mit ihrem Enkelkind: Den wahren Kolonialismus sieht Lubega bei den westlichen Philanthropen
Getty Images

Kenianische Großmutter mit ihrem Enkelkind: Den wahren Kolonialismus sieht Lubega bei den westlichen Philanthropen

Viele afrikanische Länder sind mit Rohstoffen gesegnet, gerade durch den chinesischen Wirtschaftsboom und Hunger nach Rohstoffen sind sie viel eher Profiteure der Globalisierung als deren Opfer. Und deshalb sei es eine "Tragödie", dass ständig versucht werde, die Hilfszahlungen zu erhöhen.

Warum diese gutgemeinte Hilfe schade? "Die Regierungen hier lassen es sich auf eine unverschämte Art und Weise von den westlichen Steuergeldern gutgehen und unternehmen nahezu nichts, die eigene Wirtschaft zu fördern." Ohne die komme Afrika aber nicht auf die Beine.

Es sei ganz einfach: Würde die Finanzhilfe der korrupten afrikanischen Regierungen gestrichen, müssten sich die Führer nach anderen Einkommensquellen umsehen: Steuern. "Erstens würde das die Vetternwirtschaft einschränken, denn Geld müsste dann auch von afrikanischen Wirtschaftsbonzen abgeführt werden, und die zahlen im Moment fast gar nichts. Und zweitens müsste die Regierung die Wirtschaft fördern, denn nur wenn die Wirtschaft brummt, nimmt auch der Staat Geld ein."

Lubegas Theorie klingt simpel und ist einleuchtend. Warum der Westen nicht verstehen will, dass er Afrika langfristig "zu Tode hilft" ist ihm ein Rätsel. Es habe wohl mit Psychologie zu tun, meint er achselzuckend: "Eure Minister und Schlagersänger fühlen sich besser, wenn sie sich auf diese Art produzieren können."

Und Afrika? "Ist ihnen wohl herzlich egal." Es klinge vielleicht paradox - aber manchmal sei eben mehr geholfen, "wenn die Überlebenskräfte des anderen gestärkt würden, als wenn man ihn mit seiner Philanthropie erdrücke".

Lubega steht mit seiner Ansicht nicht allein in Afrika. Dass er in Europa gehört wird, glaubt er hingegen kaum. "Die wahre Arroganz, der wahre Kolonialismus wird nicht von euren Unternehmern, diesen vermeintlichen Ausbeutern, an den Tag gelegt, sondern von euren Philanthropen. Sie sollten tun, worauf sie spezialisiert sind: Popmusik machen oder Parteipolitik. Afrika ginge es ohne ihre ständigen Nachstellungen jedenfalls besser."

Ob er der gewachsenen Aufmerksamkeit für Afrika aber nicht auch etwas Positives abgewinnen könne? Ach, das sei die alte Leier, sagt Lubega. Immer heiße es, man müsse die Menschen zwingen, sich mit Afrika zu beschäftigen. Aber wem sei damit geholfen? Gehe es den Geschundenen Darfurs etwa besser, seit Mia Farrow und George Clooney dort herumschwirrten? Profitiere Uganda von den Besuchen des Kölsch-Rockers Wolfgang Niedecken?

"Es gab hier Musik lange vor euch Europäern." Die deutsche Regierung habe es kürzlich sogar fertig gebracht, der kenianischen viele Millionen Euro zur Korruptionsbekämpfung zu überweisen. Dabei sei die kenianische Regierung erstens eine der korruptesten der Erde. Und zweitens bestehe Korruptionsbekämpfung doch wohl eher darin, ausnahmsweise einmal kein Geld zu nehmen, das man nicht verdient habe, anstatt sich damit die Taschen voll zu stopfen.

Der Tag in Kampala neigt sich dem Ende zu. Aus Deutschland hört man von Krawallen in Rostock. In Uganda wird immer noch der Sieg gegen Berti Vogts' nigerianische Super Eagles gefeiert. Kein guter Tag für Entwicklungshelfer.

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