China vor dem G20-Gipfel Ein Land in der Pubertät

China lädt zum G20-Gipfel und fährt mächtig auf. Doch das Land steckt im Zwiespalt: Es will unbedingt im Konzert der Großen mitspielen - sucht aber bei Themen wie Menschenrechten den Alleingang.

Empfangsbrigade der G20-Gäste am Flughafen Hangzhou
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Empfangsbrigade der G20-Gäste am Flughafen Hangzhou

Von , Peking


Wenn Gäste kommen, wird das Haus geputzt, und man sieht zu, dass nichts den Abend trübt. Da sind Regierungen nicht anders als Familien und Asiaten nicht anders als der Rest der Welt.

China, das an diesem Wochenende den G20-Gipfel ausrichtet, setzt allerdings neue Maßstäbe der Gastfreundschaft. Selbst in Peking, mehr als 1000 Kilometer vom Tagungsort Hangzhou entfernt, sind seit Tagen die Botschaften einzelner Teilnehmerstaaten weiträumig abgesperrt. Männer mit Maschinenpistolen patrouillieren in den Diplomatenvierteln.

DER SPIEGEL

In Hangzhou selbst, einer Zehn-Millionen-Stadt südwestlich von Shanghai, ist der Alltag praktisch zum Erliegen gekommen. Beamte und Angestellte haben eine Woche Urlaub, die Kinder schulfrei. Aus Hochhäusern in der Nähe des Konferenzzentrums mussten Tausende zeitweise ausziehen, ihre Wohnungen wurden versiegelt.

Der Betreiber eines muslimischen Restaurants, der Mitarbeiter aus der Unruheregion Xinjiang beschäftigt, wurde aufgefordert, zehn Köche nach Hause zu schicken - was in der saudi-arabischen Delegation zu Verstimmungen führte.

Seit den Olympischen Spielen 2008 übertrifft sich Peking selbst als Organisator internationaler Großereignisse. Obwohl sie oft nur als Zaungäste dabei sind, feiern viele Chinesen Veranstaltungen wie die Shanghai Expo 2010, den Apec-Gipfel 2014 oder die Militärparade zum 70. Jahrestag des Kriegsendes 2015. Nicht ohne Eigennutz: Wenn die Welt zu Gast ist, verbessert sich die Luft in China - weil ganze Provinzen ihre Hochöfen und schmutzigen Fabriken schließen.

Mehr noch als um die Chinesen selbst geht es Peking bei solchen Ereignissen aber um die Außenwirkung. Seit ein paar Wochen schaltet die Regierung von Australien bis Deutschland fleißig Anzeigen, die Chinas Image im Westen beeinflussen sollen - als Land weiser Staatenlenker, verantwortungsvoller Investoren und erfolgreicher Olympioniken.

Ungewöhnliche Ruhe in der Millionenstadt Hangzhou
DPA

Ungewöhnliche Ruhe in der Millionenstadt Hangzhou

"Chinas Führung will von der Welt anerkannt werden" sagt Li Datong, ein kritischer, vor Jahren kaltgestellter Kommentator. "Sie wissen, dass sie sich nicht isolieren können. Selbst der Große Vorsitzende Mao Zedong musste irgendwann (den damaligen US-Präsidenten, d. Red.) Richard Nixon einladen."

Wutausbruch wegen der Menschenrechte

Doch dieses Werben um internationale Anerkennung wirkt zunehmend paradox. Denn während China als Gipfel-Gastgeber, als Kultur- und Sportnation nach "Soft Power" strebt, wird seine Regierung in den harten Fragen der Außen-, Wirtschafts- und Menschenrechtspolitik immer kompromissloser.

Seit Langem schon ächtet Peking jeden westlichen Politiker, der es wagt, sich mit dem Dalai Lama zu treffen, dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter, oder mit exilierten chinesischen Menschenrechtlern.

Als der Permanente Schiedshof in Den Haag Anfang Juni den Philippinen recht gab und Chinas Anspruch auf fast das gesamte Seegebiet des Südchinesischen Meeres zurückwies, erklärte Peking das Verfahren zu einer "Farce" und den Schiedsspruch für "null und nichtig".

Und wer, wie kürzlich eine kanadische Journalistin in Ottawa, nach der Einhaltung individueller Menschenrechte in China fragt, der muss mit einem Wutausbruch des chinesischen Außenministers rechnen.

Peking bemüht sich um die Rolle, die sein wachsendes Gewicht mit sich bringt - die eines "Global Player", ohne dessen Mitsprache und Mitwirkung kein großes internationales Problem mehr gelöst werden kann. Aber China ist nicht geneigt, über Probleme zu diskutieren, die es als Hindernisse auf seinem Weg zur Weltmacht wahrnimmt.

Chinesische Soldaten, Maschine des US-Präsidenten
Getty Images

Chinesische Soldaten, Maschine des US-Präsidenten

Darüber wird zu reden sein - und darüber nicht

Ermüdend ausführlich berichteten Chinas Staatsmedien in den vergangenen Wochen über die Themen, die auf dem G20-Gipfel zu besprechen seien: die Wiederbelebung der Weltwirtschaft, die Reform der Finanzsysteme, die Klimapolitik und die Verbesserung der Entwicklungszusammenarbeit.

Fast ebenso viel stand aber über Themen zu lesen, über die ausdrücklich nicht zu sprechen sei: über Geopolitik, darunter die Konflikte im Ost- und im Südchinesischen Meer, sowie die Überkapazitäten, die China in den vergangenen Jahren aufgebaut hat und mit denen es heute die Weltmärkte überschwemmt - vor allem im Stahlsektor. Die globale Flüchtlingskrise, die Bundeskanzlerin Angela Merkel ab Dezember zum Thema der deutschen G20-Präsidentschaft machen will, kam am Rande vor.

China ist eine wankelmütige Weltmacht, hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, als Gleicher unter Gleichen zu gelten, und dem Anspruch, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein. China mag sich, wie Amerika, manchmal zu groß vorkommen, um sich unter anderen einzuordnen. Doch für einen Alleingang ist selbst das große China noch zu klein.

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
vitalik 03.09.2016
1.
Wie bitte? China will also mit den Großen mitspielen? Falsch, China ist bereits seit Jahren einer der Großen. Man hat mit einem Fingerschnippen fast die gesamte Solarindustire in Deutschland plattgemacht. Bald gehört halb Afrika den Chinesen und jede Woche liest man, dass ein deutsches Traditionsunternehmen an die Chinesen verkauft wird. [...]
docker 03.09.2016
2. Nun...
...immerhin wurden schon für viele Milliarden Immobilien in den USA von chinesischen Investoren gekauft (auch in EU?) - das ist doch schon mal ein Anfang. Auf dem eigenen Spielplatz lässt sich ganz prima mitspielen...
Zehetmaieropfer 03.09.2016
3. Verharmlosung einer der brutalsten Diktaturen
Die Überschrift "Ein Land in der Pubertät" stellt eine Relativierung einer der schlimmsten totalitären Diktaturen in der Welt dar. Ein Land, das so brutal grundlegendste Menschenrechte unterdrückt und extrem brutalen Völkermord in Ostturkestan und Tibet begeht, ist bestimmt nicht in der Pubertät.
clausbremen 03.09.2016
4. Ich kann ...
... die Betrachtung vollinhaltlich teilen. Die Überschrift aber ist ein Witz. Der Begriff "Pubertät" passt so gar nicht auf eine mehr als 2000-jährige Kulturnation, welcher wenig mehr fehlt als eine freiheitlich-demokratische Grundordnung. Eben diese aber wird bei uns in Europa gerade durch Brüssel in Gefahr gebracht und in Berlin hat man sie de facto bereits preisgegeben, indem man auf staatliche Souveränität verzichtet, nationale Identität negiert und die Entwicklung politischer Strömungen außerhalb des gewünschten Mainstreams behindert. Vor exakt einem Jahr wurde uns per Ordre de Mufti ein weiterer (Rück)Schritt hin zu einer neuen "Pubertät" aufgezwungen.
pawopa 03.09.2016
5.
Wir der Westen hätten nie Wirtschaftliche Beziehungen mit China anfangen sollen denn nur so konnte China zu dieser Weltmacht heranwachsen ohne Demokratie ohne Kontrolle China wird von Jahr zu Jahr mächtiger und nutzt es auch aus Sie Süd Chinesisches Meer
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