G20-Beginn in Hamburg Eine Farce

Wird das G20-Treffen in Hamburg die Welt weiterbringen im Kampf gegen Hunger, Armut und Klimawandel? Wohl kaum.

Merkel und Trump vor dem G20-Gipfel in Hamburg
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Merkel und Trump vor dem G20-Gipfel in Hamburg

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Es ist das vielleicht seltsamste Bild, das die Welt jemals von Angela Merkel gesehen hat. Donald Trump ist gerade erst in Hamburg gelandet und mit einer Hubschrauberflotte in die Innenstadt weitergeflogen. Man trifft sich zum Vorgespräch im Hotel Atlantic, bevor es tags darauf richtig losgehen soll mit dem G20-Gipfel. Und da stehen die Kanzlerin und der amerikanische Präsident also vor hellblauem Hintergrund, um sich öffentlich die Hände zu schütteln.

Merkel sagt selbst von sich, sie sei unfähig zum Pokerface. Die Frau, die sich nicht verstellen kann, muss es diesmal doch probieren. Unter allen Umständen freundlich muss sie dreinblicken, schließlich ist sie die Gastgeberin, schließlich will sie Trump vielleicht doch noch einbinden in eine irgendwie gemeinsame Klimaschutzpolitik, ihn irgendwie dafür gewinnen, zumindest Interesse zu heucheln an diesem multilateralen Treffen. Die Kanzlerin schnappt sich beherzt die Rechte des US-Präsidenten, wendet sich den Kameras zu und versucht ein strahlendes Lächeln. Es misslingt auf bizarre Weise.

Die seltsame Gesichtsverzerrung der Kanzlerin mag nur eine Momentaufnahme sein, doch dieses Bild ist Vorbote für alles, was von dieser Tagung der Mächtigsten zu erwarten ist: Eine Show ohne echten Inhalt.

Wo schlägt das Herz Europas?

Das hatte sich Merkel wohl anders vorgestellt. Als vor drei Jahren klar wurde, dass Deutschland 2017 Gastgeber des G20-Gipfels sein würde, klang das nach einem wunderbaren Wahlkampfgeschenk: Die weise deutsche Staatenlenkerin im Kreise ihrer globalen Partner, die Probleme der Welt im Blick und gemeinsame Lösungen in der Tasche.

Diese Hoffnung wird sich kaum erfüllen.

Am Donnerstagvormittag hatte Trump in einer bemerkenswert martialischen Rede in Warschau Polen den unbedingten Beistand der USA versichert. Er schilderte dabei so detailliert den polnischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung, dass man meinen konnte, der Zweite Weltkrieg sei gestern erst zu Ende gegangen.

Polen, sagte Trump, sei "das Herz Europas". Darin steckte bereits eine ungesagte Botschaft an die Gastgeberin in Hamburg: Ihr Deutschen seid es nicht. Herzlich zugetan ist der Amerikaner der rechtsautoritären polnischen Regierung, nach Deutschland muss er dann leider auch noch weiter.

Affront der beiden Machomachthaber

Am Abend wurde bekannt, dass Trump sein erstes Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ausgerechnet während der G8-Sitzung zu Merkels Herzensthema Klimaschutz terminiert hat. Sollen die doch über die globale Erwärmung reden, die gibt es ja gar nicht, die interessiert ihn nicht. Er schwänzt gemeinsam mit Putin.

Gipfelstandort Hamburg
DER SPIEGEL

Gipfelstandort Hamburg

Es ist ein gemeinsamer Affront der beiden Machomachthaber. Immerhin, sie scheinen sich ganz gut zu verstehen, jedenfalls wenn es darum geht, Merkel eins auszuwischen. Nach Trump traf Merkel dann noch ihren Widersacher Recep Tayyip Erdogan. Der hatte schon im Vorfeld in mehreren Interviews klargemacht, dass von ihm keinerlei Zugeständnisse zu erwarten sind. Was immer sie sich einmal erhofft haben mag: Es wird ein Gipfel des Missvergnügens für Angela Merkel.

Da die USA unter Donald Trump als stabiler Partner offensichtlich verloren sind, setzt sie nun ihre Hoffnung auf den chinesischen Staatschef Xi als Gegengewicht. Gemeinsam hat man bereits in schönster Einvernehmlichkeit ein Pandagehege in Berlin eröffnet. Es mag schon sein, dass der Chinese im Vergleich zu Trump eine wohltuende Vernunft ausstrahlt. Doch es ist eine höchst zweifelhafte Partnerschaft, die Merkel hier eingeht.

Win-win für die wenigen

Man könnte auf den Hinrichtungsrekord der Volksrepublik verweisen, oder etwa auf den Umgang mit dem Friedensnobelpreisträger und Regimekritiker Liu Xiaobo, der erst aus der Haft entlassen wurde, als klar war, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Aber eigentlich reicht schon der Satz, mit dem Lukas Podolski jüngst begründete, mehrere Angebote ausgeschlagen zu haben, künftig in China Bälle zu treten: "Was da hinter den Kulissen passiert, das hat nichts mit Fußball zu tun."

Und das gilt im Grunde für diesen G20-Gipfel insgesamt. Man kann den Zorn verstehen, mit dem die Demonstranten in Hamburg gegen dieses Treffen der Mächtigen aufbegehren. Bei allem guten Willen der Gastgeberin, die über Klima, über Hilfe für Afrika, über die Bekämpfung von Epidemien und mehr Chancen für Frauen reden will: Es bleibt dabei, hier tagt ein exklusiver Klub, der vor allem daran interessiert ist, das arg knarzende System des globalen Finanzkapitalismus am Laufen zu halten.

Meinungskompass

Merkel mag noch so oft von der Globalisierung als "Win-win-Situation" sprechen, womöglich in der Hoffnung, dass sich diese griffige Formulierung wenigstens für ein paar Stunden im Kurzzeitgedächtnis des US-Präsidenten hält - hier sitzen nur solche am Tisch, die sowieso gewonnen haben. Der Rest der Welt darf zusehen, ob dabei noch etwas für ihn abfällt. Würden hier die Chefs der 20 größten Weltkonzerne tagen, es wäre womöglich ehrlicher.

Schon klar: Miteinander zu reden, ist immer besser, als es nicht zu tun. Aber warum eigentlich nur im Kreis dieser exklusiven, gerne sogenannten Weltregierung? Martin Schulz und Sigmar Gabriel haben nun vorgeschlagen, solche Treffen künftig bei den Vereinten Nationen in New York abzuhalten. Da wären dann wenigstens alle dabei. Und vielleicht echter, global-demokratisch legitimierter Fortschritt zu erreichen.

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G20-Gipfel: Polizei stoppt Demonstration

Bilder der sinnlosen Gewalt

Aber vielleicht passiert ja noch ein Wunder, und wir werden am Ende eine minimal progressive Abschlusserklärung zu lesen bekommen, in der man sich vage auf globale Zusammenarbeit gegen Klimawandel, Hunger und Armut verständigt. Sie wäre zwar sowieso nicht verpflichtend, doch müsste man sich wenigstens nicht schämen, für G20 eine ganze Stadt lahmgelegt zu haben, unter Inkaufnahme noch gar nicht bezifferbarer Kosten und mit quasi-militärischer Einschränkung der Bewegungsfreiheit ihrer Bewohner.

Viel wahrscheinlicher ist es aber, dass Donald Trump bei der Abreise schon Minuten nach dem Start seiner Air Force One vergessen haben wird, mit wem er da eigentlich genau über was geredet hat. Am nächsten Morgen wird er dann mit einem skandalösen Tweet über das unvorteilhafte Aussehen des übergewichtigen Hundes einer TV-Moderatorin die Nachrichten bestimmen. Erinnern wird man sich von G20 in Hamburg dann wohl nur noch an die Bilder der sinnlosen Gewalt bei den Demonstrationen, an brennende Autos, Pfefferspray und Wasserwerfer.

"Die G20 ist ein informelles Forum der Zusammenarbeit. Diese Zusammenarbeit baut auf einem gemeinsamen Wertefundament auf", schreibt Angela Merkel in ihrem Programm zum Gipfel. Schön wäre es.

insgesamt 154 Beiträge
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Seite 1
latrodectus67 07.07.2017
1. Kein Klimaschutz?
Oh mein Gott! Statt darüber zu diskutieren wie der Klimawandel aufzuhalten ist, der das gesamte Leben in einem schrecklichen Inferno von diesem Planeten brennen wird. Stattdessen treffen sich die Präsidenten der beiden führenden Atommächte dieses Planeten, um sich über so unbedeutenden Krampf wie Frieden zu unterhalten. Ich bin nachgerade erschüttert! Frau Merkel muss da unbedingt einschreiten und diese Fehlentwicklung stoppen.
kolybri 07.07.2017
2. treffend formuliert,
mehr ist dem nicht hinzuzufügen
Olaf 07.07.2017
3. Wer sonst?
Wenn nicht die Regierungen der mächtigsten Länder der Welt, sollen die Welt den weiter bringen? Und wie sinnvoll sind dann Demos und Konzerte gegen eine sinnlose Veranstaltung?
thommy2130 07.07.2017
4. Showveranstaltung
Hunderte von Millonen Steuergelder kostet diese lächerliche Veranstaltung die nichts bringt. Reine inzenierung der Staatschefs. Das Geld wäre für Kitas und Schulen besser angelegt. Aber dafür hat unsere Regierung kein Geld.
nic 07.07.2017
5.
"Wird es die Welt weiterbringen im Kampf gegen Hunger, Armut und Klimawandel?" Ist ein Fehler den "Mächtigen" zu unterstellen, dass das auf ihrer "Agenda" steht. Es geht um die Befriedigung der Gier von Wenigen.
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