Gabriel bei G20-Treffen Außenminister im Millimeter-Modus

Außenminister Gabriel muss sich im Schnelldurchgang in seinem neuen Amt orientieren. Beim G20-Treffen der Außenminister lernt er den Wert der Geduld.

Außenminister Gabriel, US-Amtskollege Tillerson
Reuters

Außenminister Gabriel, US-Amtskollege Tillerson

Aus Bonn berichtet


Sigmar Gabriel würde wohl noch gerne eine Frage beantworten, aber die Zeit drängt. Der deutsche Außenminister muss zum Essen mit den Kollegen, sein Sprecher weist ihn darauf hin. Gabriel blinzelt in den Pressesaal und sagt: "Obwohl ich nicht so aussehe, als hätte ich es nötig."

Im World-Conference-Center in Bonn, dem Austragungsort des Treffens der Außenminister der G20, wird gelacht. Es ist unüberhörbar und war auch so erwartet worden: In Stil und Tonalität unterscheidet sich Gabriel von seinem Vorgänger. Frank-Walter Steinmeier, der am 18. März als neuer Bundespräsident ins Schloss Bellevue zieht, hätte wohl keinen Witz über sein Äußeres gemacht.

Dass Gabriel direkter ist, wo Steinmeier zurückhaltender formuliert hätte - das ist an sich noch keine neue Erkenntnis. Schon als Bundeswirtschaftsminister suchte er in den vergangenen drei Jahren mitunter das deutliche Wort und handelte sich dafür, wie auf einer Reise nach Iran, Ärger ein. Gabriel - einer der erfahrensten Bundespolitiker - macht gar keinen Hehl daraus, dass manches in seinem neuen Leben wirklich neu für ihn ist. Als ihn eine arabische Journalistin nach seinem Treffen mit dem saudi-arabischen Außenminister fragt, sagt er als Erstes: "Es war für mich sehr überraschend, weil er wirklich exzellent Deutsch spricht." Tatsächlich wirkt das zweitägige Treffen in Bonn, an dem 18 Außenminister und zwei Vizeaußenminister teilnehmen, wie eine Art diplomatisches "Speeddating". Manche Kollegen kennt Gabriel zwar aus seiner früheren Ministerzeit, wie Sergej Lawrow aus Russland. Die Mehrzahl der Außenminister sieht er hier aber zum ersten Mal.

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Treffen der G20-Außenminister: "Zusammenarbeit aller mit allen"

Als Bonn für das G20-Treffen ausgesucht wurde, konnte niemand ahnen, dass Donald Trump US-Präsident werden würde. Nun wird die Stadt am Rhein, Sitz diverser Uno-Institutionen, zum symbolischen Ort - für internationale Zusammenarbeit, gegen Abschottung und Protektionismus. Gabriel selbst weist auf Bonn als Ort des "Multilateralismus" hin - ein Wink in Richtung USA. Und es fällt nicht nur sein längeres Händeschütteln vor seiner ersten Zusammenkunft mit dem chinesischen Kollegen Wang Yi auf, in seiner anschließenden (schriftlichen) Erklärung heißt es auch, dass Deutschland und China "gerade in diesen stürmischen weltpolitischen Zeiten unsere umfassende strategische Partnerschaft weiter ausbauen wollen".

Wie macht sich Gabriel im Job des Chefdiplomaten?

Viel ist in den vergangenen Wochen darüber geschrieben worden, ob Gabriel für das Amt des Chefdiplomaten überhaupt geeignet sei. Zu impulsiv, zu kurzatmig - das sind einige der Attribute, die der Sozialdemokrat über sich hat lesen müssen. Aber sein Verzicht auf die Kanzlerkandidatur hat die Umfragewerte für die SPD unter Martin Schulz rasant ansteigen lassen. "Deshalb habe ich es ja getan", hat er in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erklärt. Das Interview, das am ersten Tag des G20-Treffens erschien, umreißt die Agenda für die kommenden Monate: "Die historische Herausforderung ist, ein neues, ein stärkeres Europa zu schaffen. Sonst werden wir weder von Herrn Trump und Herrn Putin ernst genommen noch von China", lautet ein zentraler Satz.

In Bonn geht Gabriel auf einer Pressekonferenz auf die durch die neue US-Politik angestoßene Debatte über künftige Verteidigungslasten ein. Europa werde sicherlich mehr Verantwortung übernehmen müssen, sagt er, doch dürfe man nicht die Frage der "Sicherheits- und Friedenspolitik auf die Höhe des Verteidigungshaushalts reduzieren".

Gabriel ist Außenminister in einer Zeit, in der die Nachkriegsordnung ins Rutschen zu geraten droht. Nato, EU, Uno, der freie Welthandel - die Säulen, auf denen die internationale Politik der vergangenen Jahrzehnte ruhte, sind in Gefahr. Alle blickten in Bonn daher auf den neuen Mann aus Washington. Auch Rex Tillerson hat hier seinen ersten Auftritt auf der internationalen Bühne. "It's a pleasure", sagt Gabriel zu seinem Gast, und Tillersen setzt ein strahlendes Lächeln auf.

Amtskollege Tillerson ist im Zuhörermodus

Gabriel hat Tillerson vor zwei Wochen als erster Außenminister in Washington besucht, den früheren Ölmanager als pragmatischen Mann kennengelernt. In Bonn reden sie - nach einem Abendessen der G20-Minister in großer Runde - noch eindreiviertel Stunden miteinander. Es geht um die großen Themen - Syrien, Ukraine, Nato, aber auch um den Welthandel. Den Eindruck, den Gabriel mitnehmen kann: Tillerson ist im Zuhörermodus, er will mehr über die Ansichten der Verbündeten erfahren. Noch scheint nichts in Stein gemeißelt, Besuche in Washington lohnen sich also, bevor grundlegende Entscheidungen fallen. Tillerson ermuntert die Deutschen, den Minsker Friedensprozess im Normandie-Format (mit Frankreich, Russland und der Ukraine) fortzusetzen. In der großen Runde der Außenminister hat er sich - wenn auch in Nuancen - zum Prinzip des Multilateralismus bekannt, auch das war in Diplomatenkreisen in Bonn zu hören.

Man habe sich gefreut, dass Tillerson nach Bonn gekommen sei und eine "aktive Rolle eingenommen hat", wird Gabriel am Freitag auf der Abschluss-Pressekonferenz sagen. Die Welt brauche die internationale Zusammenarbeit, um Krisen zu bewältigen.

Für die deutsche Außenpolitik ist das Bekenntnis Tillersons zum Minsker Friedensprozess ein erstes positives Signal. Gabriel will die Gespräche zur Befriedigung des Krieges in der Ost-Ukraine, wofür sein Vorgänger und die Mitarbeiter im Auswärtigen Amt seit über zwei Jahren viel Geduld und viel Zeit investierten, fortsetzen. Dass das mitunter frustrierend ist, weiß er. Nach Bonn geht es für ihn am Samstag nach München. Dort wird Gabriel am Rande der Sicherheitskonferenz mit seinen Kollegen aus Frankreich, Russland und der Ukraine über den Konflikt reden. Große Erwartungen hat er nicht. Man werde darüber sprechen, wie "wir den Waffenstillstand tatsächlich durchsetzen können".

In Bonn wird deutlich: Gabriel ist mitten drin in der zähen Millimeterarbeit der Diplomatie.

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insgesamt 9 Beiträge
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klaus64 17.02.2017
1. Gewisse Selbstüberschätzung Deutschlands
In gewisser Weise fühlen sich deutsche Politiker als wichtiges Zentrum der Welt, was sie aber nicht sind. Deutschland ist für viele Länder politisch nicht so wichtig wie wir glauben. GB, Frankreich als alte Kolonialmächte sowie USA, Russland und China, Japan, auch Israel machen ihre Politik ohne Deutschland.
kospi 17.02.2017
2.
Zitat von klaus64In gewisser Weise fühlen sich deutsche Politiker als wichtiges Zentrum der Welt, was sie aber nicht sind. Deutschland ist für viele Länder politisch nicht so wichtig wie wir glauben. GB, Frankreich als alte Kolonialmächte sowie USA, Russland und China, Japan, auch Israel machen ihre Politik ohne Deutschland.
Seltsam, warum wird dann Frau Merkel als die mächtigste Frau der Welt gehandelt? Und warum blicken ausländische Mächte, wenn sie nach Europa blicken, immer zuerst auf Deutschland? Bestimmt nicht, weil Deutschland sowas von unwichtig ist.
wire-less 17.02.2017
3. Verstehe ich jetzt nicht?
Natürlich betrachten unsere Politiker und Medien unsere Interessen aus unserer Perspektive. D.h. es wird gemeldet wenn unser Außenminister etwas macht und nicht wenn der Australische, Bengalesiche, .... Das lässt den Deutschen Außenminister wichtiger erscheinen. Das bedeutet nicht das unser Außenminister mehr zu sagen hat als andere. DE ist mit 80Mio Einwohnern ein recht kleiner Teil der Weltbevölkerung. Durch die relative wirtschaftliche Stärke (Geld bewirkt etwas) kann man etwas mehr bewirken wie ein Afrikanischer Staat mit 80Mio. Aber ja. Der Einfluss/Wichtigkeit von Deutschland ist begrenzt. Das sagen Deutsche Politiker doch auch recht häufig und betonen dabei die Wichtigkeit von Europa. Ich hab' den Eindruck andere Nationen nehmen sich deutlich wichtiger.
joG 17.02.2017
4. Wenn er mit seinen Gedanken....
.....zu dem 2 Prozentziel aufhält und nicht die Nato Zusagen erfüllt, wird er gezwungen sein ein EU Heer aufzubauen und das wird sehr viel teurer als die jetzigen Verträge einzuhalten. Wie Schäuble sagt: Verträge muss man erfüllen. Wenn man das nicht tut und der Andere kein Obama ist, bekommt man die Zähne eingetreten wie die Griechen in anderem Zusammenhang.
felix_tabris 17.02.2017
5. Zwei Aspekte die mir aufgefallen sind
1) Der US-Außenminister in "Zuhörer-Modus" kann gerade mal das absolute Notwendige sagen, was von ihm erwartet wird. Kein Milimeter mehr. Das mag daran liegen, dass er quasi wirklich "Neuland" betritt - und eigentlich nur Ahnung hat vom Öl. Und genau das seine eigentliche Mission ist; schließlich hat er dafür auch von EXXON eine gigantische Abfindung bekommen - eigentlich: ein Vorschuß für den Deal mit Russland. Die entsprechenden verhandlungen werden bloß unter dem Titel "Außenminister" geführt. Eigentlich wäre Wirtschaftsminister wahrhaftiger. Welche Ironie denk ich an Gabriel. 2) Justin Trudeau ist der neue Obama! Nicht nur für Deutschland, sondern für die (westliche) Welt. Das ist natürlich ein enormer Bedeutungszuwachs für Kanada - und es ist gewiss hilfreich, Trudeau dabei zu unterstützen. Ja, es ist nicht unbedingt die größte und mächtigste Nation der Welt, die "absolut" entscheidend, hegemonial, bestimmt. Man möge sich doch bittschön die Geschichte von Gullivers Reisen in Lilliput nochmal zu Gemüte reinziehen. Die vielen kleinen Zwerge mit ihren kleinen Fäden sind in ihrer Summe stärker als der einzige große Riese. Das Zauberwort ist: Kooperation und Solidarität.
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