Trump trifft Putin Turtelnde Machos

Sie sprachen viel länger miteinander als erwartet: Bei ihrem ersten Treffen am Rande des G20-Gipfels gingen Donald Trump und Wladimir Putin zur Sache. Sie verstanden sich gut - so gut, dass sie am Ende jemand zum Aufhören drängen wollte.

Trump und Putin beim G20-Gipfel in Hamburg
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Trump und Putin beim G20-Gipfel in Hamburg

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Zwei Stunden, 16 Minuten: So lange sprachen sie miteinander, die zwei Präsidenten der weltgrößten Atommächte. 106 Minuten länger als geplant. Das ist doch was. Selbst wenn man die Zeit für die Dolmetscher abzieht.

Donald Trump traf Wladimir Putin: Der Mini-Gipfel am Rande überschattete den Mega-Gipfel an der Elbe. Syrien, Ukraine, Nordkorea, die Einmischung Russlands in die US-Wahlen: so viele Reizthemen, so viele Spekulationen.

Würde der alte Hase (Putin) den Novizen (Trump) ausmanövrieren? Würde Trump die Hackerangriffe - die er selbst ja als Angriff auf seinen Wahlsieg versteht und deshalb immer wieder bestreitet - konkret ansprechen? Würden die zwei zueinanderfinden über ihre gemeinsame Aversion gegen Kritiker und die kritischen Medien?

Vor allem für Trump stand viel auf dem Spiel, nicht zuletzt seine Legitimität und Glaubwürdigkeit, verstrickt in die Wahlzweifel und die mutmaßlichen Absprache seines Teams mit Moskau. Weshalb er das also als Allererstes thematisierte: Trump habe Putin gleich zu Beginn des Treffens "die Sorgen des amerikanischen Volkes" über eine russische Wahleinmischung vermittelt, sagte US-Außenminister Rex Tillerson, der mit dabei war, anschließend.

"Die Chemie hat gestimmt"

Putin habe das dementiert, berichtete Tillerson, doch die Sache bleibe eine "unlösbare Meinungsverschiedenheit" und "eine klare Behinderung" der Beziehungen, auch wenn sich Trump und Putin geeinigt hätten, "dass es weitergehen muss". Auf der anderen Seite hörte sich das dagegen ziemlich anders an: "Russland hat damit nichts zu tun, das hat Trump akzeptiert", behauptete Tillersons russischer Amtskollege Sergeij Lawrow. Akzeptiert? Wirklich? Über die entgegensprechenden Erkenntnisse der US-Geheimdienste hinweg?

Abgesehen davon standen die Gemeinsamkeiten im Mittelpunkt, so jedenfalls die Sprachregelung, verbreitet in separaten Pressekonferenzen. "Die Chemie zwischen den beiden hat gestimmt", vermeldete Tillerson. Besonders gefallen habe ihm persönlich, dass man nicht lange über alte Probleme geredet habe: "Die Vergangenheit wird nicht neu verhandelt." Auch Lawrow sprach mehr als einmal von "sehr konstruktiven Gesprächen".

Schon vor dem offiziellen Treffen kam es zum Handshake

So gut verstanden sich die beiden nach seinen Worten, dass sich das Treffen zog und zog. "Einmal kam sogar Präsident Trumps Ehefrau herein und wollte uns rausholen", sagte Tillerson. "Aber sie ist mit dem Versuch gescheitert."

Konkrete Ergebnisse? Eine kleine Waffenruhe für Syrien wurde vereinbart, an der Grenze zu Jordanien und überwacht von russischen Militärpolizisten, doch die war schon lange im Gespräch gewesen. Außerdem ein neuer Kommunikationskanal, um sich über den Ukrainekrieg auszutauschen, und eine neue Arbeitsgruppe zum Thema Cybersicherheit. Ferner habe man über Nordkorea, die Ukraine und Terrorismus gesprochen, wobei die Details unklar blieben. Immerhin: allerhand für ein Meeting, das eigentlich "keine spezifische Agenda" hatte, so US-Sicherheitsberater H.R. McMaster, der die Erwartungen zuvor ebenso heruntergeschraubt hatte, wie es Putins außenpolitischer Berater Jurij Uschakow tat.

Jede Geste eine Botschaft

Ansonsten beschnupperten sie sich erst mal. Neben den Dolmetschern waren allein die beiden Außenminister mit dabei, was auch die Zahl der Teilnehmer reduzierte, die anschließend was ausplaudern konnten, darauf soll das von Durchstechereien geplagte Weiße Haus bestanden haben. Fiona Hill, die Putin-kritische Russlandexpertin im Sicherheitsrat, musste draußen bleiben.

So blieb einem mangels anderer Quellen lange nichts anderes übrig, als die Körpersprache dieser zwei turtelnden Machos zu interpretieren. Jede Geste eine Botschaft. Da hockten sie also, in aseptisch-weißen Ledersesseln, Beine gespreizt, Arme aufgestützt. Putin, so hieß es, habe für die Fotografen nicht stehen wollen, damit nicht allzu offensichtlich würde, wie viel kleiner er ist.

Schon zum Anfang übertrafen sie sich vor lauter banalen Höflichkeiten. "Es läuft sehr gut", fabulierte Trump, obwohl sie sich da gerade erst hingesetzt hatten. "Wir hatten ein paar sehr, sehr gute Gespräche." Meinte er damit etwa ihre bisherigen drei Telefonate? "Wir freuen uns auf viel Positives, das für Russland und für die USA und für alle Beteiligten passieren wird." Na gut.

Putin revanchierte sich: "Ich bin entzückt, Sie persönlich kennenlernen zu können, Mr President", gurrte er. "Telefonate sind sicherlich nie genug." Auch er hoffe auf ein "positives Resultat". Dann machte er einen Scherz: "Sind das die, von denen Sie beleidigt wurden?", fragte er Trump, der sich via Twitter einen Krieg mit US-Medien führt, und zeigte auf die Journalisten im Raum.

Ein erster Erfolg für Putin

Zweimal streckte Trump Putin die ausgestreckte Hand hin, zweimal ergriff der sie. Dreimal insgesamt, wenn man ihre erste, kurze Begegnung an einem Stehtisch mitzählt, von der Bundesregierung als Facebook-Video verbreitet und von den US-Sendern in Zeitlupe analysiert. Dreimal tat Trump also den ersten Schritt: Schon das dürfte der Kreml als Erfolg auslegen.

Putin kam auf Einladung von Bundeskanzlerin Merkel
DPA

Putin kam auf Einladung von Bundeskanzlerin Merkel

Trump ist bereits der vierte US-Präsident, mit dem Putin zu tun hat, nach Barack Obama, Bill Clinton und George W. Bush. Und immer war es so, dass man sich zuerst mit Freundlichkeiten bedachte und irgendwie versuchte, eine Beziehung aufzubauen. Doch die endete stets in Differenzen: Putin fühlte sich nicht auf Augenhöhe behandelt, reagierte mit scharfer antiamerikanischer Rhetorik, was er dann innenpolitisch nutzte. So gesehen waren auch die jetzigen Witzeleien nur erste Schmeicheleien - mehr nicht.

Zu groß ist das Misstrauen im Kreml gegen Trump, der in der Russlandaffäre in der Defensive steckt und deshalb nicht so handeln kann, wie er will. Zu groß die Unsicherheit, ob sich der sprunghafte und vor allem um sich selbst kreisende US-Präsident sich wirklich festlegen lässt und "Deals" ernst nimmt. (Über die Enttäuschungen der vergangenen Monate lesen Sie hier mehr.)

Für Putin war das Treffen mit Trump zumindest ein erster Erfolg. Auch das russische Staatsfernsehen verkündete stolz dessen Länge, allerdings mit einem kleinen, wohl zufälligen Unterschied: zwei Stunden, 15 Minuten.



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Seite 1
walter_e._kurtz 07.07.2017
1. putin, das kgb-schlitzohr
Ich hatte es zu einem anderen Artikel bereits geschrieben: Putin weiß genau, wie er Trump bespielen muß. Bin gespannt auf die nächsten Jahre...
_alexander_ 07.07.2017
2. Da müssen...
einige schier durchgedreht sein, als sie mitbekommen haben, dass die zwei sich knappe zwei Stunden miteinander unterhalten haben. Die Autorenschaft dieses Artikels hat sicherlich dazu gehört.
Izmir..Übül 07.07.2017
3.
Da werden ja jetzt viele Leute erleichtert aufatmen, dass sich ihre Idole wieder lieb haben. Bei Trump weiß man allerdings nicht, ob das nicht beim nächsten Tweet wieder alles Makulatur ist, da er immer der Meinung desjenigen ist, mit dem er zuletzt gesprochen hat.
heinzpeter0508 07.07.2017
4. Das war doch abzusehen, dass die Beiden sich gut verstehen
das Getöse zuvor von Trump gegenüber Russland war doch nur Theaterdonner um seine Gegner in den USA etwas ruhig zu stellen. Bei den Kontakten die Trump zuvor mit Russland hatte, sowie dem guten Verhältnis von Rex Tillerson mit Russland, auch Michael Flynn zuvor, war nichts anders zu erwarten.
Entsetzen 07.07.2017
5. Putin
- und das zeigte seine Mimik - steckt Trump doch mit "Links in die Tasche". Für ihn ist Trump nur ein "Opfer".
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