G20 in Seoul: Verbündete prangern US-Wirtschaftspolitik an

Aus Seoul berichtet Marc Hujer

Es sollte ein Neustart werden nach den verlorenen Kongresswahlen. Barack Obama reiste nach Indien und Indonesien und jetzt zum G-20-Gipfel nach Südkorea. Doch überall hagelte es Kritik an der US-Wirtschaftspolitik: Die alten Partner fallen dem Präsidenten in den Rücken.

Obama und Südkoreas Präsident Lee: Die Gastfreundschaft hält sich in Grenzen Zur Großansicht
AFP

Obama und Südkoreas Präsident Lee: Die Gastfreundschaft hält sich in Grenzen

Zwei Worte auf Arabisch, das schien zu genügen, und alles klang wieder so leicht, so schwerelos wie früher, als er noch nicht Präsident der Vereinigten Staaten war. "Salaam aleikum", rief Barack Obama in die Sport-Arena der Universität von Jakarta, Friede sei mit Euch", und 6000 Studenten jubelten ihm zu.

Indonesien - das Land mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung - war seine letzte Station vor dem G-20-Gipfel in Seoul. Sein Besuch sollte ein Signal der Versöhnung mit der muslimischen Welt sein. Aber er stand auch für den größeren Anspruch Obamas, der Präsident aller zu sein, der Grenzen überwindet und zusammenbringt, was scheinbar nicht zusammengehört, Parteien, Großmächte, Religionen.

Fotostrecke

10  Bilder
G-20-Gipfel: Proteste und Händeschütteln in Seoul
Am Tag darauf steht der US-Präsident nun in Seoul, der koreanischen Hauptstadt, hier hat an diesem Donnerstag die G-20-Tagung begonnen. Er gibt seine erste Pressekonferenz, aber die Frage ist nicht, ob Amerika die Welt zusammenbringt, ob Obama die Welt versöhnt. Es geht um den Vorwurf, dass Amerikas Wirtschaftspolitik die Welt spaltet.

Neben Obama steht Lee Myung-bak, der Präsident Südkoreas. Auch an ihn geht die Frage, auch er wird gefragt, ob Obamas Amerika nicht eine Gefahr für die Weltwirtschaft sei, weil die US-Notenbank gerade für 600 Milliarden Dollar Staatsanleihen gekauft habe und die Weltfinanzmärkte so mit billigem Geld überschwemme.

Lee könnte jetzt gastfreundlich sein, sich mit einer diplomatischen Floskel aus der Affäre ziehen, wie Obama es gerade getan hat. Er könnte erklären, an einer starken amerikanischen Wirtschaft seien alle Länder interessiert, da gebe es keine Meinungsunterschiede. Aber Lee sagt: "Das ist ehrlich gesagt eine Frage, die man mir nicht stellen sollte, wenn Präsident Obama neben mir steht."

"Win-Win-Situation" wurde zu seinem Lieblingswort

Was ist geblieben vom Aufbruch, den Obama versprochen hat, von einem besseren Amerika nach acht Jahren George W. Bush? Von dem Traum eines Landes, das wieder mehr Freunde in der Welt haben wollte, mehr Loyalität? Es war das große Versprechen Obamas, neues Vertrauen zu schaffen, im eigenen Land zwischen Republikanern und Demokraten, aber auch international. Er wollte das politische Klima in Washington verändern, und damit auch das Bild von Amerika in der Welt. Die USA sollten eine freundliche, verständnisvolle Supermacht werden.

Jetzt sieht es so aus, als seien das alles nur leere Worte gewesen.

Als Obama am vergangenen Donnerstag, zwei Tage nach den Midterm Elections, nach Asien aufbrach, sah es so aus, als könne die Reise den nötigen Themenwechsel bringen nach der verlorenen Zwischenwahl. Sie war als Reise des guten Willens gedacht, die neue Bündnisse schaffen sollte: Engere Freundschaften mit Asien, neue Arbeitsplätze für Amerika. Und egal, wohin er kam, nach Mumbai, New Delhi und Jakarta, sah er Gemeinsamkeiten: Freiheit, Demokratie, Unternehmergeist. Er warb für die Vorteile von mehr Freiheit und einer engeren Zusammenarbeit. Er versuchte Brücken zu schlagen, alte Rivalitäten zu überwinden. Die Reise sollte auch der Beweis dafür sein, dass sich Zusammenarbeit lohnt. "Win-Win-Situation" war Obamas Lieblingswort.

Doch schon nach seiner ersten Station war klar, dass es Zwischenfälle geben würde. Obama war gerade in Indien und wollte die gute Nachricht verkaufen, dass amerikanische Unternehmen mehrere Aufträge abgeschlossen hätten, da erreichte die Kritik des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble die amerikanischen Medien. Schäuble hatte die US-Notenbank davor gewarnt, dass Amerika einmal mehr mit seiner Wirtschaftspolitik die Stabilität der Weltwirtschaft gefährde. "Was will er?", wunderten sich die Amerikaner. "Warum macht er das gerade jetzt?"

Und dann stand Obama neben dem indischen Regierungschef Manmohan Singh, mit dem er eigentlich die neuen Exportaufträge feiern wollte, und wurde nach Schäuble gefragt. Konnte Obama so Stärke demonstrieren?

Auch in den USA wächst die Kritik an der Wirtschaftspolitik

Seine Regierung, heißt es später, musste an sich halten, nicht deutlicher zu werden angesichts der deutschen Kritik, die sie als unnötig empfand, als schädlich, gerade in diesem Moment. Aber Obama ließ sich nichts anmerken und wies lediglich darauf hin, dass alle ein Interesse an einer starken amerikanischen Wirtschaft hätten, und deshalb auch niemand dagegen sein werde, wenn Amerika seine Wirtschaft stärke. Es war der Versuch, die Kritik zurückzuweisen, ohne eine Eskalation zu riskieren. Er glaubte noch immer daran, dass sich der Streit von alleine legt, spätestens bei der Sitzung für das Schlusscommuniqué der G20.

Aber der Schaden war längst entstanden, denn auch in Amerika wuchs nun die Kritik an Obamas Wirtschaftspolitik. Weltbankchef Robert Zoellick - selbst Amerikaner - forderte einen neuen Goldstandard, und Sarah Palin, die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin, warnte vor Inflation: Die Geldflut der Notenbank werde vor allem die Lebensmittel- und Benzinpreise in die Höhe treiben.

Vielleicht wäre ihre Kritik keiner Erwähnung wert, denn bisher galt sie nicht gerade als ausgewiesene Wirtschaftsexpertin, und zunächst hielten auch viele ihre Äußerung für einen Witz. Dann aber meldete sich das "Wall Street Journal" zu Wort, das Hausblatt des amerikanischen Unternehmertums, nannte Zoellick und Palin in einem Atemzug und bescheinigte der ehemaligen Gouverneurin von Alaska "großen ökonomischen Sachverstand".

Fünf Tage erst ist Obama nun auf Reisen. Aber offenbar wird es Zeit, dass er wieder nach Hause kommt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 115 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. in den Rücken fallen?
Bjoern Dittmann 11.11.2010
Kritik anbringen und nicht immer ja und Amen = in den Rücken fallen?!
2. Zeit nicht genutzt
Olias, 11.11.2010
Die Stärke der USA rührt meines Erachtens vor allem aus den beiden Weltkriegen, mit denen sich die Europäer selbst kastrierten. Mit dieser Stärke ist es nun vorbei, und ein völlig überblähter Militärapparat lähmt die Nation in einer Weise, die sie noch schneller ins Abseits der Geschichte befördern wird.
3. ...
KurtFolkert 11.11.2010
Jetzt lasst ihn mal machen. Es ist nur sinnvoll, dass er mal aus seiner Bude rauskommt, damit er mal den Rest der Welt wahrnimmt und vielleicht sinnvollere Entschiedungen trifft!
4. Don´t worry!
Sapientia 11.11.2010
Zitat von sysopEs sollte ein Neustart werden nach den verlorenen Kongresswahlen. Barack Obama*reiste nach Indien und*Indonesien, dann nach Südkorea zum G-20-Gipfel. Er wollte*neue Partner*gewinnen - doch überall*hagelte es Kritik an der US-Wirtschaftspolitik:*Die Verbündeten fallen dem Präsidenten in den Rücken. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,728459,00.html
Jetzt springen eh nur die unmaßgeblichen Trittbrettfahrer des erhofften neuen Amerika der post-Bush-Zeit ab, stay cool. Große Änderungen zu Dingen, die sich über Jahrzehnte falsch entwickelten, kann auch der bemühteste und tauglichste Präsident nicht in 2 Jahren rückgängig machen, selbst wenn er es wollte. Im übrigen ist Obama, er kommt zu spät, nur die Gallionsfigur der untergehenden Vereinigten Staaten von America. Es könnte zwar sein und ist vermutlich eher anzunehmen, dass der Todeskampf der USA dazu führen könnte, andere mit in den Abgrund zu reißen - doch was soll es. Hier im Lande ist die Zeit der aktiven Demokratie eh Geschichte, wir werden mitansehen müssen, wie es unsere Gebieter verstehen werden, auch solche Phasen wieder gewinnbringend (und Steuergelder vernichtend) für sich zu nutzen. Daher ist es im Ergebnis eigentlich wurst, wie etwas warum entsteht, entscheidend ist vielmehr, dass es stets für die Bevölkerung schlecht ausgeht. Und vor diesem Hintergrund ist es egal, wer wo wen verlässt.
5. Selber isoliert wueder ich sagen.
Nonvaio01 11.11.2010
Zitat von sysopEs sollte ein Neustart werden nach den verlorenen Kongresswahlen. Barack Obama*reiste nach Indien und*Indonesien, dann nach Südkorea zum G-20-Gipfel. Er wollte*neue Partner*gewinnen - doch überall*hagelte es Kritik an der US-Wirtschaftspolitik:*Die Verbündeten fallen dem Präsidenten in den Rücken. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,728459,00.html
Wir lassen die USA nicht im stich, die USA hat sich selber isoliert. Wenn ich Obama schon hoere ein "Wirtschaftlich starkes Amerika liegt im interesse der Welt". Die muessen von Ihrem hohen Ross runter. Wir alle exportieren mehr in die USA als jedes andere Land. Da der reichtum so ungleich verteilt ist, ist es gut fuer uns so koennen sich die Reichen Amis immer teurere Autos von Deutschland leisten, nicht um sonst haben Porsche/BMW und Mercedes hohe gewinne. Ausserdem sind andere Maerkte mittleiweile wichtiger, die USA spielt keine so grosse rolle mehr. Noch eines zum SPON. Die FED ist nicht die US Notenbank, es ist eine privat Bank die dem Staat Kredit gibt, ist aber keine Notenbank wie wir Sie kennen. Die FED ist vergleichbar mit der Deutschen Bank. Die nennt sich nur Federal Reserv Bank, aber Federal Express ist auch nicht Staatlich oder?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema G-20-Gipfel in Seoul
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 115 Kommentare

G20

Die G20 sind die Gruppe der 20 größten Volkswirtschaften. Sie umfasst Industrie- und Schwellenländer. Die G20 repräsentieren rund zwei Drittel der Weltbevölkerung und 90 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts - folgende Länder gehören derzeit zu der Gruppe: Argentinien, Australien, Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Indonesien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, Südkorea, Türkei, USA. mehr auf der Themenseite...


Weltkrieg der Währungen
Fotostrecke
Grafiken: Kursentwicklung von Euro, Yen & Co