Aus Seoul berichtet Marc Hujer
Zwei Worte auf Arabisch, das schien zu genügen, und alles klang wieder so leicht, so schwerelos wie früher, als er noch nicht Präsident der Vereinigten Staaten war. "Salaam aleikum", rief Barack Obama in die Sport-Arena der Universität von Jakarta, Friede sei mit Euch", und 6000 Studenten jubelten ihm zu.
Indonesien - das Land mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung - war seine letzte Station vor dem G-20-Gipfel in Seoul. Sein Besuch sollte ein Signal der Versöhnung mit der muslimischen Welt sein. Aber er stand auch für den größeren Anspruch Obamas, der Präsident aller zu sein, der Grenzen überwindet und zusammenbringt, was scheinbar nicht zusammengehört, Parteien, Großmächte, Religionen.
Neben Obama steht Lee Myung-bak, der Präsident Südkoreas. Auch an ihn geht die Frage, auch er wird gefragt, ob Obamas Amerika nicht eine Gefahr für die Weltwirtschaft sei, weil die US-Notenbank gerade für 600 Milliarden Dollar Staatsanleihen gekauft habe und die Weltfinanzmärkte so mit billigem Geld überschwemme.
Lee könnte jetzt gastfreundlich sein, sich mit einer diplomatischen Floskel aus der Affäre ziehen, wie Obama es gerade getan hat. Er könnte erklären, an einer starken amerikanischen Wirtschaft seien alle Länder interessiert, da gebe es keine Meinungsunterschiede. Aber Lee sagt: "Das ist ehrlich gesagt eine Frage, die man mir nicht stellen sollte, wenn Präsident Obama neben mir steht."
"Win-Win-Situation" wurde zu seinem Lieblingswort
Was ist geblieben vom Aufbruch, den Obama versprochen hat, von einem besseren Amerika nach acht Jahren George W. Bush? Von dem Traum eines Landes, das wieder mehr Freunde in der Welt haben wollte, mehr Loyalität? Es war das große Versprechen Obamas, neues Vertrauen zu schaffen, im eigenen Land zwischen Republikanern und Demokraten, aber auch international. Er wollte das politische Klima in Washington verändern, und damit auch das Bild von Amerika in der Welt. Die USA sollten eine freundliche, verständnisvolle Supermacht werden.
Jetzt sieht es so aus, als seien das alles nur leere Worte gewesen.
Als Obama am vergangenen Donnerstag, zwei Tage nach den Midterm Elections, nach Asien aufbrach, sah es so aus, als könne die Reise den nötigen Themenwechsel bringen nach der verlorenen Zwischenwahl. Sie war als Reise des guten Willens gedacht, die neue Bündnisse schaffen sollte: Engere Freundschaften mit Asien, neue Arbeitsplätze für Amerika. Und egal, wohin er kam, nach Mumbai, New Delhi und Jakarta, sah er Gemeinsamkeiten: Freiheit, Demokratie, Unternehmergeist. Er warb für die Vorteile von mehr Freiheit und einer engeren Zusammenarbeit. Er versuchte Brücken zu schlagen, alte Rivalitäten zu überwinden. Die Reise sollte auch der Beweis dafür sein, dass sich Zusammenarbeit lohnt. "Win-Win-Situation" war Obamas Lieblingswort.
Doch schon nach seiner ersten Station war klar, dass es Zwischenfälle geben würde. Obama war gerade in Indien und wollte die gute Nachricht verkaufen, dass amerikanische Unternehmen mehrere Aufträge abgeschlossen hätten, da erreichte die Kritik des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble die amerikanischen Medien. Schäuble hatte die US-Notenbank davor gewarnt, dass Amerika einmal mehr mit seiner Wirtschaftspolitik die Stabilität der Weltwirtschaft gefährde. "Was will er?", wunderten sich die Amerikaner. "Warum macht er das gerade jetzt?"
Und dann stand Obama neben dem indischen Regierungschef Manmohan Singh, mit dem er eigentlich die neuen Exportaufträge feiern wollte, und wurde nach Schäuble gefragt. Konnte Obama so Stärke demonstrieren?
Auch in den USA wächst die Kritik an der Wirtschaftspolitik
Seine Regierung, heißt es später, musste an sich halten, nicht deutlicher zu werden angesichts der deutschen Kritik, die sie als unnötig empfand, als schädlich, gerade in diesem Moment. Aber Obama ließ sich nichts anmerken und wies lediglich darauf hin, dass alle ein Interesse an einer starken amerikanischen Wirtschaft hätten, und deshalb auch niemand dagegen sein werde, wenn Amerika seine Wirtschaft stärke. Es war der Versuch, die Kritik zurückzuweisen, ohne eine Eskalation zu riskieren. Er glaubte noch immer daran, dass sich der Streit von alleine legt, spätestens bei der Sitzung für das Schlusscommuniqué der G20.
Aber der Schaden war längst entstanden, denn auch in Amerika wuchs nun die Kritik an Obamas Wirtschaftspolitik. Weltbankchef Robert Zoellick - selbst Amerikaner - forderte einen neuen Goldstandard, und Sarah Palin, die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin, warnte vor Inflation: Die Geldflut der Notenbank werde vor allem die Lebensmittel- und Benzinpreise in die Höhe treiben.
Vielleicht wäre ihre Kritik keiner Erwähnung wert, denn bisher galt sie nicht gerade als ausgewiesene Wirtschaftsexpertin, und zunächst hielten auch viele ihre Äußerung für einen Witz. Dann aber meldete sich das "Wall Street Journal" zu Wort, das Hausblatt des amerikanischen Unternehmertums, nannte Zoellick und Palin in einem Atemzug und bescheinigte der ehemaligen Gouverneurin von Alaska "großen ökonomischen Sachverstand".
Fünf Tage erst ist Obama nun auf Reisen. Aber offenbar wird es Zeit, dass er wieder nach Hause kommt.
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