G20-Gipfel Die Stunde der bösen Buben

Beim G20-Gipfel in Buenos Aires zeigt sich, was Donald Trumps Politik in der Welt anrichtet: Jeder kämpft für sich allein - und für Autokraten brechen goldene Zeiten an.

Mohammed bin Salman, Kronprinz von Saudi-Arabien, Wladimir Putin (r.)
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Mohammed bin Salman, Kronprinz von Saudi-Arabien, Wladimir Putin (r.)

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Der Auftakt des G20-Gipfels in Argentinien ist symptomatisch für den Zustand der Welt. US-Präsident Donald Trump steht grinsend in der Mitte zwischen Autokraten wie Recep Tayyip Erdogan, am Anfang fehlt die deutsche Kanzlerin Angela Merkel wegen einer Flugzeugpanne. Und Wladimir Putin gibt dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman fröhlich einen kumpeligen Handschlag.

Die bösen Buben sind dabei, die Regie zu übernehmen. Das ist die Botschaft von Buenos Aires. In die Defensive geraten all jene, die sich für eine Weltordnung einsetzen, in der Wohlstand für viele, die Einhaltung der Menschenrechte, Demokratie und internationale Zusammenarbeit von zentraler Bedeutung sind.

Die alte Welt gerät ins Wanken, die Welt der vergangenen Jahrzehnte, die geschaffen worden war, um eine erneute Katastrophe wie den Zweiten Weltkrieg zu verhindern. Diese Welt war natürlich nie perfekt, aber in ihr wurden wenigstens die richtigen Ziele verfolgt.

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Gipfel in Buenos Aires: G20 endlich komplett

Nun kommen wieder die alten Monster der Vergangenheit hervorgekrochen, Nationalismus und Autoritarismus. Es gilt: Jeder kämpft für sich allein, und der Stärkere setzt sich durch.

Es gibt nur noch schnelle "Deals"

Dazu passt, dass es bei dem Treffen in Buenos Aires kaum noch um relevante gemeinsame Beschlüsse geht, sondern viel mehr um den bilateralen Austausch und Verabredungen zwischen einzelnen Staaten. Der Multilateralismus wird mehr und mehr zum Lippenbekenntnis. Drängende globale Themen wie die Migration oder der Klimawandel, für die die Suche nach gemeinsamen Lösungen zwingend wäre, geraten vollends in den Hintergrund.

In Buenos Aires sind das Hauptereignis die Begegnungen zwischen Einzelspielern:

  • Donald Trump unterzeichnet mit Kanada und Mexiko ein neues Handelsabkommen, für das er zuvor die Bedingungen diktiert hat.
  • Die USA und China pokern um die Höhe der Zölle zwischen ihren Staaten.
  • Putin und Trump zanken sich um die Ukraine.
  • Angela Merkel will neue US-Importsteuern für Autos aus Deutschland verhindern. Es geht nur noch um Geld, Macht, Einflusszonen.

Wo ist Amerika?

Der Hauptgrund für diesen Wandel: Die USA verabschieden sich aus ihrer Rolle als bestimmende Kraft einer multilateralen, liberalen Weltordnung. Donald Trump, der selbst ernannte "Nationalist", interessiert sich nicht für den globalen Kampf gegen den Klimawandel oder die Einhaltung der Menschenrechte. Er will nur noch "Deals" für Amerika machen. Der G20-Gipfel ist für ihn eine Gelegenheit zur großen Pose - und zum Speed-Dating. Mit dem Klassentreffen der Mächtigen erspart er sich viele lästige Einzelreisen zu seinen jeweiligen "Geschäftspartnern".

Für die Autokraten dieser Welt brechen goldene Zeiten an. Außer den letzten Liberalen wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Kanadas Premier Justin Trudeau und Angela Merkel hält ihnen kaum jemand lästige Vorträge über Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Der mutmaßliche Auftraggeber einer brutalen Journalisten-Ermordung, Mohammed bin Salman, darf lachend mit am Tisch sitzen, als wäre nichts geschehen. Und Wladimir Putin weiß genau, wie er die Absage eines Treffens mit Donald Trump zu verstehen hat: Nicht etwa als Strafe für seine revisionistische Politik gegenüber der Ukraine, sondern als simples Manöver des US-Präsidenten, um von akuten innenpolitischen Problemen abzulenken.

Es passiert nun genau das, was der Historiker Robert Kagan so treffend in seinem Buch "The Jungle Grows Back" beschrieben hat: Wenn sich die USA aus ihrer Rolle als stärkster Verteidiger und Propagandist einer aufgeklärten, von demokratischen Werten geprägten Weltordnung zurückziehen, gedeihen die Autokratien.

Sie bedienen den Wunsch vieler Menschen nach Ruhe, Ordnung und starken Anführern. Ideen wie die weltweite Achtung der Demokratie oder die internationale Zusammenarbeit für eine bessere Welt verlieren an Attraktivität - sie erscheinen vielen Menschen schlicht als zu kompliziert. Leider sind sie es ja auch.

Das alles bedeutet nicht, dass die Autokraten schon gewonnen hätten. Dass Trumps neue Weltordnung, die keine Ordnung kennt, obsiegt. Aber in Buenos Aires zeigt sich so klar wie nie: Es gerät etwas ins Rutschen.

insgesamt 152 Beiträge
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dirk.resuehr 01.12.2018
1. Democracy for Dummies
Das ist es wohl. Die Demokratie ist Vielen zu schwierig.Das Leben scheint einfacher, wenn Einer ansagt, wos langgeht, jedenfalls bis die Katastrophe anfängt. Jetzt haben wir ein infernaliches Qintett, ein ganzes Orchester wäre die Apokalypse.
kochra8 01.12.2018
2. Ich mag Merkel das Kulturprogramm gönnen
Schlussendlich sind es wiederum Männer, welche sich, machttaktisch im Kreise, jeweils vorherschieben. Alles was ist, wird gebraucht, damit der Rubel rollt. Die zahmgehaltene Masse müsse arbeiten, damit müssige Gedanken ermüden. Also arbeiten Dreie an einem Arbeitsplatz, für je einen Drittel. Abgaben werden so 3x entrichtet. Arbeit verheisst Brot. Aufstand nur Tod. Der Takt der zukünftigen Ära bleibt somit vorgegeben. Kultur und Extravaganz? Nur wenn eine(r) sich ausklinken kann.
123rumpel123 01.12.2018
3. vielleicht Pragmatismus
Die Entwicklung, weg vom Mulitlaterismus zu bilateralen Abkommen hat natürlich auch Gründe. Ein Blick auf UNO, WTO insbesondere haben doch in den vergangenen Jahrzehnten offenbart, dass ein großes Auditorium nicht gleich zu setzen ist , mit erfolgsversprechenden Ergebnissen. Insofern ist das, was sich derzeit abspielt reiner Pragmatismus. Zumindest von Seiten der USA
geradsteller 01.12.2018
4. Idealismus in allen Ehren
aber: „ es geht nur noch um Geld“? Es ging nie um etwas anderes. Und man kann eine Zeit lang gemeinsame Ziele verfolgen, und Partner sein, aber als Land nie DauerFreund. Ponyhof war noch nie. Soll aber umgekehrt nicht bedeuten, dass man einander bekriegt. Nur bei keine Träumereien. Nun gut, ist ein Kommentar u Amerika immer schuld, dass ist ja Mode.
kr-invest 01.12.2018
5. Erst Fressen, dann Moral
Klar ändert sich was, wenn die USA die Globalisierung hinterfragen aus innenpolitischen Gründen. Europa kann hier viel bewirken, aber es wird dazu seine Handelspolitik überdenken müssen. Immer Menschenrechte als Moralapostel zu fordern, bringt nix, wenn andere noch um ihr essen und die Stabilität ihrer Sozialsysteme kämpfen. Wenn Europa Menschenrechte überall möchte, wird es helfen müssen diesen Ländern Wohlstand zu bringen, auch auf kosten unseres eigenen und auch schlechte Deals abschließen müssen. Die USA haben dies viele Jahrzehnte getan, vielleicht zehn Jahre zu lang, wenn man die Bilanzen anschaut. Ist das der Moment wo Europa anfangen muss diese Rolle des Finanziers zu übernehmen? Aber wer ist dazu bereit in Europa?
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