Gipfeltreffen Wo der Mut zur Debatte fehlt

Es reicht nicht aus, bloß darüber zu klagen, dass US-Präsident Donald Trump die Grundlagen der internationalen Zusammenarbeit missachtet. Es braucht eine Diskussion über neue Säulen der Weltordnung.

G7-Gipfel in Kanada
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G7-Gipfel in Kanada

Ein Kommentar von , La Malbaie


Zugegeben, es ist nicht ganz leicht, Donald Trump gute Seiten abzugewinnen. Der US-Präsident kennt keine Verbündeten, nur Deals, er spürt keinen Respekt vor der Gewaltenteilung, die die amerikanische Demokratie über Jahrhunderte getragen hat, er hat "alternative Fakten", also Lügen, zum Mittel der Politik gemacht. Aber Trumps Präsidentschaft ist derart extrem, dass sie auch die Defizite von Bündnissen und Verträgen offenlegt, die schon vor Trump aus der Zeit gefallen waren.

Das hat sich auf dem G-7-Gipfel gezeigt, der heute im kanadischen La Malbaie zu Ende geht. Das Treffen der "führenden westlichen Industrienationen"', wie es gerne genannt wird, wurde im Jahr 1975 etabliert, zu einer Zeit also, als der Eiserne Vorhang Europa trennte, die Ölkrise Deutschlands Straßen leerfegte und China ein ökonomischer Zwerg war. G7 spiegelt die Welt des 20. Jahrhunderts wider, und deshalb stößt das Format an seine Grenzen. China, inzwischen die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, fehlt bei diesem Gipfeltreffen. Was die absurde Folge hat, dass man über die Verschmutzung der Meere mit Plastik spricht, ohne den größten Verursacher dabei zu haben.

Als Trump - noch vor seiner Vereidigung - die Nato als "obsolet" bezeichnete, gab es einen Aufschrei im transatlantischen Bündnis. Dennoch hat Trump einen wahren Kern getroffen, denn natürlich ist die Nato ein Relikt des Kalten Krieges, und nicht erst seit Trump verlangen US-Präsidenten zurecht, dass die Europäer selbst für ihre Sicherheit sorgen. Wie aber soll das gehen mit Kanzlerin Angela Merkel, die aus Angst vor der SPD nicht einmal wagt, eine Debatte darüber zu führen, ob die Bundeswehr wenn nötig auch ohne vorherige Zustimmung des Bundestags eingesetzt werden darf?

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Bilder vom G7-Gipfel: Oh, wie schön ist Kanada

Ohne Frage ist Trumps Verachtung für die Vereinten Nationen keine gute Nachricht für die Welt. Aber auch sie sind ein Produkt des Zweiten Weltkrieges.

Wie soll Afrika, wie sollen Indien und Südostasien einen Sicherheitsrat ernst nehmen, in dem - neben China - nur die Siegermächte eines Krieges das Sagen haben, der vor mehr als 70 Jahren endete?

Es ist eine Gefahr für die Welt, wenn sich die letzte verbliebene Supermacht an diese alten Regeln nicht mehr hält, wenn Trump versucht, die Partner von einst zu seinem Nutzen gegeneinander auszuspielen. Nur ist es zu wenig, darüber zu lamentieren, dass Trump die Grundlagen der internationalen Zusammenarbeit zertrümmert, wie es die Kanzlerin tut. Nötig ist eine Debatte, wie die neuen Säulen einer Ordnung aussehen könnten, die auch im 21. Jahrhundert tragen. Zur Not muss die Debatte ohne Trump geführt werden. Von denen, die guten Willens sind.

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Weisswurst 2.0 09.06.2018
1. guter Beitrag!
Europa reagiert nur, wird selber nie aktiv oder ist visionär. Zuviel Beamtentypen sind heutzutage Politiker. Nur, das Problem ist jetzt lange bekannt und trotzdem ergreift keiner der führenden Politiker in Europa und in Deutschland die Initiative, zukunftweisend zu denken (bis auf Macron).
Feldlaus 09.06.2018
2. Zustimmung!
Es ist zwar hart, aber genau so ist es und muss öffentlich gesagt werden. Jammern über den IST-Zustand kann jeder, aber es fehlt der Mut zum Neuanfang. Eigentlich hatte ich mal gehofft das Deutschland hier eine verantwortungsvolle Rolle übernehmen wird, aber mit dieser Kanzlerin ist das nicht möglich. Ihre Partei ist aber leider zur Zeit die einzig-wählbare ...daher ein Teufelskreis.
global.payer 09.06.2018
3. Merkel ist sicher ausreichend dem Grundgesetz verpflichtet
um die Rolle des Parlaments bei Bundeswehreinsätzen zu respektieren.Da braucht es nicht der völlig unsinnigen SPD Schelte. Nachdem wir mittlerweile in ExJugoslawien einen völkerrechtswidrigen Krieg geführt haben, in Afghanistan ohne Ziel agieren, in Mali Uran für Frankreich sichern, ist die Kontrolle durch das Parlament mehr als nötig.
Mister Stone 09.06.2018
4.
Es braucht eine Diskussion über neue Säulen der Weltordnung. Ihr Headline ist fast richtig. Man muss nur ein Wort verschieben: Es braucht eine Diskussion über die Säulen der Neuen Weltordnung. Dann stimmt es. Die New World Order war bis gestern - auch bei SPON - noch absolute Verschwörungstheorie. Heute ist der Plan nicht mehr zu leugnen, weil er seit Trump zu offensichtlich ist, und deshalb wird der Begriff nun notgedrungen Zug um Zug in die Glossen der Mainstream-Medien eingeimpft. Bis er völlig normal, völlig natürlich, und natürlich alternativlos, klingt.
sid233 09.06.2018
5. Mut fehlt
Die Berichterstattung über diesen Gipfel der Impertinenz eines Mitgliedes, der die Welt in den Abgrund zu führen droht, lässt mich als bekennenden Europäer zornig zurück: warum rückt Europa nicht endlich zusammen und lässt die hier überflüssig gewordenen barocken Hüllen der Diplomatie fallen: Dieser Mann will keinen Dialog, will kein Team-Work, will nicht verhandeln - er will Konflikte schüren und das, so scheint es, bis zum Äußersten. Also wünsche ich mir klare, mutige Signale und keine Jagd auf unmögliche Konsense. Mir wird dieses Land zunehmend fremd...
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