Gipfel in Lübeck G7 hat ausgedient

In Lübeck haben die Außenminister der G7 zusammengesessen - diesmal ohne Russland. Aber Moskau braucht die Runde auch gar nicht. Bei den entscheidenden Fragen kommt der Westen sowieso nicht am Kreml vorbei.

REUTERS/Fabrizio Bensch

Ein Kommentar von , Lübeck


Es ist ein ungewohntes Bild. Vor dem Veranstaltungsort in Lübeck, in dem die Außenminister der G7 tagen, fehlt die Fahne Russlands. Außenminister Sergej Lawrow darf beim Treffen der G7-Spitzendiplomaten nicht dabei sein. So wird es auch Wladimir Putin im Juni ergehen, wenn auf Schloss Elmau in Bayern die Staats- und Regierungschefs der USA, Großbritanniens, Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Kanadas, Japans und der EU-Kommissionspräsident zusammenkommen, um über die Probleme der Welt zu reden. Russlands Präsident ist dort nicht erwünscht.

Der Ausschluss ist die Strafe des Westens für die russische Annexion der Krim. Lawrow und Präsident Putin werden ihre erzwungene Abwesenheit verschmerzen können. G7-Gipfel (und vormals auch die G8-Gipfel) waren und sind von zweifelhaftem Nutzen, ihr Ertrag dürftig. Allenfalls sind sie Foren des Austauschs - in Lübeck etwa reden die Außenminister über die großen Konflikte und Gefahren dieser Welt (Syrien, Irak, Ukraine, IS, iranisches Atomprogramm, Ebola) und - auf Wunsch der diesjährigen Ratspräsidentschaft Deutschlands - auch über die Sicherheit auf den Weltmeeren, den Schutz der Handelsrouten.

Auf den Straßen in Lübeck wurde gegen G7 demonstriert. Seit Jahren stehen die Gipfel in der Kritik, nicht nur wegen des hohen Sicherheitsaufwands, der zu ihrem Schutz betrieben werden muss, selbst beim kleineren Außenministertreffen. Mehr noch: Die Welt hat G7 längst hinter sich gelassen, sortiert und ordnet sich neu. Nicht zuletzt deshalb wurde schon vor der Jahrtausendwende die kleine Runde um die G20 erweitert, mit Staaten wie China, Indien, Brasilien, Indonesien, Mexiko. Manche unter ihnen sind keine Peripherie mehr, sondern erhalten mit ihrer ökonomischen Kraft die Zentren der westlichen Welt mit am Leben.

Putin braucht den G7-Gipfel nicht

Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat deutlich gemacht, dass er sich die Rückkehr Moskaus in die G-Runde eines Tages vorstellen kann. Nur wann, das ist völlig offen. Klar ist: Dafür müsste Russland einen Preis zahlen, den es nicht zahlen wird, nicht für eine Veranstaltung wie die der G7. Für das bisschen Prestige, wieder mit am Tisch der scheinbaren Weltpolitik zu sitzen, wird Putin nicht seinen Politikstil aufgeben, knallharte Fakten zu schaffen - wie bei der Einverleibung der Krim geschehen.

Die Wahrheit ist: Putin braucht den G7-Gipfel nicht, auch nicht sein Außenminister. Es ist umgekehrt - Moskau weiß, dass der Westen in entscheidenden Fragen Russland braucht: Bei der Bekämpfung des islamistischen Terrors, zuletzt bei der Verhinderung einer Atomwaffenmacht Iran, aktuell bei der Einhaltung des fragilen Waffenstillstands in der Ostukraine.

Immerhin: Für die Hansestadt hat sich der (kleine) G7-Gipfel der Außenminister gelohnt. Die "Lübecker Nachrichten" lobten, "so sauber wie zum G7-Treffen war es lange nicht mehr in Lübeck."

Video: Trutzburg ohne Gegenwehr

insgesamt 110 Beiträge
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p.donhauser, 15.04.2015
1.
richtig bemerkt, rußland braucht G-7 nicht unbediengt.
gandhiforever 15.04.2015
2. Konfus?
Wenn die stolzen Westler, die es den Russen wieder einmal zeigen wollen, nun vervirrt sind, dann darf das nicht ueberraschen, hat man ihnen doch vor nicht allzu langer Zeit erklaert, der Rubel und die russische Wirtschaft braechen bald zusammen. Nichts ist passiert. Und ohne Moskau geht auch nichts. Vielleicht sollte Lawrow die Kollegen einzeln antrteten lassen, und ihnen klar machen, unter welchen Umstaenden Moskau bereit waere, an den Tisch zurueckzukehren.
m.heusler 15.04.2015
3. wenn wir Putin und sein
Russland brauchen, sind wir auf dem falschen Weg und sollten schnellstens autark werden. Mal davon abgesehen das Russland unter dem größten Industrienationen nun wirklich nichts verloren hat. Es waren wir, die mit G8 Russland Wertschätzung gezollt haben. Russland hat dieses Vertrauen missbraucht.
Kimmerier 15.04.2015
4. Wie soll man mit Verstößen gegen das Völkerrecht umgehen
Was soll man mit dieser Aussage anfangen? "Es ist umgekehrt - Moskau weiß, dass der Westen in entscheidenden Fragen Russland braucht: ... aktuell bei der Einhaltung des fragilen Waffenstillstands in der Ostukraine." Da besetzt Russland völkerrechtswidrig die Krim und unterstützt zudem die völkerrechtswidrig aggierenden sog. Separatisten in der Ostukraine. Und dann wird damit argumentiert, dass man Russland brauchen" würde, um die Probleme zu lösen, welche es selbst wesentlich geschaffen hat. Natürlich - ohne eine Beteiligung Russlands wird es keine Lösung zu den genannten Themen geben - aber man kann eben auch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Vielleicht ist in Wirklichkeit die Lehre aus der Ukraine-Krise, dass die Nachkriegsordnung inkl. der Institutionen wie Vereinte Nationen nicht wirklich dazu geeignet sind, Frieden und Gerechtigkeit in der Welt zu sichern.
And Bit 15.04.2015
5.
Zitat von gandhiforeverWenn die stolzen Westler, die es den Russen wieder einmal zeigen wollen, nun vervirrt sind, dann darf das nicht ueberraschen, hat man ihnen doch vor nicht allzu langer Zeit erklaert, der Rubel und die russische Wirtschaft braechen bald zusammen. Nichts ist passiert. Und ohne Moskau geht auch nichts. Vielleicht sollte Lawrow die Kollegen einzeln antrteten lassen, und ihnen klar machen, unter welchen Umstaenden Moskau bereit waere, an den Tisch zurueckzukehren.
Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass sich der "Politikstil" Russlands als brauchbar erweisen wird. Für die Hinterhof Sandkartenspiele Putins muss sich Europa zu schade sein, auch wenn das etwas kostet.
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