G8 in Genua Gipfel der Gewalt-Exzesse

In Rostock eskalierte die Situation, solche Szenen darf es in Heiligendamm nicht geben. Die Erinnerung an Genua 2001 ist noch immer präsent: eine Briefbombe in einer Carabinieri-Station, in Tränengas eingenebelte Nonnen, ein toter Demonstrant. Bis heute sind die Vorgänge nicht aufgeklärt.

Von Michael Braun, Rom


Ein schmächtiger Körper in einer Blutlache, bekleidet nur mit einem Unterhemd und einer Jeans, das Gesicht durch eine dunkle "Hasskappe" verdeckt: Das Bild des toten Carlo Giuliani, erst durch den Schuss aus der Waffe eines jungen Polizisten niedergestreckt und dann von einem Jeep überrollt, ging am 20. Juli 2001 um die Welt.

Ein Toter, Hunderte zum Teil schwer Verletzte, einige hundert festgenommene Demonstranten waren am Ende die dramatische Bilanz des G-8-Gipfels von Genua. Was zwei Jahre vorher in Seattle als erste gewaltsame Eruption im "Kampf gegen die Globalisierung" begonnen hatte, war in der norditalienischen Hafenstadt zur blutigen Tragödie geworden.

Auf der einen Seite: der damals frisch gewählte Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der vor seinem ersten großen internationalen Auftritt stand. Auf der anderen Seite: die Bewegung der Globalisierungskritiker, die allein in Italien etwa 100.000 Menschen mobilisieren wollte, in einem Spektrum, das von katholischen Basisgruppen über gesetzte Gewerkschafter zu linksradikalen Autonomen reichte.

Berlusconi hatte den Plan zur Abwicklung des G-8-Gipfels von seiner Vorgängerregierung geerbt. Vorgesehen war, die gesamte Altstadt Genuas zur Roten Zone zu erklären und sämtliche Zugänge mit vier Meter hohen Metallzäunen zu verbarrikadieren. Die Protestbewegung hatte umgehend geantwortet – mit dem Plan, die Rote Zone zu belagern und an einigen Stellen zu stürmen.

Das klang nach ein wenig Gerangel am Zaun, nach einem Spiel mit verteilten Rollen, an dessen Ende der eine oder andere Demonstrant über die Sperre klettern und sich dann widerstandslos festnehmen lassen würde. Daneben aber gab es im Vorfeld des Gipfels auch ganz andere Nachrichten, die die Spannung anheizten.

Regierung soll 200 Leichensäcke geordert haben

200 Leichensäcke habe die italienische Regierung geordert, hieß es, und zugleich streuten Berlusconis Minister, man müsse womöglich mit Giftgasanschlägen, mit Raketen-Attacken aus der Luft und mit dem Einsatz Aids-verseuchter Blutbeutel durch die Demonstranten rechnen. Nur eine Woche vor dem Gipfel explodierte dann eine Briefbombe in einem Carabinieri-Kommissariat von Genua und verletzte einen Beamten schwer. Entsprechend aufgeheizt war die Stimmung unter den 20.000 Polizisten und Carabinieri, die in der Stadt zusammengezogen worden waren.

Die Spannung entlud sich am ersten Gipfeltag, dem 20. Juli. Von allen Seiten zogen Demonstrationszüge Richtung Rote Zone – und überall tauchten die vermummten Gestalten des Schwarzen Blocks auf, ein paar Hundert nur. Genug aber, um der Polizei den Vorwand zu liefern, christliche Pfadfinder und Nonnen genauso mit Tränengas einzunebeln wie die Pazifisten, die zum Zeichen ihrer Gewaltlosigkeit weiß gefärbte Hände hochreckten, während die Schlagstöcke auf sie niedersausten.



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