Libyens gestürzte Machthaber Was wurde eigentlich aus dem Gaddafi-Clan?

Drei Jahre nach dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi ist Libyen ein gescheiterter Staat. Der Familie des gestürzten Despoten geht es kaum besser. Nur Tochter Aisha führt ein Leben im Goldenen Käfig.

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Libyens Ex-Diktator Gaddafi: Um seine Familie ranken sich seit Jahrzehnten Mythen und Gerüchte
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Libyens Ex-Diktator Gaddafi: Um seine Familie ranken sich seit Jahrzehnten Mythen und Gerüchte


Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Das letzte Kapitel im Leben des Muammar al-Gaddafi spielte in einem Abflussrohr. Nachdem oppositionelle Milizen den libyschen Langzeitdiktator im August 2011 aus Tripolis vertrieben hatten, floh der Despot in seine Heimatstadt Sirt. Als auch diese letzte Bastion den Rebellen in die Hände fiel, versuchte Gaddafi am 20. Oktober 2011 in einem Konvoi aus der Stadt zu fliehen. Die Nato bombardierte die Kolonne, Gaddafi überlebte den Angriff und flüchtete sich mit mehreren Bodyguards in ein Abflussrohr. Dort spürten ihn Milizionäre auf und zerrten ihn auf einen Pick-up-Truck.

Mehrere Kämpfer hielten diese Minuten mit Handykameras fest. Sie zeigen einen verwirrten, alten Mann, der von seinen Fängern misshandelt wird. Die entscheidende Szene zeigen sie nicht: den Tod des Diktators. An der Seite des Diktators starb sein Sohn Mutassim. Er wurde ebenfalls in Sirt getötet und mit seinem Vater an einem unbekannten Ort beerdigt.

Doch was wurde aus den anderen Verwandten und den Milliarden von Gaddafi?

Nachdem die Rebellen am 27. August 2011 die Palastanlage des Herrschers Bab al-Asisija in Tripolis erobert hatten, floh Gaddafis Witwe Safia Farkash gemeinsam mit den Söhnen Mohammed und Hannibal sowie Tochter Aisha in gepanzerten Limousinen nach Algerien. Die algerische Führung, die als eine der letzten arabischen Regierungen dem Diktator die Treue hielt, gewährte den Flüchtlingen aus humanitären Gründen Unterschlupf. Aisha gebar am 30. August, einen Tag nach ihrer Ankunft in Algerien, eine Tochter.

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Die Gaddafis genossen in Regierungsvillen ein erträgliches Auskommen. Doch besonders die aufbrausende Aisha verärgerte die Gastgeber. Mehrfach soll die heute 37-Jährige randaliert und dabei unter anderem ein Bildnis des algerischen Präsidenten zerrissen haben. Deshalb bemühte sich Algeriens Regierung nach Kräften, die ungeliebten Gäste wieder loszuwerden. Schließlich erklärte sich das Sultanat Oman bereit, die Gaddafis diskret aufzunehmen. Seit Oktober 2012 leben sie in einer Villenanlage in Kurum, einem Vorort von Muskat. Sie führen ein Leben im Goldenen Käfig. Sultan Qaboos kommt für alle Ausgaben auf, dafür dürfen die Gaddafis kein Aufsehen erregen - und politische Äußerungen sind erst recht verboten. Bislang halten sie sich daran.

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Saif al-Islam, der zweitälteste Sohn des Diktators, galt als Kronprinz. Er hatte seinen letzten großen Auftritt im August 2011, als er nach dem Sturm auf Gaddafis Palast mitten in der Nacht im Rixos-Hotel von Tripolis auftauchte, in dem die internationalen Reporter wohnten. Er floh in die Wüste im Süden des Landes, wo er im November 2011 festgenommen wurde. Der Internationale Strafgerichtshof forderte die Auslieferung des Mannes, der mit internationalem Haftbefehl gesucht wird. Libyens Regierung lehnt das ab. Seit Frühjahr 2013 steht er in der libyschen Stadt Sintan vor Gericht, ihm droht in dem Verfahren wegen Kriegsverbrechen die Todesstrafe. Der Prozess ist eine Farce und kommt kaum voran. Zuletzt tagte das Gericht vor einem halben Jahr.

REUTERS/ Prison Media Office

Saadi al-Gaddafi, der sich einige Jahre mit mäßigem Erfolg als Fußballprofi versucht hatte, floh nach dem Sturz des Regimes in den Niger. Die Regierung in Niamey, die lange von Gaddafi unterstützt worden war, gewährte ihm Unterschlupf. Saadi wollte jedoch weg. Im Dezember 2011 flog ein Schmugglerring auf, der ihn nach Mexiko bringen sollte. Daraufhin wurde er unter Hausarrest gesetzt und schließlich im März dieses Jahres nach Libyen ausgeliefert. Seither sitzt er im Hadaba-Gefängnis von Tripolis ein und wartet auf seinen Prozess. Der Beginn steht noch nicht fest.

REUTERS/ Libya TV

Große Rätsel ranken sich um das Schicksal von Khamis al-Gaddafi, Muammars zweitjüngstem Sohn. Höchstwahrscheinlich wurde er am 29. August 2011 auf der Flucht aus Tripolis nahe der Stadt Tarjuna bei einem Nato-Luftangriff getötet. Augenzeugen wollen ihn jedoch noch Wochen später in Sirt gesehen haben. Wieder andere Quellen behaupten, er sei am 20. Oktober 2012 bei Gefechten in der Wüstenstadt Bani Walid getötet worden - auf den Tag genau ein Jahr nach der Ermordung seines Vaters.

DPA

Gaddafis jüngster Sohn Saif al-Arab kam höchstwahrscheinlich ebenfalls bei einem Nato-Luftangriff ums Leben - bereits am 30. April 2011. Es halten sich jedoch Gerüchte, der Diktator könnte den Tod seines Sohnes nur vorgetäuscht haben, um Sympathien im In- und Ausland zu sammeln. Allerdings bestätigte der römisch-katholische Bischof von Tripolis, Giovanni Innocenzo Martinelli, den Tod. Er habe Saif al-Arabs Leichnam selbst gesehen, sagte der Geistliche.

Den neuen Machthabern in Tripolis ist die Jagd nach Gaddafis Vermögen am Wichtigsten, das der Diktator und sein Clan einst aus der Staatskasse nahmen und rund um die Welt verstreuten. Laut "Wall Street Journal" sind zurzeit noch an die hundert Untersuchungen und Klagen auf Herausgabe der Gelder im Gange.

Das Herzstück der ehemaligen "Gaddafi Inc." ist aber längst in den Händen der Regierung in Tripolis: der Libyan Investment Authority (LIA). Auf mindestens 60 Milliarden Dollar taxieren Experten den von den Öleinnahmen gespeisten, undurchsichtigen Staatsfonds. Schon unter Gaddafi beteiligte sich die LIA an westlichen Vorzeigeunternehmen wie der Großbank Unicredit, der Rüstungsschmiede Finmeccanica, dem russischen Aluminiumkonzern Rusal oder dem italienischen Energieriesen Eni. Dazu kontrolliert der Fonds die Mineralölgesellschaft Tamoil und ihre deutsche Tankstellentochter HEM. Während des Bürgerkriegs fror die EU die Vermögenswerte der LIA im Zuge der internationalen Sanktionen gegen das Gaddafi-Regime ein; mittlerweile aber sind sie wieder freigegeben.

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Nachdem die LIA fast ihr komplettes Führungspersonal ausgetauscht hat, arbeitet sie nun auf ihre ganz eigene Weise die Gaddafi-Zeit auf. Zuletzt hat der Staatsfonds gleich zwei führende westliche Geldhäuser auf Zahlung von insgesamt 2,5 Milliarden Dollar verklagt: die US-Investmentbank Goldman Sachs und die französische Société Générale.

Laut den Anklageschriften sollen die beiden Institute in der Gaddafi-Ära mithilfe von Schmiergeldern, dubiosen Luxusreisen, Trinkgelagen und "Mädchen" die damaligen Verantwortlichen des Staatsfonds in hochriskante Anlagegeschäfte gelockt haben. Die LIA und mit ihr das libysche Volk verloren mit diesen Derivaten und Wertpapieren mehrere Milliarden Dollar. Die zwei Banken weisen jede Verantwortung von sich, sprechen von normalen Geschäften. Goldman Sachs bezichtigt die LIA der üblichen "Käuferreue" nach missglückten Spekulationen. Die beiden Prozesse könnten sich noch über Jahre hinziehen.

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Was wurde eigentlich aus...
Außerdem in dieser Serie erschienen: Schwuler NFL-Footballer Michael Sam, Waldsterben, Knall vom Wedding, Gefangenenlager Guantanamo, Flug MH370, Bayerische Amigos, BSE, Rossis Wunderreaktor, Gaddafi-Clan, Ungarns Mediengesetz, Anton Schlecker, Fukushima und die Kernenergie, Biosprit E10, Abu Ghraib, #Aufschrei, Deutschlands Solarindustrie, Lehman Brothers, Sarah Palin, Dubai nach dem Crash, Winnenden nach dem Amoklauf, Kassiererin Emmely, Die Piraten von Somalia, Die Opfer des Boston-Marathons, die Schweizer Volksabstimmung gegen "Masseneinwanderung", Felix Baumgartner, Stiftung Warentest gegen Ritter Sport, Andrea Ypsilanti, Stefan Mappus, Annette Schavan, Die Piratenpartei, Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, Mahmud Ahmadinedschad, Bischof Tebartz-van Elst, Dominique Strauss-Kahn, Der Pferdefleischskandal



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gisela.schwan 11.11.2014
1. NATO Luftangriffe
Man erinnere sich noch an die Erklärung des NATO Generalsekretärs zu den Tötungen der flüchtenden Gaddafis: das UN Mandat nur zum Schutz der Zivilbevölkerung bomben zu dürfen sei erfüllt, weil die Gaddafis zu schnell gefahren seien und damit die Zivilbevölkerung gefährdeten. Der "Westen" basiert nur noch auf Lügen und es ist nur folgerichtig, dass sich die Welt von ihm abwendet.
suppe99 11.11.2014
2. Öl
Wen interessiert jetzt noch der Gaddafi-Clan? Viel wichtiger ist doch, dass Lybiens Öl nicht gegen Euro sondern immer noch gegen Dollar verkauft wird. Nicht auszumalen was mit dem Petrodollar sonst passieren würde...
malocher77 11.11.2014
3. Wenn ich den Artikel so lese
Dann wird mir komisch, seit wann darf Nato jeden töten ohne ein Gerichtsverfahren? Was hat es für die Menschen geändert? -Nur alles schlimmer geworden.Von der versprochenen Demokratie ist dort keine Spur.Bombardieren und Chaos hinterlassen, das kann auf Dauer nicht gut gehen, und das wichtigste und traurigste ist wir sind in dem Verein.
reifenexperte 11.11.2014
4. Klagen gegen Banken
Im letzten Absatz sind "Anklageschriften" erwähnt. Die fertigt der Staatsanwalt in Strafverfahren. In Zivilverfahren werden nur Klageschriften verfasst. Diese Unterscheidung sollten auch Journalisten kennen.
wiebkedunker 11.11.2014
5.
Zitat von suppe99Wen interessiert jetzt noch der Gaddafi-Clan? Viel wichtiger ist doch, dass Lybiens Öl nicht gegen Euro sondern immer noch gegen Dollar verkauft wird. Nicht auszumalen was mit dem Petrodollar sonst passieren würde...
Ein Land Lybien gibt es nicht.
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