Gaddafi-Opfer Al-Senussi: "Gott entscheidet, was mit dir passiert"

Aus Bengasi berichtet Jonathan Stock

Er war länger inhaftiert als Nelson Mandela: 31 Jahre saß Ahmed Al-Senussi in libyschen Gefängnissen - weil in seinen Adern königliches Blut fließt und weil er Gaddafi Widerstand leistete. Nach Jahren der Angst erzählt er zum ersten Mal seine Geschichte.

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Ruth Sherlock

Ahmed Al-Senussi: 31 Jahre in libyschen Gefängnissen

Es ist seine Stimme, die in Erinnerung bleibt. Ahmed Al-Zubair Al-Senussi spricht mit einer leisen, wachen Stimme, wie sie selten in Bengasi erklingt, einer Stadt der lauten Rebellen. Warm tönt sie, wenn er Fatilah erwähnt, seine verstorbene Frau. Erschöpft, wenn es um Colonel Mufta Ahmed Rashid geht, seinen Gefängniswärter. Und kraftvoll, wenn er von Allah spricht, seinem Gott, der geholfen hat in der Zeit der Haft. 31 Jahre lang.

Ahmed Al-Zubair Al-Senussi ist kein Mann, der seine Geschichte erzählen will und sie zu den Journalisten in ihre Hotels trägt, wie es viele tun nach 42 Jahren des Schweigens und der Angst. Al-Senussi ist schwer zu finden. Seine Geschichte erzählt er nur, wenn man ihn danach fragt. Und wer ihn fragen will, muss sich herantasten über alte, königstreue Familien in der Stadt, bis er auf einen Mann trifft, der als Held gilt in Bengasi, aber keiner sein will.

Nur der schwarze Ring an seinem Finger erinnert an seine Herkunft. Der weiße Halbmond mit dem Stern auf schwarzem Grund ist das Zeichen seiner Familie, der Senussi, und Teil der Flagge seines Landes. Es ist die Familie, die den einzigen König des Landes gestellt hat, Idris I. In Gaddafis Tagen wünschten ihn sich selbst Jugendliche zurück, die seine Zeit gar nicht mehr kannten.

Er plante einen Staatsstreich, es hätte klappen können

Der Stammvater der Senussi kämpfte gegen die Ottomanen, sein Enkel, Ahmad asch-Scharif führte die Revolution gegen die Italiener, ritt im Ersten Weltkrieg auf Pferden gegen die Briten. Als alles verloren war, brachte ihn ein verbündeter deutscher U-Boot-Kapitän in Sicherheit. 1933 starb er. Im selben Jahr wurde sein Enkel geboren, der seinen Namen erhielt: Ahmed.

Geboren in eine Familie von Widerstandskämpfern kämpfte Ahmed Al-Senussi gegen Gaddafi. 1970, ein Jahr nach der Machtübernahme des Diktators, plante er einen Staatsstreich. Er überredete Offiziere, Beamte und Politiker, es hätte klappen können. Ahmed weiß bis heute nicht, ob ihn jemand aus den eigenen Reihen verraten hat oder ob Gaddafis Geheimdienst schon so früh so gut war.

Im August 1970 wurde Ahmed Al-Senussi verhaftet und im selben Jahr vor Gaddafis Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Das Urteil blieb 18 Jahre bestehen, er wusste nie, wann er sterben sollte, ob am nächsten Tag oder im nächsten Jahr. Erst 1988 wurde das Urteil in eine Gefängnisstrafe umgewandelt, für 13 weitere Jahre. Am Ende war er sechs Jahre länger im Gefängnis als Nelson Mandela. "Mandela beneide ich", sagt Ahmed Al-Senussi heute, "seine Familie konnte ihn besuchen, er hatte Freigang und durfte viel lesen." Al-Senussi bekam 18 Jahre keinen Besuch und er hatte nur ein Buch, um darin zu lesen.

Selbstmord? Das ist verboten für Muslime

In den ersten zwei Jahren seiner Haft wurde er gefoltert. Es gab eine Folter, die Ahmed "Falga" nennt, sie wird mit einem Seil und einem Stock praktiziert. Er macht sie vor, man muss sie nicht beschreiben. Er lacht, wenn er davon erzählt. Dabei verlor er auf diese Weise seine Zehen.

Die folgenden neun Jahre, von 1972 bis 1981, verbrachte Al-Senussi in Einzelhaft. Seine Zelle war etwa fünf mal fünf Meter groß, aber fast leer. Nur eine Toilette, ein Wasserhahn, ein Laken und manchmal ein Bett. Das Laken benutzte er zum Schlafen und zum Beten. Die Fenster waren verbarrikadiert, der Lichtschalter außen angebracht und die Wärter ließen das Licht brennen, Tag und Nacht, bis es keinen Unterschied mehr machte. Er hörte nicht viel, bis auf das Tropfen des Wasserhahns, die Wände waren zu dick. An Flucht dachte er nie, Wärter im Hof, Wärter auf dem Dach. Selbstmord? "Das ist haram, verboten für Muslime", sagt Al-Senussi.

Im Schlaf spürte er manchmal die feinen Füße der Kakerlaken, die über ihn hinwegstrichen. Wenn er wach war, passte er auf, dass die Ratten nicht sein Essen stahlen. Er bekam genug zu essen, dreimal am Tag. Aber Hunger hatte er trotzdem. Neun Jahre sah er keinen Menschen. Nur die Hand des Wärters, die das Tablett mit dem Essen durch die Klappe in der Tür schob. Neun Jahre sah er nicht den Himmel. Er hat in dieser Zeit viel mit sich selbst gesprochen, sagt er. Er hat viel nachgedacht und den Koran gelesen. Er hat an Fatilah gedacht, seine Frau, mit der er neun Jahre verheiratet war, bevor er inhaftiert wurde. "Gott entscheidet, was mit dir passiert", sagt Al-Senussi.

Vom Tod seiner Frau erfährt er erst nach Jahren

Nach neun Jahren Einzelhaft kommen andere Gefangene in seine Zelle. Er weiß nicht mehr, was sie als erstes zu ihm gesagt haben. Auch Omar Hariri war darunter, der Mann, der jetzt als Anführer der Rebellenarmee gilt. Sein Blutsbruder, sagt er. Es war gut, jemanden zu haben, mit dem man die Folter aushalten konnte, die jetzt wieder anfing. Am schlimmsten war nicht das Rauschen des Radios, das die Wärter so laut drehten, dass man das Wort seines Nachbarn nicht mehr verstand, auch nicht, dass seine Kameraden geschlagen wurden, bis sie nur noch zur Zelle kriechen konnten. Am Schlimmsten war das, was die Wärter gesagt haben. Und der schlimmste Wärter war Colonel Mufta Ahmed Rashid.

Al-Senussi hat zwei Dinge zu diesem Mann zu sagen: Er möchte ihn nie wieder sehen. Und falls der Colonel eines Tages vor Gericht stehen sollte für seine Vergehen, dann wünsche er ihm Gerechtigkeit. Aber heißt es nicht auch im Koran "Auge um Auge, Zahn um Zahn"? - "Das soll der Richter entscheiden, nicht ich", sagt Al-Senussi.

1984 wird Al-Senussi nach Abu Salim in Tripolis verlegt, dem Gefängnis, in dem die meisten politischen Gefangenen des Landes untergebracht sind. Vier Jahre später wird seine Todesstrafe in eine Haftstrafe umgewandelt. Zum ersten Mal hört seine Familie, dass er noch lebt. Nach 18 Jahren darf er Besuche empfangen, sein Bruder kommt, Gitterstäbe trennen sie bei dem Gespräch. Schön sei es gewesen, sagt Al-Senussi, aber auch traurig. Zum ersten Mal habe er vom Tod seiner Frau Fatilah gehört, von seinen Onkeln, die er sehr mochte und von seinen Eltern.

"Ich hatte Angst, erschossen zu werden"

2001 kommt er frei, aus Gnade, wegen des 32. Jubiläums von Gaddafis Machtergreifung. Kinder, die er in Erinnerung hat, sind zu Männern geworden, und Männer, die er in Erinnerung hat, sind gestorben. Als er mit dem Flugzeug in seine Heimat Bengasi zurückkehrt, warten Tausende auf ihn. Drei Monate empfängt er Besucher, er lernt seine Familie noch einmal neu kennen. Angst, noch einmal unter Gaddafi verhaftet zu werden, hatte er nicht. "Ich hatte nur Angst, erschossen zu werden", sagt er.

Al-Senussi ist nun 77 Jahre alt. Er hört genau zu, korrigiert Ortsnamen, die falsch übersetzt werden und englische Schreibweisen. Seine Gesten sind bedächtig und passen zu der Familie eines Königs. Seine Augen leuchten noch immer. Wenn man hineinsieht, ahnt man das halbe Leben an der Seite Fatilahs, das ihm gestohlen wurde.

Er kämpft wieder in einer Revolution, es geht gegen den "Neuen Nero", wie er Gaddafi nennt. In der Übergangsregierung der Rebellen hat er einen Sitz, sie treffen sich unregelmäßig an geheimen Orten. Auf ihren Sprecher ist ein Kopfgeld von 250.000 Dollar ausgeschrieben, das Staatliche Fernsehen hat es verkündet.

Al-Senussi verabschiedet sich auf Deutsch: "Auf Wiedersehen." Dann schaut er in den Himmel, den er so lange nicht gesehen hat.

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insgesamt 19 Beiträge
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1.
bite_me 13.03.2011
"Königliches Blut", was soll denn das sein? Kann man sich diese feudalistische Diktion vielleicht mal sparen?
2. Sufismus
kaksonen 13.03.2011
Wenn sein Putsch geglückt wäre, dann wäre Libyen heute ein absolutistisches Königreich mit der Sharia als Rechtsgrundlage, Frauen ohne Rechte und einer Menge Prinzen, die das Geld des Volkes genau so verprassten, wie Gaddafis Söhne. Aber der Westen hätte weniger Probleme!
3. Königliches Blut
Marellon 13.03.2011
Zitat von bite_me"Königliches Blut", was soll denn das sein? Kann man sich diese feudalistische Diktion vielleicht mal sparen?
Man kann schon, lieber "bite-me" (Ihr Name passt), aber man soll nicht. Denn ein Journalist ist von Berufsehre wegen verpflichtet, alles Relevante vorbringen. Und dass der Betreffende von königlichem Blut ist, ist nun mal relevant. Und was relevant ist, entscheiden nicht Sie, da mag Ihre Haltung noch so verbissen gegen "Feudalistisches" sein, das wird von den Umständen entschieden und damit auch von den Menschen um den Betreffenden. Lesen Sie doch bitte den Artikel nochmals - mit offenem Geist -, und Sie werden erkennen, warum es relevant ist. Danke und einen schönen Tag!
4. .
Haio Forler 13.03.2011
Zitat von bite_me"Königliches Blut", was soll denn das sein? Kann man sich diese feudalistische Diktion vielleicht mal sparen?
Nein, bitte nicht. Da relevant für den Artikel. Auch auch hierzulande finde ich solch Silbenonanie wie die Ihre, einfach, wie soll ich sagen, einfach überflüssig.
5. um Gottes Willen : nicht noch mehr Opfer von Gaddafis Schergen!
ulli7 13.03.2011
Nach dem Lesen dieses Artikels kann sich jeder ausmalen, was mit den Aufständischen passiert, wenn die Tyrannen-Familie wieder uneingeschränkt in Libyen das Sagen hat. Danach sieht es momentan aus. Da würde man sich auch als Atheist manchmal wünschen, dass es doch einen ALLAH gibt.
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Fotostrecke
Jugend von Bengasi: "Gaddafi? Game over!"

Fläche: 1.775.500 km²

Bevölkerung: 6,355 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Nuri Ali Abu Sahmain

Regierungschef: Abdullah al-Thani (Oberstes Gericht erklärt am 9. Juni 2014 die Wahl von Ahmed Maitik für ungültig)

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