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Gaddafi-Spross Saif al-Arab: Der Luxusdiktatorensohn

Rund vier Jahre lebte er in München - angeblich als Student. Doch der wahrscheinlich getötete Gaddafi-Sohn Saif al-Arab profilierte sich vor allem als neureicher Playboy. Immer wieder hatte er Ärger mit der Justiz, musste aber keine Konsequenzen fürchten.  

Diktatorensohn: Gaddafi-Anhänger in Tripolis mit Fotos, die Saif al-Arab zeigen sollen Zur Großansicht
REUTERS

Diktatorensohn: Gaddafi-Anhänger in Tripolis mit Fotos, die Saif al-Arab zeigen sollen

Hamburg - Das Leben des Saif al-Arab al-Gaddafi bleibt bis zu seinem wahrscheinlichen Tod mysteriös. Angeblich ist er am Samstagabend bei einem Nato-Luftangriff in Tripolis getötet worden. Eine unabhängige Bestätigung gibt es dafür bislang jedoch nicht.

Selbst die Frage, ob Saif al-Arab der jüngste oder zweitjüngste Sohn des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Mal wird 1979 als Geburtsjahr genannt, mal 1982. Wahrscheinlich stimmt Letzteres.

Unstrittig ist: Saif al-Arab absolvierte wie alle sieben Söhne Gaddafis eine militärische Ausbildung. Bekannt ist auch, dass der Diktatoren-Spross rund vier Jahre in München lebte. Erst vor wenigen Wochen - der Bürgerkrieg in seiner Heimat hatte bereits begonnen - meldete sich der wohl 29-Jährige rückwirkend zum 15. Februar offiziell aus Deutschland ab. Verzogen nach "Unbekannt/Libyen".

In die bayerische Landeshauptstadt kam Saif al-Arab 2006 - angeblich, um dort einen Deutschkurs zu machen und an der Technischen Universität zu studieren. Später wechselte er an die private European University Munich. Augenzeugenberichte von Vorlesungsbesuchen oder gar Büffelei sind allerdings nicht überliefert.

Das dürfte daran liegen, dass Saif al-Arab einem selbst für Münchner Verhältnisse recht opulenten Studentendasein frönte. Er kam mit einer Entourage aus Arzt, Jurist und Hausangestellten in die Stadt, lebte in einer Suite im luxuriösen "Bayerischen Hof", zog zunächst im schicken Stadtteil Bogenhausen in die fast acht Millionen Euro teure Villa des Ex-Chefs der Pleitebank Hypo Real Estate und wechselte später ins beschaulichere Waldperlach im Südosten der Stadt.

Auch sein Autopark war ansehnlich: Ob Porsche Cayenne, Cadillac Escalade, Hummer oder, natürlich, Ferrari F430 - seine Boliden zeigte der Sprössling gern im Rahmen von Rallyes auf Münchens Straßen. Mit dabei waren öfter auch durchaus halbseidene weibliche Begleitungen.

Villa, Autos, Ausflüge in die Lindauer Spielbank und Playboy-Aktivitäten im Nachtleben finanzierte er offenbar mit einem Taschengeld in Höhe von angeblich 300.000 Euro pro Monat. Für seinen Vater, dessen Vermögen auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt wird, war dies keine allzu üppige finanzielle Belastung. Als belastend erwies sich eher, dass Saif al-Arab - man muss das wohl so sagen - recht antiautoritär erzogen wurde. Zumindest in dem Sinne, dass er nicht lernte, sich an Gesetze zu halten, die außerhalb seines Clans gemacht werden.

Auch wenn man ihm zugute halten kann, dass er im Vergleich zu seinen Brüdern als vergleichsweise angenehm gilt. Sein Bruder Mutassim Billah ist eine der mächtigsten Figuren im brutalen Sicherheitsapparat Libyens. Sein Bruder Saif al-Islam brachte zum Studium in Wien zum Entsetzen der Behörden seine weißen Königstiger mit und entpuppte sich in den vergangenen Wochen als ebenso gnadenloser Zyniker wie sein Vater. Und seinem Bruder Saadi war es nicht zu peinlich, sich selbst als Spieler bei italienischen Fußballclubs einzukaufen.

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Dennoch: In seinen gut vier Jahren unter dem weiß-blauen Himmel ermittelte die Justiz elfmal gegen Saif al-Arab. Es ging dabei unter anderem um vorsätzliche Körperverletzung, Anstiftung zu einem Verbrechen, Verstoß gegen das Waffengesetz, Steuerhinterziehung, Beleidigung und Gefährdung des Straßenverkehrs.

So soll er illegal über einen Revolver verfügt, Menschen gedroht haben, sie umzubringen, einen Polizisten bespuckt und einer Haushaltshilfe eine Pistole an den Kopf gehalten haben. Mehrfach wurde Saif al-Arab auch beim Fahren ohne gültigen Führerschein erwischt. Einmal stoppten die Beamten ihn mit knapp 2,4 Promille.

Das Sündenregister war also mehr als bemerkenswert. Wohl auch deshalb versuchte die libysche Botschaft in Berlin bereits 2007, aus dem Sohnemann einen Diplomaten zu machen. Das wäre für Saif al-Arab praktisch gewesen. Er hätte sich im Prinzip all das legal leisten können, was er sich eh jenseits der Gesetzesgrenzen gönnte. Allerdings wollte das Auswärtige Amt Saif al-Arab nicht den "Mir kann keiner was"-Sonderstatus verleihen.

Immerhin gelang es ihm, wenn auch erst im vergangenen Jahr, eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu ergattern. Der Trick: Er fing bei einem deutsch-syrischen Baumaschinenhändler als Projektmanager an. Weil dieser ihn als "hochqualifizierten" Angestellten mit einem Jahreseinkommen von mehr als 66.000 Euro führte, bekam er die entsprechende Niederlassungserlaubnis. Sein sogenannter Arbeitgeber erzählte später, Gaddafi junior sei zwar nie in der Firma erschienen, habe aber einige Male via Telefonat nach Libyen Aufträge akquiriert.

Gaddafi ist irrsinnig konsequent

Interessant ist nicht nur, dass die Behörden nach all den Zwischenfällen die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung ausstellten. Es kam trotz der zahlreichen Delikte auch nie zu einer Anklage. Vielmehr gab ihm der Münchner Polizeipräsident auch noch eine Audienz. Dort erklärte der oberste Ordnungshüter der Stadt dem Unordnungsstifter aus Nordafrika nach eigenen Angaben, wie das deutsche Rechtssystem so funktioniert - und bat ihn schließlich, sich künftig an die Gesetze im Gastland zu halten.

Gut möglich, dass die bayerische Justiz, die sich sonst so gern mit ihrem harten Durchgreifen brüstet, sich nicht noch mehr Ärger einhandeln wollte, als sie mit dem exzentrischen Milliardärsnachwuchs eh schon hatte. Wer sich mit einem von Gaddafis acht Kindern anlegt, muss - da ist der Diktator konsequent - absurde Repressalien fürchten.

Die Schweizer Behörden verhafteten im Sommer 2008 seinen Sohn Hannibal und dessen Frau wegen Körperverletzung. Gaddafi nannte das Land daraufhin die "Mafia der Welt", erklärte ihm den Heiligen Krieg, forderte die Zerschlagung und Aufteilung der Schweiz unter den angrenzenden Ländern, zog fünf Milliarden Franken von Bankkonten ab, stellte die Erdöllieferungen ein - und nahm zwei Schweizer Geschäftsleute in Libyen fest.

Ob die deutschen Behörden ähnliche Konsequenzen fürchteten, ist nicht bekannt. Fest steht nur: Die Justiz griff nie richtig gegen Saif al-Arab durch. Wobei zu ihrer Ehrenrettung gesagt werden muss: Ein Verfahren gegen den Gaddafi-Spross wegen Hinterziehung der Hundesteuer wurde erst eingestellt, nachdem dieser eine Buße gezahlt hatte. Er hatte drei Rottweiler nicht ordnungsgemäß angemeldet - und spendete schließlich für eine Tierschutzorganisation.

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1. Interessant
Isaac.Bickerstaff 01.05.2011
Zitat von sysopRund vier Jahre lebte er in München - angeblich als Student. Doch der wahrscheinlich getötete Gaddafi-Sohn Saif al-Arab profilierte sich vor allem als neureicher Playboy. Immer wieder hatte er Ärger mit der Justiz, musste aber keine Konsequenzen fürchten. * http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,759996,00.html
heißt es im Artikel. Das ist interessant, denn eine solche Niederlassungserlaubnis darf nach dem Aufenthaltsgesetz nur leitendne Angestellten mit besonderer Berufserfahrung erteilt werden. Wie hat Gaddafi junior, der ja zum Studium nach Deutschland gekommen ist, diese Berufserfahrung denn nachgewiesen? Da wird das bayrische Innenministerium noch etwas zu erklären haben.
2. Mehr Trauen!
ranandenspeck 01.05.2011
Das ist ja mehr als skandalös, das die Bayrische Justiz so kuscht. Irgendwo aber auch leider typisch. Hier sollte man sich echt mehr trauen!
3. ...
Moxxo 01.05.2011
Hmm, versucht SPON nun zu demonstrieren, warum Gaddafi Junior auch ganz bestimmt den Tod verdient habe? Toll. Unabhängig davon, ob diese Intervention in Libyen notwendig war, hat das UN-Mandat keineswegs diese gezielten Tötungen legitimiert - man könnte in dem Fall also auch durchaus von willkürlichem Morden sprechen. Die darüber hinaus auch nicht nur Diktatoren-Angehörige treffen...
4. mein mitleid
moonoi 01.05.2011
haelt sich in grenzen, aber in muenchen oder um muenchen herum turnt noch einer rum und zwar der sohn und tronfolger des koenigs von thailand, ebenfalls papas liebling, allerding schon fast im prinz charles alter, dem allerdings einige dinge nachgesagt werden, die den Gaddafi spross als musterknaben erscheinen lassen, und dieser damit in ganz thailand nicht nur nicht beliebt sondern verhasst ist. wenn der koenig wird, gehen in thailand erstmal die lichter aus. und papi gehts ganz schlecht. the next big bang.
5.
gruenerfg 01.05.2011
Unabhängig davon, ob diese Intervention in Libyen notwendig war, hat das UN-Mandat keineswegs diese gezielten Tötungen legitimiert - man könnte in dem Fall also auch durchaus von willkürlichem Morden sprechen.
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Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Fayez al-Sarraj (nominiert)

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