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Gaddafis Chauffeur: "Ich sah keine Furcht bei ihm"

In Gaddafis letzten Stunden war er bei ihm, wurde Zeuge seiner Festnahme durch die Rebellen: Huneisch Nasr war der Chauffeur des libyschen Diktators, teilte mit diesem das Versteck in Sirt. Dem britischen "Guardian" schilderte er jetzt, wie er das Ende seines Chefs erlebte.

Trophäe: In Misurata wird Gaddafis letzter Fluchtwagen ausgestellt Zur Großansicht
DPA

Trophäe: In Misurata wird Gaddafis letzter Fluchtwagen ausgestellt

Misrata - Der Reporter des "Guardian" traf Huneisch Nasr in Misurata, wo der über 60-Jährige mittlerweile in Haft sitzt. Bis vergangene Woche arbeitete Nasr als Chauffeur des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi, stand 30 Jahre lang in dessen Diensten. Auch ganz zum Schluss befand er sich in Gaddafis unmittelbarer Nähe.

Der einstige Machthaber hatte in seiner Heimatstadt Sirt Zuflucht gesucht, wochenlang hielt er sich dort mit einem Tross aus Getreuen im Bezirk 2 auf. Sie seien von Haus zu Haus geflüchtet, unter dem ständigen Beschuss der Rebellen, so Nasr. Am Morgen des 20. Oktober beschloss man, aus Sirt zu fliehen - man fand in der zerstörten Stadt keine Nahrung mehr.

Der Fahrzeugkonvoi geriet zunächst unter Beschuss von Nato-Kampfflugzeugen, dann nahmen Milizen des libyschen Übergangsrates den Gaddafi-Tross unter Beschuss. "Alles um uns herum explodierte", beschreibt Nasr diesen Showdown in Sirt. "Dann kamen die Rebellen auf uns zugerannt." Gaddafi kroch in sein letztes Versteck, eine Abwasserröhre. "Er hatte keine Furcht, aber er schien nicht zu wissen, was er machen soll", sagte Nasr dem "Guardian", "es war das einzige Mal, dass ich ihn so gesehen habe." Er selbst habe sich sofort ergeben, dann sei er mit einem Gewehrkolben niedergeschlagen worden. Ein Foto zeigt den Fahrer mit einem Bluterguss unter dem linken Auge.

Gaddafi beschwerte sich: Warum gibt es keinen Strom?

Nasr gehört zu Gaddafis Stamm, wie fast alle Getreuen, die der Diktator in den letzten Tagen seiner Flucht um sich hatte.

Am Wochenende hatte sich bereits Gaddafis ehemaliger Sicherheitschef Mansur Dao zu Wort gemeldet. Er wird ebenfalls in Misurata gefangen gehalten. Seinen Schilderungen in der "New York Times" zufolge war Gaddafi am 21. August nach Sirt geflohen, nachdem die Rebellen die Hauptstadt Tripolis erobert hatten.

In Sirt hätten sich der Diktator und seine Getreuen zuletzt von Reis und Nudeln ernährt, sagte Dao, der zu diesem letzten Aufgebot des Diktators gehörte. Während sie von Haus zu Haus flüchteten, soll Gaddafi immer ungeduldiger geworden sein. Er habe sich oft beschwert: "Warum gibt es kein Wasser, warum gibt es keinen Strom?"

Mehrmals hätten sie versucht, ihn zur Aufgabe zu überreden - ohne Erfolg. In die Kämpfe griff der Diktator nach Angaben seines Sicherheitschefs jedoch nicht mehr ein: "Ich bin sicher, dass kein Schuss abgefeuert wurde", sagte Dao. Stattdessen soll Gaddafi gelesen haben, regelmäßig habe er von seinem Satellitentelefon eine Fernsehstation angerufen.

"Er benahm sich seltsam", so beschreibt der Chauffeur Nasr das Verhalten Gaddafis im "Guardian". "Er hielt ständig inne und schaute gen Westen. Ich sah keine Furcht bei ihm."

"Ich schwöre zu Gott, dass er sich nie schlecht benommen hat"

In den letzten Tagen seien sie zwischen zwei Häusern in einem Wohngebiet gefangen gewesen, berichtete Dao. Die ganze Zeit habe es Granatsplitter geregnet. Schließlich habe Gaddafi den Befehl zur Flucht gegeben. Am Morgen bestieg er einen Toyota Land Cruiser, wie Dao sagte - eines von etwa 40 Autos, die Sirt verlassen wollten und später von Nato-Raketen gestoppt wurden.

Der Chauffeur Nasr sagte dem "Guardian", er wisse nicht, was mit den anderen Männern aus dem letzten Gefolge des Diktators geschehen sei. Er selbst habe bis zum Schluss geglaubt, man kämpfe gegen "schlechte Menschen". Von seinem Chef sagt er: "Ich war 30 Jahre bei ihm und schwöre zu Gott, dass er sich nie schlecht benommen hat. Er war einfach der Boss. Er hat mich gut behandelt." 340 Euro Monatslohn verdiente Nasr in Gaddafis Diensten. Seinen Boss habe er zuletzt gesehen, als dieser aus der Abflussröhre gezogen worden sei.

usp

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1. Ohne Furcht, jedoch mit Tadel
ratxi 27.10.2011
Zitat von sysopIn Gaddafis letzten Stunden war er bei ihm, wurde Zeuge seiner Festnahme durch die Rebellen: Huneisch Nasr war der Chauffeur des libyschen Diktators,*teilte sein*Versteck in Sirt. Dem britischen "Guardian" schilderte er jetzt, wie er das Ende seines Chefs erlebte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794261,00.html
Dass Gaddafi die Menschen, mit denen er sich ständig umgab, nie schlecht behandelt hat, kann ich mir gut vorstellen. Auch dass er keine Furcht hatte. Denn auf den Bildern der letzten Jahre sehe ich einen Mann, der zu keinerlei emotionaler Regung mehr fähig scheint.Für Furcht ist dort kein Raum mehr gewesen. Und seine Frage nacht Wasser und Strom zeigt obendrein eindrucksvoll, wie realitätsfremd er schon wirklich schon gewesen sein muss.
2. ...
saako 27.10.2011
laut Berliner Zeitung wird Gaddafi (außer den lybischen jubelszenen) in afrika jetzt schon zum märtyrer verklärt empfehle auch sich über die ansichten des Friedensnobelpreisträgers Zuma zu informieren
3. Sieg auf einem Müllplatz
Stauss 27.10.2011
Der Bürgerkrieg beginn sofort, wenn die Nato die Flugzeuge abzieht, die Libyen in einem Zustand verwandelten, wie man ihn auch in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg kannte. Die anderen Stämme lassen sich nicht den Ölreichtum des Landes von dem Stamm um Misrata aus der Nase ziehen. Auch wenn Libyen von der Nato in die Steinzeit zurückgebombt wurden. Eines der wenigen blühenden Länder Afrikas wurden wieder zur Wüste gemacht, weil die Nato glaubt, mit militärischen Mitteln die Rohstoffbasis der westlichen Länder sichern zu müssen und weil offensichtlich bei Obama persönliche Antipathien die Politik bestimmen.
4. meine Anteilnahme gilt dem lybischen Volk
krasmatthias 27.10.2011
Das sind die ersten Aussagen, welche ich glaube. Dieser ganze Krieg stinkt vor Lügen. Und alles für dieses dreckige Öl und politischen Einfluss in Nordafrika. Menschenrechte waren in keinem Fall wichtig. Aber wie ich höre fließt das Öl ja schon wieder - Ziel erreicht. Machtlos erscheint der einzelne und ratlos und dennoch kann jeder einzelne entscheiden, wie lange er dieses System noch unterstützt. Wir alle müssen uns entscheiden!
5. Nato handelt über mandat hinaus
Pharsider 27.10.2011
Konvoi wurde angegriffen, die nato hat ohne jegliche legitimation den konvoi angegriffen, ist dass vom un mandat abgedeckt? Die un ist ein witz, hier wurde einfqch nur eien menschenjagt veranstaltet in einen bürgerkrieg eingegriffen und noch dazu die nachweisslich blutrünstigen rebellen unterstützt. Die da oben machen was sie wollen und wir normalos können nichts dagegen machen. Der Westen ist ein Wolf im Schafspelz und die bürger Lemminge mit pseudo rechten in narkose.
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