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Gaddafis Kriegszug: Ein Kindersoldat zwischen den Fronten

Aus Misurata berichtet

Abdul, 16, wurde von Gaddafi in den Krieg geschickt. Nun liegt er mit einer Schusswunde in einem Krankenhaus - in der Rebellenstadt Misurata. Seine Geschichte lässt erahnen, wie groß die Angst in Libyen ist.

Marcel Mettelsiefen

Die Tür von Patient 105 ist meistens abgeschlossen. Sie ist abgeschlossen, sagen die Ärzte im Krankenhaus von Misurata, damit niemand aus der Stadt Patient 105 umbringe. Sie selbst würden ihn natürlich nicht umbringen. Sie hätten ein weiches Herz. Er sei ja nur ein Kind, dem man viel Unsinn erzählt hätte. Und außerdem bereue das Kind, sagen sie.

Patient 105 ist ein 16-jähriger Junge mit leiser Stimme und schwarzem Haar. Sein Name ist Abdul. Vor einer Woche war er ein Soldat Gaddafis. Kämpfer der Rebellen haben ihn an der Front gefunden, im Osten der Stadt, in der Nähe des Hafens. Am 5. April bekam er einen Schuss ab, die Wunde liegt zwischen Brust und Bauch auf der rechten Seite. In seiner Krankenakte steht, dass Blut in seinen Brustraum geflossen ist und seine Leber verletzt wurde. An das Geschoss kann sich keiner im Krankenhaus erinnern, Abdul nimmt an, dass einer von Gaddafis Leuten ihn mit einer Kalaschnikow erwischt hat.

Neben seinem Bett steht ein junger Wächter, der nach vier Tagen so etwas wie ein Freund geworden ist. Er schläft mit ihm im selben Zimmer, und er hat gelbe Blumen auf den Tisch gestellt, weil er weiß, dass Abdul ihn zwar hätte erschießen können, aber gleichzeitig überzeugt ist, dass er eigentlich ein guter Mensch ist.

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Kindersoldat in Libyen: Abdul, 16, kriegsversehrt

Abdul schaut den Besucher nicht an, wenn er redet. Er schaut an die Decke oder aus dem Fenster. Manchmal krümmt er sich vor Schmerzen, dann tastet er nach der Kunststoffdrainage, die aus seinem Körper führt. Aus ihr fließt manchmal Blut. Er will nicht zugeben, dass er Schmerzen hat. Man könne ihn ruhig alles fragen, sagt er.

"Greift an, greift an, greift an"

Abdul kommt aus Tripolis. Er ging auf die Militärschule, um zu lernen, wie man Funkverbindungen zwischen Armeeeinheiten aufbaut und wie man sie stört. Er wollte Funktechniker und Sergeant werden, weil er Libyen beschützen wollte. Gegen wen beschützen, weiß er nicht genau. Aber Funkverbindungen klang nicht allzu schlimm, nicht nach Kämpfen und nicht nach Krieg.

Die Ausbildung sollte drei Jahre dauern. Aber drei Monate nachdem er angefangen hatte, Ende März, wurde seine Klasse von Gaddafis Soldaten in den Krieg geschickt. 74 Mitschüler hatte Abdul. Der jüngste war 15, der Älteste 23. In einem Waldstück in der Nähe der Stadt erklärten sie ihnen in zwei Wochen, wie man eine Kalaschnikow bedient, wie man Mörsergranaten abfeuert und wie man eine 106-Millimeter-Kanone belädt. Am einfachsten war die Kalaschnikow, fand Abdul. Nur im Zielen war er schlecht, sehr schlecht, weil er ja Anfänger sei, sagt er. Das ist ihm wichtig, er betont es mehrmals während des Gesprächs.

Erst wurden sie nach Sirte gebracht, in die Geburtsstadt Gaddafis. Ihnen wurde erzählt, sie sollten weiter nach Osten nach Ras Lanuf und nach Brega zum Kämpfen gegen die drogensüchtigen Verrückten, die sich Freiheitskämpfer nennen. Doch dann bekamen sie andere Befehle und wurden nach Misurata gefahren. Es war kein erfolgreicher Angriff, sagt Abdul. Am Abend in einem Hangar, 20 Kilometer östlich von Misurata, hatten sie deshalb Besuch. Es kam Chamis al-Gaddafi, der jüngste Sohn Gaddafis. Er trug eine khakifarbene Uniform ohne Schulterklappen. Sie mussten sich hinsetzen, Abdul saß in der vierten Reihe, er konnte Chamis in die Augen sehen, und er hörte, wie er mit ihnen schimpfte.

Die Ärzte schneiden ihm die blutige Uniform vom Leib

"Wie könnt ihr diese Leute nicht töten?", fragte Chamis. "Sie haben keine Ausbildung, und ihre Waffen sind schlecht. Wir erwarten, dass ihr gewinnt." Misurata sei voll mit Söldnern, sie würden die Stadt plündern, sie würden die Frauen vergewaltigen. Abdul wusste nicht, ob er das glauben sollte, aber er dachte, jetzt müssten sie wohl Misurata befreien. "Greift an, greift an, greift an", sagte der Sohn Gaddafis. Bis zum Sonnenuntergang wolle er noch einen Angriff sehen. Es war der 4. April, 17 Uhr. Der Angriff klappte nicht, sie schafften es nicht nach vorne, sie hatten nicht genug Munition.

Am nächsten Tag aber fährt Abdul mit 15 Mitschülern auf einem Pickup-Truck an die Front. Wenn sie unverrichteter Dinge zurückkommen, werde ihnen ins Knie geschossen, sagt ein Offizier mit drei Sternen auf der Brust. Abdul fährt 20 bis 30 Meter an die Front heran. Er schießt zweimal in die Luft, um seinen Ausbilder zu beeindrucken. Das sei alles gewesen, sagt er. Dann fährt er wieder zurück, weil er die Front für zu gefährlich hält.

Als er zurückkommt, schießen sie ihm nicht ins Bein, sondern in den Oberkörper, sagte er. Er bleibt liegen, und an den Rest kann er sich nur schwer erinnern. Er ist sich sicher, dass er nun bewusstlos wird, aber dann bleibt er doch wach. Irgendwann schneiden Ärzte ihm seine blutige Uniform vom Körper und schmeißen sie weg. Ein paar Tage später stehen gelbe Blumen auf dem Tisch.

Nachts träumt er manchmal von seiner Familie, sagt er. Nicht vom Krieg. Sein Großvater hat einen Bauernhof in der Nähe von Tripolis. 25 Hektar. Kartoffeln, Weizen und Olivenbäume. Sie hätten auch drei Pferde. Er reitet gerne. Wenn es ginge, sagt er, würde er gerne zurück zu diesem Hof. Eine Uniform will er nicht mehr anziehen.

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insgesamt 85 Beiträge
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1. Beeinflusster Journalismus
lilli_fee 12.04.2011
Nette Story um den Krieg zu rechtfertigen, aber wirkt zu gestellt.
2. Hmm...
Pacolito, 12.04.2011
Mit 16 Kindersoldat? Naja. Das geht übrigens auch in Europa. Großbritannien hat das niedrigste Rekrutierungsalter in Europa. Es ist das einzige Land Europas, das auch unter 18-Jährige in die Brandherde der Welt schickt. London hat zwar 2003 das Zusatzprotokoll der UN-Konvention zum Schutz des Kindes unterzeichnet, und sich freiwillig verpflichtet, Teenager nicht in Kriegsgebiete zu schicken. Doch angesichts der Überlastung der Truppen nimmt man darauf keine Rücksicht: Zwischen Juni 2003 und Juni 2005 wurden 15 unter 18-Jährige in den Irak gesandt.
3. Einzelfall - Aussagekraft?
autocritica, 12.04.2011
Zitat von sysopAbdul, 16, wurde von Gaddafi in den Krieg geschickt. Nun liegt der Junge*mit einer Schusswunde in einem Krankenhaus - in der Rebellenstadt Misurata. Seine Geschichte lässt erahnen, wie groß die Angst in Libyen ist. Auf allen Seiten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,756425,00.html
So sollten gefangene Kriegsgegner nach der Genfer Konvention selbstverständlich behandelt werden - unabhängig davon ob sie "bereuen", und das hat auch nichts mit einem weichen Herz zu tun, alles andere wäre ein Kriegsverbrechen. Der Jugendliche kann froh sein, dass ihn offenbar Zivilisten gefunden haben und er nicht in die Hände der Rebellen gefallen ist. Die sollen Gaddafi Anhänger auch schon exekutiert und dann im Sand verscharrt haben, siehe entsprechende Berichte auf NYT und CNN. Letztendlich bleibt diese Geschichte ein Einzelfall mit wenig Aussagekraft über die Gesamtsituation.
4. Fragwürdiges Posting!
le_patrice 12.04.2011
Zitat von lilli_feeNette Story um den Krieg zu rechtfertigen, aber wirkt zu gestellt.
Nette Story? Wieso eine Rechtfertigung? Begründung? Wer hat diesen Krieg angefangen? Sind Sie vor Ort? Kennen Sie eine "nettere Story"? Wenn Sie an der unabhängigen Berichterstattung des Spiegels zweifeln, warum lesen Sie ihn bzw. kommentieren es auch noch?
5. Zustimmung
hanspeter.b, 12.04.2011
Zitat von lilli_feeNette Story um den Krieg zu rechtfertigen, aber wirkt zu gestellt.
Ich halte den Krieg zwar für gerechtfertigt, die Story ist mir aber auch ziemlich suspekt.
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Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Fayez al-Sarraj (nominiert)

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