Gaddafis Tod Ende eines Tyrannen

Oberst Muammar al-Gaddafi war der wohl schillerndste Staatschef unserer Zeit - ein Diktator und zugleich sein eigener Hofnarr. Jahrzehntelang wechselte er zwischen äußerster Brutalität und aberwitziger Exzentrik.

Von Yassin Musharbash

DPA

Berlin - Es gibt Diktatoren, zu denen sich keine Anekdoten finden lassen, die ein Bürokratendasein führten und deren Betonmiene sie nie im Stich ließ. Und es gibt Muammar al-Gaddafi, 1942 geborener Beduinensohn, Oberst und 42 Jahre lang Diktator Libyens, bei dem man nicht weiß, wo man anfangen soll zu erzählen.

Vielleicht damit, wie er sich - nur einer seiner legendären TV-Auftritte - durch ein Interview mit der BBC furzte? So lautstark, dass Reporter John Simspon erklärte, die Kameraleute hätten sich erschreckt; und so geruchsintensiv, dass Gaddafis Schergen angeblich Riechhölzer anzündeten. "Leidet Libyens Revolutionsführer an einem unkontrollierbaren Darmleiden?", fragte die "Bild"-Zeitung seinerzeit besorgt.

Bis heute ist unklar, ob es nicht doch eher eine Provokation war. Sie hätte zu ihm gepasst. Bei einem arabischen Gipfel lief Gaddafi einmal vor laufenden Kameras mit Absicht in die Toilette statt in den Versammlungssaal - es war seine Art zu zeigen, was er von dem Treffen hielt. Ägyptens damaliger Präsident Husni Mubarak musste ihn in den Saal zerren.

Ein Exzentriker - und ein Gewaltherrscher ohne Gnade

Ausgefallen auch sein unerschöpflicher Mitteilungsdrang. In seinem berühmten Grünen Buch etwa, das in Libyen nahezu Verfassungsrang hatte, hielt er ernsthaft fest: "Frauen sind Weibchen, und Männer sind Männchen, und Frauenärzten zufolge menstruieren Frauen jeden Monat." Der Absatz schließt mit: "Ende gynäkologisches Statement". Seine Phantasieuniformen ließ er sich übrigens in Paris schneidern.

Und so könnte es immer weitergehen: Nichts ist einfacher, als den Exzentriker Gaddafi zu beschreiben. Zugleich aber führt es in die Irre, ihn nur als Exzentriker zu sehen. Muammar al-Gaddafi war kein dadaistisches Kunstprojekt, auch wenn er als solches hätte durchgehen können. Für mehr als sechs Millionen Libyer war er vor allem der Mann, der sie tagtäglich, über vier Jahrzehnte, knechten ließ.

Am Donnerstag, nach Monaten der Suche im ganzen Land, wurde er endlich aufgegriffen - nahe seiner kurz zuvor gefallenen Geburtsstadt Sirt. Der Übergangsrat bestätigte, dass er bei dem Zugriff ums Leben kam, wie genau, das ist noch unklar. Nun besteht kein Zweifel mehr, dass die Machtübernahme in Libyen dauerhaft sein wird, die Angst vor geheimen Terroraktionen, vor gedungenen Söldnern im Namen des gestürzten Diktators ist vorbei.

Ungezählte Libyer verschwanden in den Jahrzehnten von Gaddafis Schreckensherrschaft, entführt und oft wohl auch getötet von den Sicherheitsdiensten. In den libyschen "Volksgerichtshöfen" kam es regelmäßig vor, dass Angeklagte keinen Zugang zu Anwälten bekamen; dass sie jahrelang weggesperrt wurden, ohne ihre Angehörigen zu sehen zu bekommen. Urteile fielen oft hinter verschlossenen Türen, Akteneinsicht für die Angeklagten gab es nicht.

Wer sich für Menschenrechte einsetzte, brachte sich in Gefahr, manchmal auch in Lebensgefahr. Auch Berichte über Folter gab es immer wieder - Elektroschocks inklusive. Gaddafi-Sohn Saif al-Islam gab dies sogar zu und versprach eine Untersuchung. Dass jemand in Libyen wegen solcher Vergehen verurteilt wurde, ist jedoch nicht bekannt.

Und nicht nur die Libyer bekamen seine Skrupellosigkeit zu spüren. 270 Todesopfer gab es beim Absturz eines PanAm-Jets über dem schottischen Lockerbie 1988. Es war der größte, aber nicht der einzige Terroranschlag, den der Putschist anordnete, der 1969 als 27-Jähriger unblutig den König Idris absetzte. Schon 1986 ließ er in der Berliner Discothek La Belle einen Anschlag verüben. Dazu kamen Mordanschläge sowie Umsturzversuche in mehreren afrikanischen Staaten.

Phänomen, Erzschurke, scheinbar geläuterter Despot

Zuletzt, im Angesicht der Revolte, drohte er damit, Oppositionelle "Haus für Haus" suchen und töten zu lassen. Das war der Anlass für die Uno, eine militärische Intervention zu legitimieren - mit Hilfe dieser internationalen Allianz gelang den Rebellen schließlich der Sturz des Despoten.

Geheimnisvolles Phänomen, blutrünstiger Erzschurke, geläuterter Despot: In diese Phasen lässt sich seine Herrschaft, von außen betrachtet, grob zerlegen. Gaddafi war ohne Frage ein Machthaber, dem die Maßstäbe verrückt waren, der sich für den einzigen Menschen mit allen Lösungen hielt. Aber zugleich war er ein politischer Faktor. Als er an die Macht kam, nannten die Araber ihn "den kleinen Nasser", weil er, wie der große Offizier in Kairo, die Araber vereinen wollte. Lange blieb der Panarabismus für ihn zentrale Orientierung, erst spät gab er ihn - desillusioniert - zugunsten der Idee der "Vereinigten Staaten von Afrika" auf.

In den Siebzigern begann er, eigene Ideen zu entwickeln, niedergelegt im Grünen Buch. Er proklamierte eine "dritte universale Theorie" zwischen Sozialismus und Kapitalismus, verpasste Libyen das Etikett "Republik der Volksmassen" und forderte als Lösung für den Nahost-Konflikt den Staat "Isratin" - halb Israel, halb Palästina. Parallel finanzierte er, was für ihn "antiimperialistische" und für die Mehrheit der Welt terroristische Gruppen waren - von der irischen IRA bis zu radikalen Palästinensergruppen, allerdings auch die Anti-Apartheidsbewegung in Südafrika.

Gaddafi schickte auch selbst Mörder aus, ließ die Konfrontation mit den USA eskalieren - als Reaktion auf den Anschlag auf die vor allem von Amerikanern geschätzten Berliner Diskothek "La Belle" 1986 bombardierte Washington sein Hauptquartier, er entkam knapp. Er werkelte an einem (geheimen) Atomprogramm und ließ mit Giftgas experimentieren. Die Welt reagierte mit Sanktionen. Sein Beduinenzelt konnte er in nur wenigen Ländern aufschlagen - Gaddafi war der Paria par excellence.

Eine Kehrtwende in letzter Minute

Dann die Kehrtwende: 2000 half er bei der Befreiung europäischer Geiseln auf den Philippinen. Nicht lange nach 9/11 zahlte er Entschädigung für Lockerbie und andere Verbrechen. Er kündigte den Verzicht auf Massenvernichtungswaffen an. Vermutlich war es die Angst, die ihn antrieb - die Sorge, im "War on Terror" direkt unter Saddam Hussein auf der Liste zu stehen.

Die internationale Gemeinschaft resozialisierte ihn: Geschäftsbeziehungen wurden geknüpft, die USA freuten sich über Geheimdienstinformationen über islamistische Terroristen. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder fand sich - wie andere westliche Regierungschefs - plötzlich in Gaddafis Zelt wieder.

Irritationen gab es dennoch. 2009 sprach er vor der Uno-Generalversammlung und nannte den Sicherheitsrat einen "Terrorrat". 2010 rief er den "Dschihad" gegen die Schweiz aus. Im Inneren änderte sich sowieso nichts. Tausende wurden von Gaddafis Schergen gefoltert und getötet, auch nach seiner Kehrtwende, die praktisch nur die Außenpolitik betraf, was freilich kaum thematisiert wurde.

Und so hätte der "Oberst" (niemand durfte einen höheren Rang tragen) vom Westen ungehindert vermutlich noch bis zu seinem Tod aus Altersschwäche weiterregieren können. Erst als sich, inspiriert durch Tunesien und Ägypten, auch die libysche Opposition erhob, wendete sich das Blatt gegen den Narziss. Ein halbes Jahr leistete er erbitterten Widerstand, verstieg sich im Abwehrkampf in wilde Theorien, wie die absurde Klage, die Aufständischen stünden unter Drogen, die al-Qaida verteilt habe. Es nützte nichts: Am Ende nahmen sie Tripolis, wo man ihn zunächst nicht fand - Wochen später wurde er nun getötet.

Was wird von Gaddafi bleiben? Er hinterlässt ein Land, das reich sein könnte, es aber nicht ist. Institutionen, die er einrichten ließ, haben keine innere Stabilität, alles war auf ihn und seine kruden Ideen ausgerichtet. Die Libyer sind auf sich selbst zurückgeworfen, es ist Chance und Risiko zugleich.

Die Freiheit ist da. Jetzt muss sie gestaltet werden.

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Seite 1
eulenspiegel 47 20.10.2011
1. ***
Zitat von sysopOberst Muammar al-Gaddafi war der wohl schillerndste Staatschef*unserer Zeit - ein Diktator und zugleich sein eigener Hofnarr. Jahrzehntelang*wechselte er zwischen äußerster Brutalität und aberwitziger Exzentrik. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,782220,00.html
Und all die Jahre hofiert von westlichen Regierungschefs. Mehr als peinlich sich mit Narren auf eine Stufe zu stellen.
timewalk 20.10.2011
2. passwordmaster
Zitat von sysopOberst Muammar al-Gaddafi war der wohl schillerndste Staatschef*unserer Zeit - ein Diktator und zugleich sein eigener Hofnarr. Jahrzehntelang*wechselte er zwischen äußerster Brutalität und aberwitziger Exzentrik. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,782220,00.html
Wie wohl die Einwohner darüber denken wenn deren Kinder an Uranhaltigem Staub verstümmelt zur Welt kommen?
Redshield 20.10.2011
3. Das Ende noch eines Tyrannen. ( To be continued )
… Hurra , hurra … Versuche mich zwar zu freuen; aber irgendwie überkommt mich die Freude nicht so recht ;-( Bin aber ganz pessimistisch, denn ich weiß es genau, die Freude, sie kommt nie auf . Oder doch. Eines Tages; wenn der Rest der Tyrannen, implizit derer in der westlichen Hemisphäre, mal auf die Idee gekommen ist, froh und friedlich abzudanken. A so, die heimischen "..." sind bis Dato nicht mal auf die Idee gekommen, sie wären welche. Dann haben wir da ein kleines Problem. ... Freilich, sie haben kein Problem. Haben wir ein Problem? (Noch was, bevor jemand auf die Idee kommt, mir die Frage zu stellen, ob ich ein Problem hätte, so etwas zu behaupten. Nun ja mein Freund, ich habe ein gewaltiges Problem. Und nicht nur ein(s) davon ! ). Na dann, hurra-hurra ! Ein Tyrann hat sein Ende gefunden; und der Nächste freut sich schon. Hurra, hurra, hurra !
sir.viver 20.10.2011
4. hurra
Der Diktator ist tot, es lebe der Diktator. Who's next in charge?
thomue73, 20.10.2011
5. Scheinheiligkeit regiert
Die Nachricht ist für das libysche Volk eine Befreiung. Der Tyrann, der über Jahrzehnte die Bevölkerung unbehelligt terrorisieren durfte ist vor seinen Schöpfer getreten. Möge im der Herr seine Taten nicht so schnell verzeihen. Auch der Westen jubelt über das Ende des einstmals begnadigten Terroristen, der kürzlich nur deshalb wieder in Ungnade gefallen ist, weil sich seine Taten nicht mehr unter den Teppich kehren ließen. Böses, böses Datennetz. Im Grunde ist die aktuell inszenierte Erleichterung der Politik nicht nachzuvollziehen. Ich meine, das Thema Gaddafi hätte spätestens nach Lockerbie final beendet werden müssen. Auch sind die Erkenntnisse über die unbeschreiblichen Greueltaten die der Mann zu verantworten hat nicht wirklich neu. Egal, am Ende werden wir wieder profitieren. Das kleine Bisschen Doppelmoral bringt uns auch in diesem Fall nicht um. "First we lay the carpet bombs, then we send the builders in - it's a humpty dumpty thing!" Die Zeile stammt natürlich nicht von mir sondern von Ex-Carter USM Frontman Jim Bob. Aber sie passt meines beischeidenen Erachtens nach wie die Faust auf's Auge.
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