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Gaddafis Waffenlager: Das explosive Erbe des Diktators

Aus Tripolis berichtet

Seit dem Fall des Regimes in Libyen plündern die Rebellen die Waffenlager Gaddafis. Doch der unkontrollierte Zugang zu den Arsenalen des machtversessenen Despoten beunruhigt die Staatengemeinschaft: Vor allem Boden-Luft-Raketen könnten in die falschen Hände geraten.

Gaddafis Waffenlager: Rebellen auf Beutezug Fotos
SPIEGEL ONLINE

Die gefährliche Ware liegt noch immer dort, man kann sie auf einem Spaziergang durch die einstige Machtbasis des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi in Tripolis entdecken. In dem riesigen Militärkomplex Bab al-Asisija mitten in der Innenstadt, den die Rebellen jetzt kontrollieren, schlummern hinter einer kleinen Mauer noch tödliche Waffen. Sie liegen in der brennenden Mittagshitze neben einem der unzähligen Wachtürme: zwei original verpackte Boden-Boden-Raketen vom Typ "Milan". Man kann sie gegen Panzer oder Hubschrauber einsetzen. Daneben liegen die leere Verpackungsbox der Abschusshalterung und die eines Nachtsichtgeräts.

Der heikle Fund scheint nur der Überrest einer der vielen Beutezüge der Rebellen durch die Waffenlager des Despoten im ganzen Land zu sein. Neben den beiden Raketen liegen vier große Boxen, in denen jeweils vier der Raketen lagerten.

Bei einer der Rebelleneinheiten, die feiernd mit ihren Pick-up-Trucks durch das Gelände rasen, sorgen die Raketen für große Freude. "Gott ist groß", rufen die vier Männer und springen aus ihrem Wagen. Sie schultern die Rohre und schmeißen sie auf die Ladefläche des Toyota. Ein vorsichtiger Umgang mit den gefährlichen Waffen, die eine deutsch-französische Gemeinschaftsproduktion sind und weltweit von Dutzenden von Armeen verwendet werden, sieht anders aus. "Die Dinger sind ein Geschenk", rufen sie, als der Fahrer Gas gibt: "Mit ein bisschen Glück erlegen wir damit heute Nacht die letzten Schergen von Gaddafi - oder ihn selbst."

In einem riesigen Bunker zeugen leere Holzkisten von der Beute der Rebellen aus den vergangenen Tagen. In den tarngrünen Kisten befanden sich Panzerfäuste russischer Bauart, die die Rebellen seit einigen Tagen stolz bei ihren Fahrten durch die Stadt präsentieren. Die Panzerfäuste mögen nicht neu sein, den aufgesprühten Lieferdetails zufolge stammen sie aus den siebziger und achtziger Jahren. Doch sie funktionieren bis heute.

Dutzende solcher Lager haben die Rebellen bei ihrem Marsch auf Tripolis aufgebrochen und geplündert. In einem Vorort von Tripolis nahmen sie ein Riesenlager der libyschen Spezialeinheiten ein, in dem Tausende moderner Gewehre und ganze Lastwagenladungen mit Munition deponiert waren. Aus der vor Monaten noch schlecht ausgerüsteten Guerilla-Armee ist spätestens seit dem Einmarsch in die Hauptstadt eine gut gerüstete Truppe geworden.

Moderne Sturmgewehre, Pistolen, Raketen

Die Beutezüge mögen die Rebellen bei ihrem Kampf gegen Gaddafi schlagkräftiger gemacht haben. Der unkontrollierte Zugang zu den Waffenarsenalen erfüllt aber schon jetzt Experten in aller Welt mit Sorge. Jeder im Land, diesen Eindruck erhält man jedenfalls als Beobachter, ist mittlerweile bis an die Zähne bewaffnet - und niemand weiß so recht, wie man nach dem endgültigen Sturz Gaddafis die Rebellentrupps wieder entwaffnen soll.

Über 40 Jahre hat Gaddafi seine Armee mit Milliarden seiner Öldollars aufgerüstet, vornehmlich mit Produkten aus dem Ostblock. Allein 20.000 tragbare Boden-Luft-Raketen befänden sich im Land, berichtete die "New York Times" im Juli. Und nachdem Gaddafi vor einigen Jahren dem internationalen Terrorismus abgeschworen hatte, konnte er sich auch bei europäischen Waffenschmieden gegen Geld bedienen. Die von den Rebellen erbeuteten "Milan"-Raketen stammen möglicherweise aus einem Deal, den Gaddafi noch im Jahr 2010 mit Frankreich abschloss, das Gesamtvolumen belief sich auf mehr als 160 Millionen Euro.

In den Resten des geplünderten Militärkomplexes finden sich noch viele Hinweise auf diese Einkaufstouren: Leere Kisten von modernen G3-Sturmgewehren, mit deutscher Lizenz in der Türkei produziert, blaue Pistolenkisten aus dem Hause "Beretta" oder Bedienungsanleitungen von "Smith & Wesson" liegen überall herum. Allein von den Pistolen müssen die Rebellen Hunderte erbeutet haben.

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Libyen: Raubzug durch Gaddafis Luxusvillen
Doch es sind nicht so sehr die Handfeuerwaffen, die die Experten besorgen. Die Terrorexperten vor allem im Pentagon fürchten eher, dass die riesige Zahl an Boden-Luft-Raketen in falsche Hände und im schlimmsten Fall in die von Terroristen geraten könnte. So altersschwach viele der Raketen aussehen mögen, so effektiv kann man mit ihnen Flugzeuge bei Start und Landung abschießen - der Alptraum jedes Terrorfahnders.

Einmal ist ein solcher Plan von Terroristen nur knapp gescheitert. Im September 2002 wurde in Kenia eine Boden-Luft-Rakete auf ein startendes israelisches Passagierflugzeug voller Touristen abgefeuert, der Jet entging nur durch Glück der Katastrophe. Würden nun die libyschen Bestände solcher Raketen über den Schwarzmarkt in andere Länder gelangen, könnten sich solche Versuche von Terroristen wiederholen. Das ist das Horrorszenario.

Die Rebellen selbst versuchen, die Zweifel zu zerstreuen. "Die erbeuteten Boden-Luft-Raketen sind bei uns sicher, sie werden nicht in falsche Hände geraten", versichert ein militärischer Berater der Übergangsregierung SPIEGEL ONLINE. Doch es gibt berechtigte Zweifel, ob die Kommandeure im Feld das auch kontrollieren können.

Gaddafi bunkerte 9,5 Tonnen Senfgas

Die "New York Times" schilderte im Juli die mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen in einem von Rebellen übernommenen Depot. Gefüllte Kisten seien plötzlich leer gewesen, abfahrende Lkw würden nicht kontrolliert. Die Rebellen sind jetzt zwar besser organisiert, doch ihre Führung ist noch immer chaotisch. Zudem weiß niemand, was nach dem möglichen Sieg über das Regime passiert, und ob die Rebellen später in eine reguläre Armee übergehen.

Schon vor Monaten gab es - allerdings unbestätigte - Meldungen, libysche Waffen seien im Tschad und in Mali aufgetaucht. Sie sollen über die südlibysche Grenze geschmuggelt worden sein. Die USA nehmen diese Gefahr offenbar ernst. Die Obama-Regierung gab 1,5 Millionen Dollar an die "Mines Advisory Group" und eine Schweizer Stiftung, die helfen sollen, Waffenarsenale in Libyen zu sichern. Die Regierung schickte auch Beamte in Libyens Nachbarländer Algerien, Tschad, Niger und Mali, um über Methoden der Grenzsicherung und die Identifizierung solcher Waffensysteme zu sprechen. Zudem bemüht sich die Nato laut dem US-Sender CNN, per Luftüberwachung und durch die Geheimdienste die unkontrollierte Verbreitung der Waffen zu unterbinden.

Weniger besorgt scheint die internationale Gemeinschaft über die chemischen Waffen des Despoten zu sein. Über mindestens 9,5 Tonnen Senfgas verfügte Gaddafi vor seinem Fall. Es handelt sich dabei um Reste eines chemisch-biologischen Waffenprogramms, zu dessen Aufgabe er sich 2003 im Zuge seiner spektakulären Wende in der Außenpolitik verpflichtet hatte.

Experten gehen davon aus, dass Libyen verabredungsgemäß alle Ausbringungssysteme für das Giftgas verschrottet hat und dass der Einsatz ohne diese Systeme kaum möglich ist. Die Bestände, so jedenfalls eine Expertin gegenüber CNN, würden von der Nato aus der Luft überwacht und seien zudem gut gesichert in unterirdischen Bunkern eingelagert. Das Material sei nach bisherigen Erkenntnissen "sicher und bewacht". Zudem gebe es bereits erste Gespräche mit dem Übergangsrat, um die Gefahr zu bannen.

Es wird jedoch noch dauern, bis der gesamte Umfang von Gaddafis Waffenarsenal bekannt wird. Noch immer wird spekuliert, dass der Diktator zum Beispiel ein ausgedehntes Tunnelnetz mit Depotfunktion hat anlegen lassen, in dem er auch Waffen verstecken ließ. Rebellen stießen bereits jetzt auf gigantische Vorräte - aber nicht nur an Munition, sondern offenbar auch an Lebensmitteln und medizinischem Material. Niemand will ausschließen, dass es weitere solcher Lager mit gefährlicherem Inhalt gibt. Die internationale Gemeinschaft wird darauf drängen, dass die Waffenbestände gesichert werden.

Aber noch herrscht Chaos im Land, und die Spuren vieler Waffen werden sich wohl auf ewig verlieren.

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Forum - Umsturz in Libyen - Wie geht es weiter?
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1. gute arbeit
dayo, 27.08.2011
Zitat von sysopMonatelang haben die libyschen Rebellen gekämpft, nun sind sie in Tripolis einmarschiert. Vom langjährigen Machthaber Muammar al-Gaddafi fehlt jede Spur. Es sind historische und entscheidende Tage - das Land muss nach den heftigen Gefechten schnell wieder aufgebaut werden. Wie geht es weiter in Libyen?
nun, wie soll es weitergehen?al quaida hat eine neue basis, dh. es besteht keine gefahr, das die terrorgefahr nachlässt und die rüstungsindustrie kann beruhigt sein.
2. Ist das nicht wunderbar
cherusciprinceps 27.08.2011
Wie die NATO und ihre rebellischen Kumpanen den Menschen in Libyen Frieden, Liebe und Wohlstand gebracht haben. Einfach toll.
3. .
ThomasPr, 27.08.2011
Zitat von sysopMonatelang haben die libyschen Rebellen gekämpft, nun sind sie in Tripolis einmarschiert. Vom langjährigen Machthaber Muammar al-Gaddafi fehlt jede Spur. Es sind historische und entscheidende Tage - das Land muss nach den heftigen Gefechten schnell wieder aufgebaut werden. Wie geht es weiter in Libyen?
Fragen Sie doch die Rebellen. Aber die werden es auch nicht sagen können, wie es weitergeht in Libyen. Es ist halt leichter etwas zu zerdeppern, als es wieder aufzubauen.
4. Frz Pub-Kampagne 1973: "Erdoel haben wir nicht, aber Ideen"
seine-et-marnais 27.08.2011
Zitat von sysopMonatelang haben die libyschen Rebellen gekämpft, nun sind sie in Tripolis einmarschiert. Vom langjährigen Machthaber Muammar al-Gaddafi fehlt jede Spur. Es sind historische und entscheidende Tage - das Land muss nach den heftigen Gefechten schnell wieder aufgebaut werden. Wie geht es weiter in Libyen?
Diese Frage haette man sich frueher stellen muessen. Aber gestern abend konnte man bei einer Diskussion auf i-tele (frz) einen Journalisten hoeren mit dem Vorschlag, da in Libyen umstritten sei wer denn nun regieren koennte, koennte Sarkozy als eine Art Vormund voruebergehend einspringen. Ueberrascht mich nicht, ist er es doch der das ganze arrangiert hat, siehe als naechste Veranstaltung 'Treffen der Freunde Libyens' veranstaltet von Sarkozy.
5. Fangfrage?
drouhy 27.08.2011
Zitat von sysopMonatelang haben die libyschen Rebellen gekämpft, nun sind sie in Tripolis einmarschiert. Vom langjährigen Machthaber Muammar al-Gaddafi fehlt jede Spur. Es sind historische und entscheidende Tage - das Land muss nach den heftigen Gefechten schnell wieder aufgebaut werden. Wie geht es weiter in Libyen?
Die Mentoren des selbst legitimierten NTC sind doch bekannt. Solche Fragen sollten besser an Mandatsmissbrauchsmächte gerichtet werden, deren Truppen sich illegal in Libyen aufhalten. Es sind übrigens diesselben, welche die Schäden zu grossen Teilen erst anrichteten, sei es durch Bomben oder durch illegal gelieferte Waffen.
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Fotostrecke
Tripolis: Gefechte und Glücksmomente

Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

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