Flämische Nazis auf der Flucht Hitlers belgische Gäste

Im Herbst 1944 flohen die deutschen Besatzer-Truppen aus Belgien - und mit ihnen Tausende flämische Nazis. Deren tragisch-absurdes Schicksal im "Deutschen Reich" hat eine belgische Journalistin erforscht.

Corbis

Die letzten Opfer wurden am 30. März 1945, nur 39 Tage vor Kriegsende, auf ihren Marsch in den Tod geschickt: Etwa 600 junge Flamen, die meisten gerade einmal 15, sechzehn16 Jahre alt, hastig an der Waffe geschult und ins "Jugendbataillon Flandern" gesteckt. "Fantastisches Menschenmaterial", begeisterte sich der flämische SS-Anführer Oswald Van Oteghem, der die Kinder an die Front führte.

Geistliches Geleit gab ihnen der flämische Priester Cyriel Verschaeve, Ehrendoktor der Kölner Universität. "Der Satan steigt auf im Osten, wenn Du ihn nicht vertreibst, dann bleibt von dir nichts mehr übrig", predigte der Nazi-Bewunderer, "Flamen, steht alle auf. Für Gott, für Euren Gott, für den Gott, für den man jetzt in den Kampf zieht."

Das "Jugendbataillon" sollte gemeinsam mit den SS-Divisionen "Langemarck" und "Wallonien", in denen vor allem belgische Soldaten kämpften, den Vormarsch der russischen Armee stoppen. Ein Himmelfahrtskommando, das am 27. April im Inferno endete. Er habe "solche Bilder noch nicht einmal 1918 gesehen", stöhnte Panzer-General Hasso von Manteuffel nach dem Gemetzel. Nur wenige überlebten diesen Gott gewidmeten Einsatz.

Es war das Ende eines Massenexodus fanatischer Flamen, die noch an den "Endsieg" glauben wollten, als alles längst verloren war. Kaum mehr als eine Episode im Umfeld des millionenfachen Sterbens, nicht kriegsentscheidend und weitgehend vergessen. Aber was die belgische Journalistin Rosine De Dijn darüber jetzt zusammengetragen hat, ist eine eindrucksvolle Studie über politische Verblendung und Größenwahn - mithin hochaktuell.

Die absurd-tragische Geschichte beginnt im Spätsommer 1944. Britische und amerikanische Streitkräfte rücken gegen Belgien vor. Die deutschen Besatzer haben nicht mehr viel dagegenzusetzen und ziehen Anfang September Hals über Kopf ab.

Viele belgische Kollaborateure sind in Panik. Die "Schwarzhemden", wie sie genannt wurden, haben in Flandern schrecklich gehaust, Menschen ermordet oder in die KZs geschickt. Jetzt fürchten sie die Rache. Tausende von ihnen schließen sich dem Treck der Wehrmacht an, lassen sich in Lastwagen und Bussen ostwärts transportieren. Während die deutschen Soldaten sich am Ufer der Maas verschanzen, ziehen die Flamen weiter, über Krefeld, Duisburg, bis ins Umland von Hannover. Dort werden sie als "Gäste des Führers" auf Bauernhöfen, in Schulen oder Gasthäusern untergebracht.

Mitte September sind fast 16.000 flämische Angehörige der Waffen-SS und anderer deutscher Dienststellen im "Gau Ost-Hannover" angekommen, die - wie es in einer Regierungsdepesche heißt - "besondere Betreuung erforderlich machen".

Waffenfabrik oder Front

Tatsächlich gilt der VIP-Empfang aber nur der flämischen Nazi-Prominenz und deren Familien. Gewöhnliche belgische Führer-Gäste müssen sich mit einem Strohsack voller Ungeziefer begnügen. Wirklich willkommen sind sie nicht, ziehen doch schon Zigtausende Deutsche auf der Suche nach einer Bleibe und ein paar Kartoffeln zum täglichen Überleben über Land. Die einen sind auf der Flucht vor den alliierten Bombenteppichen im Ruhrgebiet oder in Köln, die anderen nehmen vor den Russen Reißaus. Auch die sind nicht überall beliebt, aber zumindest sind sie Deutsche. Die anderen sind Ausländer, auch wenn sie den Führer verehren.

Viele Flamen melden sich deshalb lieber gleich zum Fronteinsatz. Die jüngeren werden erst sechs Monate in den Arbeitsdienst gesteckt, anschließend dürfen sie zwischen der Arbeit in Waffenfabriken und dem Dienst in der SS-Division "Langemarck" wählen. Die Kinder kommen unter die Obhut der Reichsjugendführung. Die Jungs werden dort paramilitärisch gedrillt, die Mädchen zur "nationalsozialistischen Frau" geformt.

Nicht weit von den Flamen, im "Gau Südhannover-Braunschweig", gibt es auch etwa 6000 französischsprechende Belgier, Wallonen. Die meisten sind ebenfalls geflohene Kollaborateure der Nazis, haben die gleiche Gesinnung, die gleichen Probleme - aber Flamen und Wallonen können sich auch im Exil nicht ausstehen. Getrennt machen sie absurde Pläne für die Zeit nach dem deutschen "Endsieg": Die Wallonen entwerfen einen belgischen Staat, ihre Nachbarn basteln sich ein autonomes "Reichsland Flandern". Sie gründen Exilregierungen und planen, jede Seite für sich, bewaffnete "Befreiungskomitees". Dabei ist Belgien schon seit Mitte September 1944 "befreit" - von den Alliierten.

Am 16. Dezember 1944 setzt Hitler alles auf eine letzte Karte: Die "Ardennen-Offensive". 200.000 Soldaten sollen mit Panzern und Geschützen Belgien zurückerobern, weiter nach Frankreich marschieren und die Truppen der Alliierten vernichten oder verjagen. Mit von der Partie sind 2200 Flamen der 27. SS-Freiwilligen-Grenadierdivision "Langemarck". Die sollen das befreite Flandern übernehmen, wenn die deutschen Befreier weiterziehen. Aber der Traum ist schnell vorbei.

Am 24. Dezember stockt die "Ardennen-Offensive", drei Tage später wird sie unter hohen Verlusten abgebrochen. Die Russen greifen im Osten auf breiter Front an, nun wird jeder Soldat dort gebraucht. Auch die flämische "Langemarck-Division" wird nach Osten verlegt. Noch immer wollen die Flamen glauben, dass sie eines Tages unter dem Schirm ihres großen Führers Adolf Hitler daheim einrücken und ihr Reichsland gründen können.

Nur noch Sabotage

Am 3. Februar 1945 sterben in Berlin beim bis dahin schwersten Bombenangriff in einer Nacht 3000 Menschen. Es bricht alles ein. Die Nachkriegsordnung in Belgien gilt nun, wie Hitler am selben Tag verfügt, als nur noch "am Rande" wichtig. Flanderns Exil-Regierungschef, SS-Sturmbannführer Jef van de Wiele, soll stattdessen eine "flämische Freiheitslegion" für Sabotage-Akte in seiner Heimat organisieren. Aber auch dafür fehlt das Personal. Die meisten seiner Landsleute, die mit ihm ins "Reich" gezogen waren, sind da schon gefallen, verwundet oder in Kriegsgefangenschaft.

Dass etliche Flamen-Anführer aus jener Zeit daheim bald wieder Karriere in der Politik machten und dass sich am Grab des Kriegspredigers Cyriel Verschaeve noch heute Gesinnungsgenossen und Verehrer versammeln, ist eine ganz andere Geschichte.

Die Gäste des Führers, Grenz-Echo Verlag, Belgien; 19,95 Euro



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
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bluemke 06.12.2014
1. immer schön recherchieren
den anfangs genannten Offiziersrang "Untersturmbannführer" gab es nicht. Sturmbannführer = Oberst Untersturmführer = zweitniedrigster Rang
henrik-flemming 06.12.2014
2. Zweiseitig
warum werden eigentlich hier nur Flamen erwähnt? Bei den Wallonen gab es einen eben so grossen Haufen von Kollaborateuren. Die wallonische 28. SS Freiwilligen Division unter Léon Degrelle war an mehreren Verbrechen im Zweiten Weltkrieg beteiligt. Seine Division wurde denn von den Briten bei Lübeck gestellt, er selbst ist nach Dänemark und von dort aus nach Norwegen geflüchtet. Von dort aus hat er sich nach Spanien abgesetzt, wo er den Rest seines Lebens gelebt hat und nie für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wurde, wie eigentlich auch Søren Kam, der Kriegsverbrecher und Führer der dänischen Nazipartei, der immer noch unbehlligt in Bayern lebt, obwohl gegen ihn in Dänemark ein Haftbefehl besteht.
steevieb 06.12.2014
3.
ein Blick nach hinten hilft oft zu verstehen was vor einem liegt mal ganze davon abgesehen wird in dem Artikel nur sehr wenig von der Schuld erwähnt die das deutsche Volk damals auf sich geladen hat
redebrecht 06.12.2014
4. BELGIER, keine Deutschen
Würden Sie mir das Geschichtsbuch zeigen, dass von den Belgiern in der SS erzählt? Wenn Sie alles schon wissen, dann müssen sie sehr lange und viel über die damalige Zeit gelesen haben. Was denken sie, wieviele Menschen das alles auch wissen? Mehr als 1000?
tyskie 06.12.2014
5. @henrik-flemming
Das habe ich mich auch gefragt. Über Degrelle gibt es übrigens eine tolle Doku auf YouTube, die von seiner Tochter moderiert wird. Wirklich sehenswert! :)
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