Trumps Personalprobleme House of Chaos

Erst Hope Hicks, jetzt Gary Cohn: Personalquerelen und Machtkämpfe lähmen Donald Trumps Regierung. Weitere spektakuläre Abgänge könnten bald folgen.

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Von , Washington


Es war wieder einmal einer der bizarren Momente dieser Präsidentschaft. Donald Trump trat bei einem Dinner in Washington auf, er sollte eine kleine Rede halten. Doch schnell gerieten die Dinge außer Kontrolle.

"Die Leute reden ja über die vielen personellen Abgänge im Weißen Haus", erklärte Trump laut Teilnehmern. "Ich finde das aber erfrischend, man will doch Veränderung. Ich liebe Chaos." Und dann drehte er sich zu seiner Gattin um und schob noch einen echten Trump-Spruch hinterher: "Wer wird wohl als Nächstes gehen: Melania?"

Trump hält das für witzig. Doch vielen Amerikanern ist das Lachen über solche Sprüche längst vergangen. Das Weiße Haus, einstmals stolzes Symbol für die Macht Amerikas, gleicht unter Trump einer Regierungszentrale in Auflösung. Interne Querelen und Intrigen lähmen die Abläufe fast wieder so wie zu Beginn seiner Präsidentschaft. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass wichtige Mitarbeiter kündigen oder gekündigt werden. Immer neue Affären und Streitigkeiten sorgen für Verdruss beim Wahlvolk.

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Erst musste vor zwei Wochen der Trump-Vertraute Rob Porter seinen Posten räumen, weil er seine beiden Ex-Frauen geschlagen haben soll. Dann schmiss Trumps enge Mitarbeiterin Hope Hicks überraschend hin; sie hatte vor einem Ausschuss zugegeben, manchmal für Trump Notlügen zu fabrizieren. Und nun verabschiedet sich auch noch der wichtige Wirtschaftsberater Gary Cohn.

Von einem geordneten Betrieb kann in dieser Regierung keine Rede mehr sein. Wäre das Weiße Haus eine Firma an der Börse, würde jeder rationale Mensch wohl spätestens jetzt alle ihre Aktien abstoßen.

Weißes Haus
AFP

Weißes Haus

Der spektakuläre Abgang von Wirtschaftsberater Cohn im Zuge des Streits um Trumps geplante Strafzölle ist aktuell wohl die größte Schlappe für den Präsidenten. Auch wenn Trump sich bemüht, den Rückzug des früheren Goldman-Sachs-Managers als ganz normalen Vorgang darzustellen, dürfte die Personalie vor allem in Amerikas Wirtschaftselite erhebliche Unruhe auslösen.

Cohn galt vielen Unternehmensführern als die letzte Stimme der wirtschaftspolitischen Vernunft im Weißen Haus. Mit Macht kämpfte der Demokrat aus New York seit einem Jahr gegen die nationalistischen und protektionistischen Instinkte des Präsidenten an; für viele westliche Verbündete der USA, auch Deutschland, war er ein wichtiger Ansprechpartner in der Regierung. Cohn setzte auch einen Kontrapunkt zu anderen Beratern des Präsidenten wie Peter Navarro oder Wilbur Ross, die klar für einen protektionistischen Kurs eintreten.

Doch Cohn hat wohl schon seit einiger Zeit eine Gelegenheit zum Absprung gesucht. Zuletzt soll er mit Trump noch darüber verhandelt haben, den glücklosen Stabschef John Kelly zu ersetzen. Aber dann kam es in der vorigen Woche zum Eklat: Gegen den ausdrücklichen Rat von Cohn, der erst in letzter Minute eingeweiht wurde, verkündete Trump seine Pläne für Strafzölle auf Stahl und Aluminium. Peter Navarro und Wilbur Ross waren begeistert - und Cohn musste wohl erkennen, dass der Zeitpunkt zum Rückzug für ihn gekommen war.

Gary Cohn (Mai 2017)
DPA

Gary Cohn (Mai 2017)

Mit dem Abgang von Cohn, Hicks und Porter stellt sich die Frage, welche einflussreichen Figuren es im Weißen Haus überhaupt noch gibt. So ist Trumps Schwiegersohn Jared Kushner zwar weiterhin da, er gilt aber als angeschlagen, nachdem ihm in der vergangenen Woche die Ansicht von streng geheimen Dokumenten verboten worden war. Auch Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster ist angeblich bei Trump in Ungnade gefallen und auf dem Absprung: Er soll sich bereits nach einem Uni-Job umgehört haben.

Immer deutlicher wird, dass der tyrannisch-patriarchalische Management-Stil von Trump vielleicht in der Immobilienwirtschaft der Achtzigerjahre funktionierte, nicht aber in der Regierungszentrale des mächtigsten Landes der Erde. Hier produziert er nur eine einzige, sehr verderbliche Ware in Masse: schlechte Nachrichten. Aber Trump genießt es ganz offensichtlich, Intrigen anzufachen und gegenüber Mitarbeitern Gunstbeweise zu erteilen und zu entziehen. So stellt er sicher, dass sich alles nur um ihn dreht. Dabei verschärft er aber das Chaos im Weißen Haus.

Zur Strafe ins Weiße Haus

Wenn etwas schiefläuft, gibt Trump am liebsten anderen die Schuld. Selbst Stabschef John Kelly, der im vergangenen Jahr gestartet war, um im Weißen Haus für Ordnung zu sorgen, gilt inzwischen als angezählt. Trump soll mit ihm unzufrieden sein, macht ihn für das allgemeine Durcheinander verantwortlich, raunt es in Washington. Der Präsident soll laut CNN sogar seinen früheren Kommunikationsdirektor Anthony Scaramucci dazu angestachelt haben, in TV-Interviews über Kelly herzuziehen. Kelly selbst erklärte jüngst halb im Scherz, halb im Ernst, Gott habe ihn mit der Versetzung ins Weiße Haus wohl "bestrafen wollen".

Trump tut derweil weiter so, als sei im Weißen Haus alles in bester Ordnung. Kurz bevor der Abgang von Cary Cohn am Dienstag öffentlich wurde, twitterte er, es sei doch ganz normal, dass ständig "Leute kommen und gehen".

Im Weißen Haus gebe es kein Chaos, sondern nur "eine großartige Energie".

Prominente Abgänge unter Trump im Überblick:

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Prominente Abgänge der Trump-Regierung: Und raus bist du
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Seite 1
jjcamera 07.03.2018
1. Vorteilsnahme
Trump-Mitarbeiter, die nicht spätestens nach einem halben Jahr kündigen, stehen irgendwie unter dem Verdacht, den Job nur wegen eigener Vorteile zu machen. Das Wohl Amerikas ist ihnen sch...egal.
wokri 07.03.2018
2. Chaos Chaos
Einen Plan hat Trump dabei nicht. Wer mag schon unter so einen Chef arbeiten? Die Damen vom horizontalen Gewerbe einmal ausgenommen., selbst da gibt es bekannter Weise bereits Kündigungen.
marialeidenberg 07.03.2018
3. Das Traurige an dieser Fluktuation ist,
dass ein ursprünglich hochkarätiger Stab sukzessiv durch zweitklassige Claqueure ersetzt wird. Bei Personalwechseln der herkömmlichen (erfolgreichen) Art geht man von einem Qualitätszuwachs aus. Im Weißen Haus dieser Tage darf man unterstellen, dass Leute mit Rückgrat und Selbstachtung in einem selbst-beschleunigten Prozess zu einer seltenen Spezies werden.
steveleader 07.03.2018
4. Europa schaut...
hoffentlich ganz genau hin, was passiert wenn Populismus ein Land regiert. Das Amerika der Freiheit und Träume, dieses coole Amerika gibt es nicht mehr. In atemberaubender Geschwindigkeit wurde dieses abgeschafft. Krieg haben die USA immer schon geführt aber immer haben sie es geschafft, dass man diesbezüglich meistens die Sichtweise der Amerikaner eingenommen hat. Das ist jetzt völlig vorbei.
GMA 07.03.2018
5. DT:erst bilaterale Abkommen Nonplusultra, jetzt ein Zoll für alle?
Also ich kann verstehen, wenn sich alle Lenker erstmal zurücklehnen. Planbar ist derzeit wohl nichts...
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