Kampf um Gasfelder Jagd auf den Schatz im Mittelmeer

Geostrategisches Powerplay: Im Mittelmeer lagern riesige Gasvorkommen, und viele wollen den Rohstoff fördern. Nun eskaliert der Streit - zwischen Israel und dem Libanon, aber auch der Türkei und Zypern.

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Der Syrienkrieg, die atomare Bedrohung durch Nordkorea, der Konflikt zwischen Iran und Israel, der Inselstreit im Südchinesischen Meer - Außen- und Sicherheitspolitiker sowie Militärs aus aller Welt diskutieren momentan auf der Münchner Sicherheitskonferenz die globalen Krisen. Im Fokus dürfte aber auch das Mittelmeer stehen. Der Grund: Gas.

Gleich mehrere Anrainerstaaten streiten gegenwärtig, wer den Rohstoff wo suchen und fördern darf. Die Türkei mit Zypern und Griechenland, Israel mit dem Libanon. Seit Anfang des Monats ist die Lage eskaliert.

Südlich der zyprischen Hafenstadt Larnaka liegt ein Gasschatz. Der Regierung in Nikosia zufolge hindern türkische Kriegsschiffe seit Freitag vergangener Woche den italienischen Energiekonzern ENI daran, mit dem Bohrschiff "Saipem 12000" das Erkundungsgebiet zu erreichen.

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Hintergrund für die Blockade ist der seit Jahrzehnten anhaltende Konflikt auf der drittgrößten Mittelmeerinsel. 1974 hatte die türkische Armee den nördlichen Teil besetzt, nachdem griechische Zyprer geputscht hatten, um die Insel an Griechenland anzuschließen. Seither ist das Land geteilt.

Die Republik Zypern, deren Regierung den Südteil von Nikosia aus lenkt, ist seit 2004 EU-Mitglied. Sie wird von der Türkei nicht anerkannt. Die Regierung in Ankara vertritt nun die Auffassung, die Rohstoffsuche ohne Zustimmung der türkischen Zyprer missachte deren Rechte - und damit die eigenen.

Die Europäische Union kritisiert die Schiffsblockade und mahnt, die Türkei müsse die territoriale Souveränität des EU-Landes achten. Die türkischen und italienischen Außenminister haben am Rande des internationalen Anti-IS-Gipfels in Kuwait in dieser Woche ebenfalls über den Fall gesprochen.

Das italienische Außenministerium erklärte der Nachrichtenagentur dpa zufolge nach dem Treffen, man erwarte, dass eine "gemeinsame Lösung im Einklang mit dem Völkerrecht und den Interessen sowohl von ENI, den Ländern in der Region als auch mit den beiden zyprischen Gemeinschaften" gefunden werde. Ein Kompromiss scheint aber momentan nicht in Sicht. Die Blockade im östlichen Mittelmeer dauert weiter an.

Am Grund des Mittelmeers ist es eng geworden

Die seit der Eurokrise wirtschaftlich angeschlagene Zypernrepublik bleibt somit vorerst nur die Hoffnung auf die anderen, unumstrittenen Gasfelder, darunter Block 12, "Aphrodite" genannt. Das grenzt an die vor einigen Jahren vereinbarten maritimen Wirtschaftszonen von Ägypten, Israel und dem Libanon. Am Grund des Mittelmeers ist es eng geworden.

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Gasfelder: Unter dem Meeresgrund wartet der Schatz

Auch die beiden verfeindeten Nahost-Staaten Israel und der Libanon liegen wegen des Rohstoffs im Clinch. Die Regierung in Jerusalem treibt die Suche nach Gas massiv voran.

Seit fünf Jahren wird das 282 Milliarden Kubikmeter große Feld "Tamar" ausgebeutet, das rund 80 Kilometer von der Hafenstadt Haifa entfernt liegt. Im kommenden Jahr soll das mit 621 Milliarden Kubikmetern wesentlich größere "Leviathan"-Feld erschlossen sein.

Streit gibt es nun um ein 1,742 Quadratkilometer großes Gebiet, das beide Länder für sich beanspruchen. Israels Außenminister Avigdor Lieberman warnte Ende Januar internationale Firmen davor, sich an der Erforschung und Ausbeutung zu beteiligen. Dies wäre ein "Fehler". Gemeint waren ENI, das französische Mineralölunternehmen Total und die russische Novatek-Firma.

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Die libanesische Regierung zeigt sich unbeeindruckt. Am vergangenen Freitag unterzeichnete der Energieminister Cesar Abi Khalil Vereinbarungen mit dem Konsortium. US-Außenminister Rex Tillerson versuchte bei einem Besuch am Donnerstag in Beirut zwischen der libanesischen und israelischen Position zu vermitteln. Er reiste ohne Erfolg ab.

Ägypten als Transitland für Gas aus Israel und Zypern

Und dann ist da noch die Frage, wie Zypern und Israel ihr Gas überhaupt in der Zukunft exportieren könnten. Eine Pipeline von Israel über Zypern und Griechenland bis nach Italien ist im Gespräch.

Die Energieminister der vier Länder haben am Jahresende eine entsprechende Absichtserklärung unterschrieben. Das Vorhaben gilt aufgrund der hohen Kosten, der geopolitischen Gemengelage und den technischen Herausforderungen aber als unrealistisch.

Stattdessen gibt es Überlegungen, wonach Israel und Zypern ihr verflüssigtes Gas (abgekürzt: LNG) nach Ägypten leiten könnten. Das Land verfügt bereits über LNG-Fabriken - und ist der einzige nahöstliche Mittelmeeranrainerstaat, der seine Gasfelder ohne politische Konflikte ausbeuten kann.

2015 fand ENI vor der Küstenstadt Port Said in einer Tiefe von 1500 Metern ein rund hundert Quadratkilometer großes Gasfeld - "Zohr". Es gilt als der größte Fund, der je im Mittelmeer gemacht wurde und soll Ägyptens Gasversorgung für die nächsten Jahrzehnte sichern. Staatspräsident Abdel Fattah el-Sisi hat das Feld vor zwei Wochen feierlich eröffnet.

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