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Gas-Not: Ukrainer wollen lieber frieren als nachgeben

Aus Kiew berichtet Alexander Schwabe

In der Ukraine werden die ersten Wohnungen kalt, das Wasser fließt nur noch lauwarm. Doch auf Russlands kalten Krieg gegen Kiew reagieren die Ukrainer mit stolzem Trotz. Präsident Juschtschenko kann ein Jahr nach der orangen Revolution auf neue Solidarität bauen.

Kiew - Am Flughafen Borispol pfeift ein kalter Wind aus Südost. Andrej hängt, die Beine weit von sich gestreckt, auf dem Fahrersitz seines Kleinbusses, eingepackt in eine mit dickem Fell besetzte Lederjacke. Der 47-Jährige wartet darauf, dass sich sein Personentransporter mit Leuten füllt, die sich die teuren Taxis ins Zentrum Kiews nicht leisten können. Obwohl Andrej erst in 30 Minuten losfahren wird, lässt er den Motor laufen, damit es warm bleibt im Bus. Zwei korpulente Frauen in knielangen, speckigen Ledermänteln gehen vor dem Terminal auf und ab, um Fahrgäste für Andrej zu werben. Immer wieder drängt es sie in sein Fahrzeug, um sich aufzuwärmen. "Es hat Minusgrade", sagt der Busfahrer - "und bald wird es hier noch ungemütlicher".

Frierende Dorfbewohnerin in der Ukraine: Wenn das Thermometer sinkt, beginnt der kalte Krieg mit Moskau
REUTERS

Frierende Dorfbewohnerin in der Ukraine: Wenn das Thermometer sinkt, beginnt der kalte Krieg mit Moskau

Die Menschen in der ukrainischen Hauptstadt blicken besorgt auf die Thermometer. Noch zeigen sie nur Temperaturen knapp unter Null. Noch finden sich die meisten damit ab, dass die Gaszufuhr an die Privathaushalte bereits um 30 Prozent gedrosselt wurde, seit Russland den Gashahn am Sonntag zugedreht hat. Noch nehmen sie es hin, vor halbwarmen Heizkörpern zu sitzen und sich mit lauwarmem Wasser zu waschen. Noch demonstriert auch Präsident Wiktor Juschtschenko Gelassenheit: Mit Einsparungen, mit einer Erhöhung der Eigenförderung und mit Gas aus Turkmenistan könne man ganz gut überwintern.

Doch sollten die Temperaturen jetzt unter minus fünf Grad fallen, wäre die Kalkulation der Regierung fehlgeschlagen. Dann würde das Gas nicht ausreichen. Millionen Ukrainer würden zum Weihnachtsfest der orthodoxen Kirche am 6. Januar frierend in ihren Wohnungen sitzen. Bald würde die zu 70 Prozent von Gas abhängige chemische Industrie, 30 bis 50 Prozent der Schwerindustrie und damit weite Teile der Wirtschaft zusammenbrechen. Die Zahl der Arbeitslosen (derzeit rund 15 Prozent) schnellte vermutlich binnen kürzester Zeit nach oben.

An dieses Horrorszenario will derzeit noch niemand denken. Die meisten wollen sich die Feiertage nicht verderben lassen. Mit 30 Prozent weniger Gas in den Haushalten könne man leben, sagen die Menschen auf der Straße. "Wir packen uns ein bisschen wärmer ein", sagt eine Putzfrau, die in Kiew lebt. Und wenn es ganz schlimm komme, fahre man eben aufs Land, wo man unterkommen könne und noch mit Holz heize. Auch Studenten, die gerade aufs Examen lernen, nehmen die Abkühlung gelassen. "Gestern war es im Wohnheim bitter kalt", sagt die Germanistikstudentin Maryna, "doch heute geht es schon wieder."

Moses in der Eiswüste

Noch murrt das Volk nicht. Zwar versucht Oppositionsführer Wiktor Janukowitsch den Präsidenten und dessen Premier Juri Jechanurow für die Krise verantwortlich zu machen. Wäre er selbst Präsident, so wäre das Verhältnis zu Russland intakt und die billigen Gaslieferungen garantiert, suggeriert er. Doch Wladimir Putins durchsichtige Strategie, mit den Preissteigerungen vor den Wahlen im März Juschtschenko im eigenen Land in Misskredit zu bringen, schlägt bisher nicht an. Das Gegenteil hat der russische Präsident erreicht: Die Mehrzahl zumindest der West- und Zentralukrainer scharen sich hinter Juschtschenko. Sie folgen ihm, so wie sie ihm vor einem Jahr während der orangen Revolution gefolgt sind wie einem modernen Moses, der sein Volk aus der Knechtschaft führte.

Nach einer im Kanal 5 veröffentlichten Umfrage bewerten 93 Prozent der Ukrainer das Vorgehen Moskaus als feindselig. Worte wie die des Gasprom-Sprechers Sergei Kuprianow - "wir sind bereit, uns mit dem ukrainischen Volk zu einigen und dazu beizutragen, dass es angenehm durch den Winter kommt" - werden als blanker Zynismus aufgenommen. Die ukrainische Straße reagiert: Seit Sonntag schicken sich die Leute folgende SMS zu: "Denk an das Gas! Kauf keine russischen Produkte."

"Lieber frieren, als sich vom Putin-Clan erpressen lassen" - die Parole, die Putins vor wenigen Tagen zurückgetretener Top-Berater Andrei Illarionow über die Medien verbreitet, trifft genau die Stimmung in der Ukraine. "Lieber frieren, als nachgeben" - mit dieser Haltung war bereits die orange Revolution erfolgreich, als Hunderttausende über Wochen in klirrender Kälte ausharrten, um den Wahlfälschern unter Ex-Präsident Leonid Kutschma und Präsidentschaftskandidat Janukowitsch zu trotzen. Kiews Prachtmeile Kreschtschatik war in ein Zeltlager verwandelt worden, die Orangen campten bei Minusgraden - ohne Gas.

Der Westen auf Konfrontation mit Russland

Dass sich Juschtschenko, der übers Jahr viel an Popularität verloren hatte, den Gasprom-Forderungen von bis zu 230 Dollar pro Tausend Kubikmeter Gas nicht beugt, hat zu einer deutlichen Solidarisierung der Bevölkerung mit dem Präsidenten geführt. Dass er sich von Russland nicht als "Gasdieb" beleidigen lässt, verschafft ihm neuen Respekt im Land. Selbstbewusst denkt er schon mal laut über mögliche weitere Schritte nach. Sollte der Winter mit voller Härte einbrechen, werde man gezwungen sein, russisches Gas aus den Transit-Pipelines nach Westeuropa zu entnehmen - freilich nur so viel, es ist von 15 Prozent des Pipeline-Gases die Rede, wie der Ukraine durch Transitgebühren zustünden.

Wenn Putin weiter hart bleibt und kein Gas zu akzeptablen Preisen verkauft, werde er noch in diesem Monat die Garantiemächte des "Budapester Memorandums" in Anspruch nehmen, ist in diplomatischen Kreisen zu erfahren. Als Gegenleistung für einen Nuklearwaffenverzicht der Ukraine hatten die Atommächte USA, England, Frankreich und Russland sich im Dezember 1994 verpflichtet, die wirtschaftliche und politische Sicherheit der Ukraine zu garantieren. Somit müssten westliche Staaten im Interesse der Ukraine auf direkten Konfrontationskurs mit Russland gehen.

Der Shuttle-Bus am Flughafen Borispol hat sich langsam gefüllt. Auch Kyrill ist zugestiegen. Für den 28-Jährigen ist klar: "Es passt Putin nicht, dass sich Juschtschenko immer mehr der EU annähert und in die Nato will." Doch trotz der Gasknappheit solle Juschtschenko auf keinen Fall Russland nachgeben. Busfahrer Andrej sagt: "Es gibt doch Gas - nur: Es fließt bei uns durch nach Europa." Vielleicht, so hofft er, bekomme die Ukraine etwas von Europa zurück. Moskaus kalter Krieg gegen Kiew weckt Sympathien für einen vermeintlich wärmeren Westen.

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