Gastbeitrag der ukrainischen Autorin Zabuzhko "Zum ersten Mal stolz auf mein Land"

Die ukrainische Schriftstellerin Oksana Zabuzhko ist eine der Hunderttausenden von Demonstranten, die in Kiew gegen das Regime demonstrieren, dem sie Wahlfälschung vorwerfen. Für Zabuzhko sind die Proteste die Geburtsstunde einer freien ukrainischen Nation. Für SPIEGEL ONLINE schildert sie die Stimmung in den Straßen und ihre Hoffnungen für die Zukunft.


Schriftstellerin Zabuzhko: "Hunderte schmutziger Tricks"
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Schriftstellerin Zabuzhko: "Hunderte schmutziger Tricks"

Kiew - Dienstagnacht hörten die Ukrainer zum ersten Mal die alarmierende Meldung, dass Spezialeinheiten der russischen Armee im Gebäude der Präsidialverwaltung im Stadtzentrum von Kiew lokalisiert worden waren. Diese Spezialkräfte, zur Tarnung mit ukrainischen Uniformen ausgestattet, waren dieselben, die durch ihre Operationen in Tschetschenien bekannt wurden.

Am Mittwoch vervielfachten sich dann Berichte von russischen Militärflugzeugen, die auf ukrainischen Flughäfen landeten. Es sieht allmählich so aus, als hätte der russische Präsident Wladimir Putin damit begonnen, seinen letzten Trumpf auszuspielen um schließlich doch noch die "Wahlen" für seinen so lange schon protegierten Schoßhund Janukowitsch zu "gewinnen". Wahlen freilich, die in Wahrheit nichts als ein Pseudonym für den (noch) Kalten Krieg sind, den die ukrainische Marionettenregierung gegen das Volk führt - mit der mehr als offensichtlichen Unterstützung des Kremls.

Für fast ein Jahr ist die Ukraine nun schon einer Masseninvasion russischer "Spin-Doktoren" ausgesetzt gewesen. Täglich wurden sie von Dutzenden Flugzeugen nach Kiew gebracht um ein Szenario nach dem anderen für die Wahlkampagne von Janukowitsch auszuhecken - und natürlich für den himmelschreienden Betrug, der dann in der ersten und zweiten Runde der Wahlen durchgeführt wurde (Der harmloseste unter den hunderten schmutziger Tricks, die dabei zur Anwendung kamen, waren noch die Kugelschreiber, deren Tinte nach fünf Minuten vom Papier verschwindet; auf diese Weise hat man am Ende des Tages eine Urne voller leerer Stimmzettel, die man dann nach Bedarf ausfüllen kann, nur diesmal natürlich mit richtiger Tinte.) Doch diese Rezepte, obwohl effektiv in Russland - sie dürften viele an alte KGB-Taktiken erinnern - blieben in der Ukraine ohne Erfolg.

Wie eine gut organisierte Guerilla-Armee

Je mehr Medien- und Verwaltungsdruck während des Präsidentschaftswahlkampfes ausgeübt wurde, desto dickköpfiger reagierten am Ende die Ukrainer und zeigten deutlich ihre Wut über diese Methoden. Deren Bandbreite hatte von einer von den staatlichen Medien unterstützten Guter-Janukowitsch-Böser-Juschtschenko-Kampagne bis zu Warnungen von Kommunalbeamten, die Häuser von Juschtschenko-Anhängern in Brand zu setzen, gereicht. Nur umso entschiedener fühlten die Menschen die Notwendigkeit, für ihre derartig brutal verletzten Menschenrechte aufzustehen. In der zweiten Runde, hat dieser Kalte Krieg aus uns bereits so etwas wie eine gut organisierte Guerilla-Armee geschmiedet. Wären die Umstände nicht so dramatisch, könnte man das ganze auch einfach Zivilgesellschaft nennen.

Polizeiaufgebot in Kiew: "Dritter Akt eines Dramas"
DPA

Polizeiaufgebot in Kiew: "Dritter Akt eines Dramas"

All das Geld und all der Aufwand, den der Kreml in die Wiederwahl Janukowitschs gesteckt hat, wurde damit zur Fehlinvestition: Angeblich war es am Sonntag Juschtschenko, der gewonnen hatte, vermeintlich sogar mit großem Abstand, doch die wahren Zahlen werden wohl, wie schon beim ersten Wahlgang, für immer unbekannt bleiben.

Es ist schade, dass die europäischen Medien die ersten beiden Akte dieses Dramas - den Wahlkampf und den ersten Wahlgang - so gut wie vollständig verpasst haben. Nun, da 1,5 Millionen Protestierende im Stadtzentrum von Kiew "Jusch-tschen-ko" skandieren, sehe ich die westlichen Korrespondenten mit Mitleid. Mit ihren Kameras laufen sie auf der Suche nach nicht allzu geselligen Demonstranten "der anderen Seite" herum und wirken sehr verloren. Kein Wunder: Sie sind erst zum dritten Akt gekommen, sie kennen das Stück nicht, das hier gespielt wird und es scheint, als hätten sie einige Schwierigkeiten, die Ereignisse zu schildern - und zwar wegen zweier falscher Grundannahmen.

Deren erste ist, dass sie die Ergebnisse des ersten Wahlgangs für wahr gehalten haben und deswegen ernsthaft glauben, dem Land stehe ein Bürgerkrieg bevor, in dem zwei kriegslüsterne Lager einander gegenüber stehen, die das Land zerreißen werden: Die russischsprachigen "Ostler", die alle für Janukowitsch sind auf der einen und die ukrainischsprachigen "Westler", die Juschtschenko unterstützen auf der anderen Seite. Es muss für diese Berichterstatter eine große Überraschung sein, nichts von diesem Szenario in der Luft zu spüren - und zu erfahren, dass zum Beispiel die am weitesten im Osten lebenden und vornehmlich russischsprachigen Einwohner Karkhiws, die angeblich zu 75 Prozent Janukowitsch gewählt hatten, einen Marsch von 100.000 Juschtschenko-Unterstützern organisierten, in dessen Folge der Stadtrat die Wahl für gefälscht und Juschtschenko zum Präsidenten erklärte. Wo sind denn all die angeblichen Janukowitsch-Wähler?

Die westliche Presse soll an den Bürgerkrieg glauben

Eine zweite Tatsache, die für sie schwer zu verstehen sein dürfte: Während des gesamten Wahlkampfes gab es nicht eine einzige selbst organisierte Kundgebung für Janukowitsch. Gewöhnlich werden die Menschen zu solchen "Demonstrationen" gebracht, und zwar in Gruppen, von ihren Arbeitsplätzen aus und unter Aufsicht ihrer Arbeitgeber. Genau so ging es zu Sowjetzeiten zu. Wenn sie Glück haben, wird ihnen sogar Bezahlung angeboten: 15 Hryvnas, etwa 3 Euro - so viel erhielten bekanntermaßen Studenten, wenn sie ein Pop-Konzert "zu Unterstützung von Janukowitsch" besuchten. Zehnmal so viel (Spesen plus Wodka) erhalten die Bergleute und Stahlwerker, die aus der einst von Janukowitsch regierten und als "Arbeitslager der Ukraine" bekannten Region Donetsk derzeit in ganzen Busladungen nach Kiew geschafft werden, um eine Präsenz von "Janukowitsch-Anhängern" zu suggerieren, die so sichtbar sein soll, dass die ausländische Presse weiter dem Glauben an einen drohenden Bürgerkrieg anhängt.

Ich versuche nicht zu implizieren, dass Janukowitsch überhaupt keine Wähler hinter sich hat. Die hat er gewiss, insbesondere im Osten und im Süden, wo den Menschen der Zugang zu Informationen jenseits der regierungsnahen und russischen Fernsehsender lange Zeit vorenthalten wurde, und wo alte Menschen sich in einer virtuellen UdSSR eingerichtet haben. Aber nicht einmal im Traum würden diese Menschen auf die Straße gehen um für ihren Präsidenten zu kämpfen, so lange sie nicht dazu gezwungen werden. Die gesamte Idee, selbst aktiv zu werden ohne "von oben" dazu aufgefordert zu werden, ist ihnen fremd.

Oppositionskandidat Juschtschenko: "Nun sind wir an der Reihe"
AP

Oppositionskandidat Juschtschenko: "Nun sind wir an der Reihe"

Und genau hier liegt der Kern des Problems: Die Ukraine ist auf ihre Art sehr wohl "gespalten", allerdings nicht entlang irgendeiner geografischen, lingusitischen oder religiösen Grenze, wie es die Spin-Doktoren Janukowitschs - nicht ohne Erfolg - allen Seiten zu erklären versuchten. Die Spaltung ist viel schwieriger zu begreifen, weil sie sich nicht im Raum, sondern in der Zeit manifestiert. Auf der einen Seite gibt es eine neu geborene, lebhafte Zivilgesellschaft, die niemals die Ergebnisse dieser gefälschten Wahl (die schon jetzt als Vergewaltigung der Nation beschrieben wird) hinnehmen wird und angesichts der Aussicht auf einen bereits zwei Mal im Gefängnis inhaftierten Präsidenten, dessen Akten vom KGB in Moskau verwahrt werden, vor Wut kocht. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die aus verschiedenen Gründen gewissermaßen vaterlandslos in der Sowjetvergangenheit verharren - auch wenn diese nur noch das Maß einer Kohlengrube hat. Sie sind es nicht gewöhnt, dass man den Authoritäten anders als mit stillem Grummeln und Fluchen sein Missfallen bekunden kann. Für viele dieser Außenseiter der Geschichte ist ihr erzwungenes Erscheinen auf den "Pro-Janukowitsch-Demonstrationen" allerdings eine lehrreiche Erfahrung gewesen, die sie mit einer bisher unbekannten Realität konfrontiert hat.

Erinnerungen an Polen 1980, Tschechien 1989

Die Spaltung existiert also zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Alle wahre Macht aber liegt derzeit bei der ersteren, nicht der letzteren. Wir brauchten 13 Jahre, um diesen Punkt zu erreichen.

Anders gesagt, nach 13 Jahren Unabhängigkeit hat es die Ukraine geschafft, ihr regierendes "Post-Sowjet"-Regime loszuwerden, dessen Establishment aus früheren kommunistischen Sekretären und KGB-Informanten besteht, die in der Zwischenzeit zu einer Bande ganz gewöhnlicher Strolche geworden sind. Am Sonntag zerfiel das Regime wie ein enger, ausgetragener Anzug und die politische ukrainische Nation trat aus diesem Anzug hervor - nackt, erfolgreich und schön, wie die Freiheit in romantischen Bildern.

Es gibt nichts erhebenderes, als sich in diesen Tagen in den Straßen Kiews aufzuhalten. Die überwältigende Atmosphäre von Freundlichkeit, Brüderschaft und Solidarität durchdringt die schneebedeckte Stadt, ganz so, wie es in einer liebevollen Familie ist. Freiheit, so heißt es, ist die Mutter der Schönheit. Dies ist besonders wahr im Falle einer frisch befreiten Nation. Sich inmitten hunderttausender schöner, lächelnder Gesichter und strahlender Augen (bis jetzt habe ich noch nicht einen Hauch von Alkohol in der Luft wahrgenommen - trotz des kalten Wetters) zu bewegen ist ein menschliches Erlebnis, das man nicht vergessen kann. Tag und Nacht schenken Mädchen und alte Frauen heißen Kaffee in der Khreshchatyk-Straße aus. Die Menschen bringen Essen und warme Kleidung denen, die im Zeltlager ausharren. Die Cafés sind die ganze Zeit offen, bis ihre Vorräte erschöpft sind, Taxifahrer bringen einen umsonst zum Platz der Unabhängigkeit und alle Autofahrer in der Innenstadt hupen enthusiastisch. In der Mitte des Platzes haben sich Pop- und Rocksänger aufgebaut, und ab und an stimmt der ganze Platz ein und wird zum Chor. Zahlreiche Polizei- und Militäreinheiten, die die panischen Behörden aus dem ganzen Land nach Kiew gebracht haben, treten einer nach den anderen zu den Menschen und bringen orangefarbene Schleifen an ihren Uniformen an. Am Rande der Stadt blockieren derweil Dorfbewohner den Weg der nachrückenden Militäreinheiten, Panzer und gepanzerten Fahrzeuge und bitten die Soldaten, im nationalen, zivilen Ungehorsam mitzutun. Es heißt, dass dies funktioniert.

Unsere polnischen Gäste erklären uns, dies alles erinnere sie an ihr Land 1980. Die Tschechen vergleichen es mit den Ereignissen in Prag 1989. Nun sind wir an der Reihe.

"Wir sind unbesiegbar"

Es ist unsere Armee. Unsere Polizei. Unser Land. Und wir werden einer Bande von Kriminellen nicht erlauben, es in die Vergangenheit zurück zu zerren. "Wir sind die Nation und wir sind unbesiegbar", lautet einer der am häufigsten gesungenen Slogans dieser Tage. Und so fühlt es sich auch an - ungeachtet aller sozialen, sprachlichen, religiösen und kulturellen Unterschiede, die natürlich groß sind in dem Land mit der vermutlich tumultösesten Geschichte Europas (Eine Vielfalt im Übrigen, die sich schon oft vorteilhaft für die Ukraine ausgewirkt hat, und wenn auch nur kulturell). Nun, zum ersten Mal in unserer modernen Geschichte, fühlen wir, dass wir vereint als eine Nation dastehen. Das ist berauschend.

In den Sowjetzeiten, als ich ein Mädchen war, war ich neidisch auf die russischen Intellektuellen, die zum Beispiel nach der Invasion ihres Landes in Afghanistan bekannten, dass sie sich für ihr Land schämten. Als Ukrainerin konnte ich dieses Gefühl nicht teilen, denn "ihr" Land, die Sowjetunion, war nicht "mein" Land und ich konnte deshalb auch keine moralische Verantwortung für dessen Verhalten auf mich nehmen (Sich für sein Land schämen zu können ist ein Privileg wahrer Staatsbürgerschaft!). Ich träumte damals von einem Heimatland, für das ich wenigstens schämen könnte - ein Zustand, der immer noch besser wäre, als dessen Nicht-Existenz.

Ironischerweise machte Leonid Kutschmas unrühmliche Herrschaft kurz nach 1991 meinen Traum wahr. Die nächsten zehn Jahre habe ich dann von einem Heimatland geträumt, auf das ich stolz sein könnte. Nun, zum ersten Mal in meinem Leben, kann ich wenigstens, wie viele andere auch in diesen Tagen, aus vollem Herzen erklären: Ich bin stolz auf mein Land - denn seit dem 21. November hat die Ukraine des Volkes, nicht die Ukraine Kutschmas oder Janukowitschs, damit begonnen, ihre eigene Zukunft zu schmieden.

Übersetzung aus dem Englischen: Yassin Musharbash

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