Gastbeitrag Die palästinensische Alles-oder-Nichts-Politik

Der palästinensische Autor Tawfiq Abu Baker kritisiert die Politik seines Landes, Kompromisse mit Israel auszuschließen. Der Schriftsteller empfiehlt, die Palästinenser sollten sich ein zionistisches Politikmodell aneignen, statt sich weiter Tagträumen hinzugeben und mit unrealistischen Machtphantasien zu betrügen.


Hamburg - Anlässlich des 106. Jahrestages des ersten zionistischen Kongresses in Basel schrieb der palästinensische Autor Tawfiq Abu Baker, ehemals Direktor des Zentrums für Strategische Studien in Dschenin und Abgeordneter im palästinensischen Exil-Parlament, die palästinensische "Alles-oder-Nichts-Politik" habe die Palästinenser erst in ihre jetzige Situation gebracht.

In dem Artikel, erschienen am 3. September 2003 in der Tageszeitung "al-Ayyam", die der Palästinensischen Autonomiebehörde nahe steht, argumentiert Abu Baker, dass die palästinensische Politik in scharfem Kontrast zur pragmatischen zionistischen Politik steht, die zur Gründung des Staates Israels führte. Nach Abu Baker sollen die Palästinenser eine Zwei-Staaten-Lösung anstreben, anstatt ihre Zeit mit unrealistischen Ideen zu vergeuden.

Im Folgenden geben wir den Artikel leicht gekürzt wieder:

"Alles-oder-nichts-Politik": Jassir Arafat
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"Alles-oder-nichts-Politik": Jassir Arafat

"Am 27. August 1897 fand in Basel der erste zionistische Kongress statt. Er markiert die Geburt des politischen Zionismus, der seine Vision 50 Jahre nach seiner Gründung erreichte. Auf diesem Kongress erklärte Theodor Herzl: 'Wir werden innerhalb der nächsten 50 Jahren einen Staat gründen.' Seine Worte waren damals nicht mehr als eine optimistische Prophezeiung, die sich auch in einen Alptraum hätte wandeln und keine Früchte tragen können, wäre die Politik der Zionisten nicht die richtige und unsere nicht die falsche gewesen.

Die Zionisten nutzten in der Folge jede sich ihnen bietende Chance und verwandelten die Geschichte der 50 Jahre vor der Staatsgründung in eine Serie von Gelegenheiten, die sie beim Schopfe packten, um das Maximale aus ihnen herauszuholen.

Dabei forderten sie an keiner Stelle das Unmögliche und niemals setzten sie die Ideologie an die Spitze ihrer Prioritätenliste. Vielmehr verfolgten sie in all ihren Bündnissen eine pragmatische Politik. Unter Führung von David Ben-Gurion entschied sich die maßgebende Fraktion innerhalb der zionistischen Bewegung dazu, alles daran zu setzen, einen jüdischen Staat auf irgendeinem Teil des ihnen angeblich versprochenen Landes zu errichten.

Dabei wurden sie von den Zionisten, die sich selbst die Revisionisten nannten und von Jabotinsky sowie später von Menachem Begin, Jizchak Schamir und anderen geführt wurden, beschuldigt, sich zu unterwerfen, nicht aufrecht für ihre Sache einzustehen, mit wenig zufrieden zu sein und dabei den Traum der "Rückkehr nach Zion" und die Errichtung eines Staates auf dem gesamten versprochenen Boden aufzugeben. Aufs Wort genau gleichen diese Anschuldigungen den Vorwürfen, die palästinensische Extremisten bis heute den moderaten Palästinensern machen.

Hätte diese zionistische Fraktion die Oberhand bekommen - und ich wünschte sie hätte - wäre der Staat Israel wohl niemals gegründet worden, bestand sie doch selbst dann noch auf einer "Alles-oder-Nichts-Politik", als es einfach unmöglich war, tatsächlich alle Ziele auf einmal zu verwirklichen. Aber die Zionisten opferten das Unmögliche dem Möglichen. Oder wie es Ben-Gurion 1937 formulierte: "Ich will einen Staat, irgendeinen, selbst wenn er die Größe einer Tischdecke hat."

Wir haben unsere Chancen leichtfertig vertan

Zu jener Zeit ermöglichte unsere Führung ihnen den Erfolg, indem sie auf der Politik des "Alles-oder-Nichts" beharrten und jeden Kompromiss zurückwiesen - etwa den Vorschlag, einen Staat auf dem größten Teil Palästinas zu errichten, in einer Zeit, als den Juden in Palästina nur die Autonomierechte angeboten wurden.

"Engstirnige Führerschaft": Israels Ministerpräsident Ehud Barak (l.) mit US-Präsident Bill Clinton und Jassir Arafat (r.) im Juli 2000 in Camp David
DPA

"Engstirnige Führerschaft": Israels Ministerpräsident Ehud Barak (l.) mit US-Präsident Bill Clinton und Jassir Arafat (r.) im Juli 2000 in Camp David

Aber wir traten ihnen vors Schienbein. Unsere engstirnige Führerschaft verwarf das Weißbuch von 1939, das den Juden die Einwanderung nach Palästina für die nächsten fünf Jahre verbieten sollte - obwohl doch die jüdische Einwanderung die Quelle allen Leids und die einzige menschliche Basis der Gründung ihres Staates war. Aber wir wiesen damals alles zurück und verspielten alle unsere Möglichkeiten. Das war die Katastrophe: alle unsere Chancen leichtfertig zu vertun, ungerührt und ohne mit der Wimper zu zucken. Hätten die Zionisten zu jeder Zeit eine Führung wie diese gehabt, hätten sie niemals einen Staat gründen können, nicht einmal einen halben.

Ich schreibe dies heute, weil ich optimistisch bin, was die derzeitige palästinensische Führung angeht, die 1974 im Rahmen der zwölften palästinensischen Nationalversammlung entschied, die "Alles-oder-Nichts-Politik" aufzugeben und für das zu kämpfen, was möglich ist, statt das Mögliche für das Unmögliche hinzugeben. Die palästinensische Führung hat sich lange an diese Politik gehalten und damit vieles erreicht: Sie hat einen Teil des Landes zurückerhalten und große Fortschritte bei der Errichtung eines nationalen Gemeinwesen gemacht.

Die Kultur des Selbstbetrugs

Aber als Ende 2000 im Zuge der Clinton-Initiative die Staatsgründung zu einer realistischen Möglichkeit wurde und der Moment der Wahrheit kam, kehrten wir zur "Alles-oder-Nichts-Politik" zurück. Wir warfen unsere in den letzten 30 Jahren eingenommenen Positionen über den Haufen und kehrten zum Nullpunkt zurück. Das ist die Katastrophe, die zur aktuellen Katastrophe führte, die in jedem Winkel unseres Landes zu spüren ist.

Ich schreibe diese Worte jetzt, da ich höre, wie palästinensische Offizielle, darunter einige PLO-Mitglieder, ihre Auftritte in den Satellitensendern nutzen, um von früh bis spät hinauszuposaunen, dass Israel ein alternder Staat sei und kaum noch mehr als zehn Jahre überstehen wird, während wir noch in der Blüte unserer Jugend stünden.

Es gibt wohl kaum Menschen, bei denen die Kultur des Selbstbetrugs stärker ausgeprägt und tiefer verwurzelt ist als in unseren arabischen und palästinensischen Gefilden - eine Kultur der Tagträumerei im brennenden Hochsommer. Die Menschen klammern sich an rosarote Träume, gaukeln sich selber vor, dass diese Wirklichkeit sind, und scheitern dabei, auch nur einen einzigen ihrer Träume zu verwirklichen.

Schizophrenie ist eine weit verbreitete Krankheit

Schizophrenie ist die bei uns am weitesten verbreitete Krankheit. Sie befällt vor allem unsere verwirrte Jugend. Ihr Symptom ist es, dass das Individuum zwei Persönlichkeiten entwickelt: eine wirkliche und eine eingebildete. Nationen, Gesellschaften und Individuen flüchten sich in Momenten der Schwäche gleichermaßen in Tagträume. Anstatt sorgfältige und ernsthafte Arbeit aufzubringen, erschaffen sie sich neue Wirklichkeiten, die die Maßstäbe verkehren und immer wieder Illusionen über den bevorstehenden Zusammenbruch des Feindes entstehen lassen. Aber nach mehr als 30 Jahren dauert die Besatzung unseres Landes immer noch an.

In den Tagen vor dem Juni-Krieg 1967 sprachen unsere Medien von den Israelis als "Feiglinge", die bei Ausbruch des Krieges und im Angesicht unserer heldenhaften Löwen Reißaus nehmen würden. Als mich ein israelischer Offizier während des Kriegs gefangen nahm, fragte er mich: "Sollen wir wirklich Feiglinge sein?" In unserem Radio hörte ich dann, wie über die Flucht der "Feiglinge" berichtet wurde - während sie unter geringsten Kosten eine Fläche eroberten, die dreimal so groß war wie ihr Staat. Diese Form des Selbstbetrugs hält bis heute an.

Nun will ich zur Erinnerung an den Geburtstag der zionistischen Politik nicht erklären, dass das Vorhaben des ersten zionistischen Kongresses in Basel vollständig realisiert werden konnte. Zwei Drittel der Juden leben weiterhin außerhalb Israels, obwohl es das Hauptziel des politischen Zionismus war und ist, alle Juden der Welt in Palästina zu versammeln. Aber das ist nicht die ganze Geschichte, denn im Herzen unseres Landes haben es die Zionisten geschafft, einen bis an die Zähne bewaffneten Staat zu gründen, und können ihrem Volk doch keine Sicherheit garantieren.

Kein Gleichgewicht der Kräfte

Und hierin liegt die Quintessenz meiner Worte: Denn wenn dem so ist, dann gibt es keine andere Lösung, als einen Interessenausgleich zu erreichen - und zwar ohne sich dabei an ein Gleichgewicht der Kräfte zu klammern, wie es unsere revolutionäre Literatur immer wieder wissen will. Es gibt keinen anderen Weg, als in zwei Staaten zusammenzuleben. Dies wäre eine Art Vorstufe, die Jahrzehnte andauern könnte, bevor wir in einem gemeinsamen demokratischen Staat miteinander leben können - so wie unser Slogan in der PLO der späten sechziger und frühen siebziger Jahre lautete.

Wir alle müssen - besser heute als morgen - zu dieser Überzeugung kommen. Wenn nicht, wird das Blutvergießen im Land der Propheten in den kommenden Jahrzehnten weitergehen. Nur um am Ende zur selben Lösung zu gelangen: Wenn keine Seite die andere ausschalten kann, muss man zusammenleben.

Warum beenden wir nicht das Blutvergießen und geben unseren beiden Völkern Hoffnung? Warum verherrlichen wir diejenigen, die den Tod lieben, und nicht diejenigen, die das Leben wollen? Das ist die große Frage. Und die größte Herausforderung, der wir uns alle gegenüber sehen."

Der Bericht wurde von Memri aus dem Arabischen ins Englische und Deutsche übersetzt. Das "Middle East Media Research Institute" ist eine regierungsunabhängige Organisation, die vornehmlich Beiträge aus der arabischen Welt ins Hebräische und Englische übersetzt.

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