60 Jahre Römische Verträge Die Jungen wollen Europa - viele der Alten reden es schlecht

60 Jahre nach ihrer Gründung befindet sich die Europäische Staatengemeinschaft in einer Sinnkrise. Viele Alte blicken skeptisch auf die Union. Doch ein neuer Aufbruch ist möglich.

Roter Teppich vor dem Campidoglio in Rom vor den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge
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Roter Teppich vor dem Campidoglio in Rom vor den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge

Ein Gastbeitrag von Sigmar Gabriel


Jean Monnet und Robert Schuman aus Frankreich, Konrad Adenauer und Walter Hallstein aus Deutschland: Das waren die Architekten der Römischen Verträge. Verblüffend: Der Altersdurchschnitt der vier war 1957 69 Jahre. Es waren die Alten des Kontinents, gezeichnet von zwei Weltkriegen, die sich für die Friedenssicherung in Europa einsetzten und das gemeinsame Ziel Europa (und übrigens gerade nicht Deutschland und Frankreich) "über alles" stellten.

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  • AFP
    Sigmar Gabriel, Jahrgang 1959, ist seit Ende Januar 2017 Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Der SPD-Politiker und Vizekanzler führte davor das Wirtschaftsministerium. Für allgemeine Überraschung sorgte Gabriel, als er im Frühjahr 2017 auf die SPD-Kanzlerkandidatur zugunsten von Martin Schulz verzichtete. Im März gab Gabriel auch den Parteivorsitz ab, sein Nachfolger wurde Martin Schulz. Gabriel, in zweiter Ehe verheiratet und Vater von drei Töchtern, stammt aus Niedersachsen.

Ihre Kinder hatten diese alten Männer auf den Schlachtfeldern gelassen: Die Söhne der politischen Elite der Nachkriegszeit waren gefallen, verwundet, traumatisiert und für die Gestaltung der Zukunft verloren. Die Alten hatten das Versagen ihrer eigenen Generation vor Augen: Adenauer ist noch mit Hindenburg im offenen Wagen durch Köln gefahren - und wurde von Hitler abgesetzt. Er gehörte zur (zu) schwachen demokratischen Elite von Weimar. Diese Generation wollte nicht ein zweites Mal vor der Geschichte scheitern.

Die Römischen Verträge sind eine Erfolgsgeschichte, weil sie fest auf dem Sockel von drei großen Ideen stehen: Marktwirtschaft, Frieden und Vielfalt. Dafür sorgten die vertraglich festgehaltenen Grundfreiheiten aus Waren- und Dienstleistungsfreiheit, Kapitalverkehrsfreiheit und Reise- und Niederlassungsfreiheit. Die Länder der Europäischen Union erlebten eine nie gekannte Zeit des Friedens und des Wohlstands. Bis heute.

Doch die zahlreichen Krisen der jüngsten Zeit haben die EU, nicht die europäische Idee, in eine tiefe Sinnkrise geführt. Das wirtschaftliche Abrutschen der Länder am Mittelmeer, die Flüchtlinge, der Brexit - die Staatengemeinschaft wirkt auf einmal zerbrechlich wie nie und vom Optimismus ihrer Anfangsjahre ist kaum noch etwas zu spüren.

Heute ist es eine Wohlstandsgeneration der Alten, der Saturierten, die 60 Jahre lang keine Kriegserfahrung, kein Leid und Elend kannten, die der Union mit Skepsis und Zynismus begegnen. Der AfD-Ideologe Gauland ist eines der erschreckendsten Beispiele dafür.

Die Umfragen sind erschütternd: In fast jedem Land, Italien ausgenommen, sind es die Älteren über 50 Jahre, die die EU schlecht finden. Manifestiert hat sich das vor allem beim Brexit in Großbritannien. Bei den über 65-Jährigen lag die Zustimmung zum EU-Austritt bei mehr als 60 Prozent, unter den 25- bis 49-Jährigen plädierten hingegen 55 Prozent für einen Verbleib in der EU, bei den 18- bis 24-Jährigen sogar 80 Prozent.

Während die Alten, Schuman und Monet, Adenauer und Hallstein, ihren Enkeln das Fundament für Frieden und Wohlstand hinterlassen wollten, entziehen die Alten aus der heutigen Generation ihren Enkeln das Vertrauen in die Zukunft. Das ist verantwortungslos: Die Jungen wollen Europa - und viele der Alten reden es schlecht.

"Wir brauchen ein föderaleres Europa, in dem alle mitmachen können"

Die Jungen sind weiter als manche der saturierten Alten. Sie wollen mehr Europa, und deshalb müssen wir nun endlich dafür die Voraussetzungen schaffen - wir müssen Ihnen die Chance geben, ihr Europa weiter zu gestalten.

Wir brauchen ein Europa, dass Außenpolitik und Migration, Terrorismusbekämpfung und Verteidigung, europäische Solidarität und soziale Sicherheit genauso in die Hand nimmt wie die Staatsmänner in den Fünfzigerjahren den Wettbewerb und Handel. Ein demokratischeres Europa, das nicht alles selbst macht, aber dafür vieles besser. Ein föderaleres Europa, in dem alle nach ihren Kräften mitmachen können. In dem die starken Schultern mehr tragen als die schwachen. Ein Europa der Solidarität und des Miteinanders. Des Friedens und der Freiheit.

Dabei ist es von zentraler Bedeutung, wie sich große Länder wie Deutschland gegenüber den kleinen verhalten. Es war in den vergangenen Jahren ein süßes Gift für uns Deutsche aber auch für Europa, dass immer wieder nach der Führungsrolle unseres Landes gerufen wurde. Natürlich: Deutschland ist ein stabiles Land, und wir wollen auch Stabilitätsanker für andere sein.

Aber Europa ist eben mehr und vor allem oftmals anders als Deutschland. Nicht besser oder schlechter, sondern anders. Die kleineren Länder müssen uns deshalb als "zugewandte" Deutsche wahrnehmen und nicht als "belehrende". Und den Verlockungen aus Peking, Moskau oder Washington, die immer nur mit uns Deutschen reden wollen, müssen wir mit dem Hinweis begegnen, dass wir gern eine wichtige Rolle einnehmen und Verantwortung übernehmen wollen. Dass aber Europa weit größer ist als Deutschland. Und dass wir nur gemeinsam zu haben sind.

Zugewandtheit, Klartext und Coolness muss unsere Tonlage sein. Der wertschätzende Tonfall für die Kleinen hat übrigens mal den deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher stark gemacht. Vor allem wusste er: Für große Abstimmungen in internationalen Organisationen bekommt man die meisten Stimmen von den Kleinen. Große gibt's nicht so viele. Deshalb: Wer die Kleinen stärkt, stärkt auch die internationalen Organisationen. Etwas mehr Bonner und etwas weniger Berliner Republik wird Europa jetzt guttun.

Zum Ende seiner Amtszeit sagte Konrad Adenauer, fast zehn Jahre, nachdem er die Römischen Verträge unterzeichnet hatte: "Die Einheit Europas war ein Traum von wenigen. Sie wurde eine Hoffnung für viele." Das ist doch ein schönes Bild. Wer Europa will, der muss träumen und darf hoffen. Und er hat die Pflicht, es so zu gestalten, dass seine Kinder und Enkel es auch noch können.



insgesamt 132 Beiträge
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Kater Bolle 25.03.2017
1. Die EU steht für mich.....
für Verschwendung von Geld was ihnen nicht gehört und was sie nicht erarbeitet haben und Pöstchen, Edel-Versorgung. Im Vorfeld von möglichen Beitritten fließen zig Mrd. Alle bedienen sich aus den berühmten "Fleischtöpfen" offensichtlich ohne Kontrolle. Pöstchen, Pöstchen, Pöstchen........ Es wird immer von den Werten und dem Friedensprojekt geredet. Wer will denn Krieg? Wer in Europa ist denn überhaupt in der Lage Krieg zu führen? Schauen wir uns doch mal unsere Bundeswehr an. Die Werte haben wir z. B. in Idomeni oder Caslais gesehen. Die Verantwortlichen sollten mal in sich gehen. Nicht die Worte sondern die Taten sind wichtig..........
peter_silie_1 25.03.2017
2. Europa? Ja!!!
Ich zähle mich fast zu den saturierten Alten. Auch ich habe gewisse Bedenken gegen gewisse Entscheidungen der politischen "Elite" aus Brüssel. Aber ich sehe zu Europa keine Alternative. Für Deutschland und gerade auch für die kleineren Länder in Europa. Nur gemeinsam sind wir stark und nur gemeinsam können wir den Frieden, den wir seit 70 Jahren vor uns hertragen, erhalten. Als Vielreisender weiß ich die Gastfreundschaft der Europäer, und auch der Nichteuropäer, zu schätzen. Lassen wir uns unser Europa nicht von ein paar politischen Idioten und von wenigen alten/jungen Bedenkenträgern kaputt machen!
rempfi 25.03.2017
3. Da
macht es sich Sigmar Gabriel aber viel zu einfach... Sicherlich ist es nicht das, was ich jetzt schreibe, aber aus der Innenansicht dürfte allein der Satz: "Ein Land, das nicht in der Lage ist seine Grenzen zu schützen, wird auch sonst nicht in der Lage sein, seine Bürger, egal ob sozial oder wirtschaftlich zu schützen" schon ausreichen. Und das gilt genau genommen auch für die EU!
fjodormichailowitsch 25.03.2017
4.
" Die Römischen Verträge sind eine Erfolgsgeschichte, weil sie fest auf dem Sockel von drei großen Ideen stehen: Marktwirtschaft, Frieden und Vielfalt. Dafür sorgten die vertraglich festgehaltenen Grundfreiheiten aus Waren- und Dienstleistungsfreiheit, Kapitalverkehrsfreiheit und Reise- und Niederlassungsfreiheit. Die Länder der Europäischen Union erlebten eine nie gekannte Zeit des Friedens und des Wohlstands. Bis heute. " Heute ist es ein Selbstbedienungsladen geleitet von einem der die Steuerhinterziehung salonfähig gemacht hat . Das Ergebnis von all diesen Mauschelein und Bestechungen sehen wir heute überall, zum Glück fangen einige Länder an sich dagegen zu wehren und es auch laut zu sagen.
derjonny 25.03.2017
5. Danke
Danke Herr Gabriel, Ein sehr schöner Beitrag dem ich nichts hinzuzufügen weiß. Jahrgang 1982 und überzeugter Pro-Europäer. Wir dürfen uns nicht von ein paar Reaktionären wie den Gaulands, Farages oder Le Pens diese Idee kaputtreden lassen. Aber Herr Gabriel sie und ihre Kollegen werden auch einiges dafür tun müssen. Schön dass die SPD sich klar zu Europa bekennt, im Gegensatz zu Labour im UK.
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