Gastbeitrag Wenn Medien der Entwicklungshilfe den Tod wünschen

Der G-8-Gipfel hat für Afrika nichts Neues erbracht: Die Entwicklungshilfe vieler Regierungen bleibt weit hinter den Versprechungen zurück. Manche Kritiker halten das sogar für wünschenswert. Warum bloß, fragt Ralf Südhoff vom UN World Food Programme.


Folgt man der Logik eines SPIEGEL-ONLINE-Kommentars, sollten die G-8-Staaten am besten heute noch die Entwicklungshilfe abschaffen. Denn in Wahrheit, so erfahren wir gleich in der Überschrift, brächten "Entwicklungshelfer den Tod nach Afrika". Dabei liege doch nichts weniger als "das Heil im Gegenteil von Entwicklungshilfe – und das wäre mal einen Versuch wert."

Waisenkind aus Malawi wartet auf Essenszuteilung: Helfer werden als naive "Philantrophen" verurteilt
REUTERS

Waisenkind aus Malawi wartet auf Essenszuteilung: Helfer werden als naive "Philantrophen" verurteilt

Ist Entwicklungshilfe unnötig? Schadet sie sogar? Leistet jeder Deutsche mit seinen Steuergeldern gar Beihilfe zum Mord?

Entwicklungshilfe kann zweifellos keinen "humanitären Heiligenschein" beanspruchen. Sie muss stets genauso kritisch hinterfragt werden wie beispielsweise die Sozialhilfe hierzulande, zumal es in ihren Gefilden oft an Sicherheit, Daten, demokratischen Spielregeln und damit Transparenz mangelt. Gleichzeitig geht es um das Schicksal von zwei Milliarden bitterarmen Menschen in aller Welt. Deswegen ist es so wichtig, dass Medien der Entwicklungshilfe besonders auf die Finger sehen - und dass die Journalisten selbst wirklich hinschauen.

Grund also zur Medienschelte? Keineswegs. Erst vor dem G-8-Gipfel 2007 in Heiligendamm fand eine differenzierte Debatte über die Entwicklungshilfe in vielen Zeitungen statt. Jüngst aber kommen hier und da Berichte auf, die sich verblüffend ähneln: Typischerweise greifen sie meist ein einziges willkürliches Beispiel auf, anhand dessen sie pauschal die Hilfe und "die Helfer" als naive "Philantrophen" verurteilen. Dabei folgen die Autoren einem Strickmuster von meist fünf Mythen über die Entwicklungshilfe – die sich jetzt auch bei SPIEGEL ONLINE wiederfinden.

Mythos 1: Die Menschen brauchen gar keine Hilfe. Sie geht vor allem an Menschen, die sich bei den Helfern tummeln, gibt es dort doch "alles umsonst, und arbeiten muss man auch nicht". Siehe Kenia – und schuld ist "das UN World Food Programme", das "kostenlos Lebensmittel verteilt".

Aber wer bekommt diese Hilfe eigentlich? Täuschen 60.000 von HIV/Aids betroffene Kenianer nur vor, dass sie Hilfe brauchen? Simulieren 250.000 Flüchtlinge aus den Krisengebieten im Sudan und in Somalia ihre Not? Mussten nach der jüngsten Wahl in Kenia nicht Zehntausende vor Unruhen und Morden fliehen? Ganz zu schweigen von den drei Millionen Opfern des Konflikts im sudanesischen Darfur, über 680.000 Hungernden nach dem Sturm in Myanmar - oder 25 Millionen HIV/Aids-Waisen in aller Welt, deren Schicksal sich vor allem andere Hilfsorganisationen widmen.

Mythos 2: Die Helfer malen vor allem Horrorszenarien. Sie würden "ohne Hilfe alle arbeitslos" und schreiben daher dramatische Berichte. Und nur deshalb fordere das World Food Programm ständig, etwa in den Dürregebieten Kenias, "das noch mehr Lebensmittel gespendet werden müssten".

Tatsächlich ist die Hilfe in den Dürregebieten auf dem niedrigsten Stand seit vielen Jahren. Gut 850.000 Menschen waren laut WFP Anfang 2008 noch auf Hilfe angewiesen – zwei Jahre zuvor waren es wegen heftiger Dürren noch fast drei Millionen. Offenbar passen sich die WFP-Berichte der kenianischen Wirklichkeit an.

Ganz zu schweigen von Ländern wie Barbados und Botswana, Mexiko und Mauritius, Togo und Thailand: Dort wie in zwei Dutzend weiteren Staaten schreibt WFP gar keine Berichte mehr. Weil die WFP-Helfer sich aus ihnen nach getaner Arbeit vollständig zurückgezogen haben, wie übrigens viele andere Helfer auch.

Mythos 3: Die Hilfe macht vor allem abhängig und blockiert im Grunde reiche Staaten. Indem "die Dosis einer schädlichen Medizin" ständig erhöht wird, bleiben Land und Menschen von Hilfslieferungen aus dem Norden abhängig. Und so "ruiniert" die Nahrungsmittelhilfe in Kenia die Preise, statt die Ressourcen des Landes zu nutzen.

Tatsächlich sind die Nahrungsmittelpreise in Kenia nicht ruiniert, sondern explodiert: Allein in den vergangenen zwölf Monaten stiegen sie um 45 Prozent. Und bereits vor der Welternährungskrise war in Kenia gerade das wichtigste Nahrungsmittel Mais sehr viel teurer als in den Jahren zuvor.

Das liegt auch daran, dass moderne Hilfe mitnichten vorwiegend von außen kommt. Tatsächlich hat allein WFP in Kenia, das es angeblich als "ein einziges Hungerkatastrophengebiet" betrachtet, 2006 für 20 Millionen Dollar Getreide aufgekauft, fast die Hälfte seiner Nothilfe im Lande. 2007 stieg die Summe noch mal auf 33 Millionen Dollar Über 90 Prozent der WFP-Mitarbeiter im Lande sind Kenianer. Über 80 Prozent seiner Transportlogistik kauft WFP in Entwicklungsländern ein. Hilfsorganisationen wie Welthungerhilfe, Ärzte ohne Grenzen oder Oxfam gehen nicht anders vor.

Mythos 4: Gelten nur freie Märkte und Preise, löst der "Selbsterhaltungstrieb" der Menschen die Probleme. Beispiel: erneut Kenia. Man müsse doch bloß die Überschüsse aus dem Westen Kenias im darbenden Norden verkaufen und allen ginge es gut.

Warum das nicht funktioniert? Weil in der Tat ein schlechtes Straßennetz den Transport immens erschwert und verteuert. Weil Kenias Ernte in diesem Jahr voraussichtlich um 300.000 Tonnen unter dem Bedarf liegen wird. Und weil es auch beim besten Straßensystem und der größten Ernte der Welt kaum einen Markt für die Nahrungsmittel in den Notgebieten gibt – was können darbende Viehhirten oder Kleinbauern wohl bezahlen, deren eigene Ernte vertrocknet ist? Trotzdem verkaufen kenianische Bauern übrigens ihre Ernte häufig bestens – ins gut zahlende Ausland.

Warum funktionierende Märkte kein Allheilmittel sind, hat sich selten besser gezeigt als derzeit in der Welternährungskrise: Theoretisch wären die explodierenden Agrarpreise eine riesige Gelegenheit für die Armen in aller Welt, leben sie doch zu drei Viertel auf dem Land. Praktisch sind sie selbst für die meisten Kleinbauern eine Katastrophe, sind doch auch Saatgut und Dünger zigmal teurer geworden. Und wer ernten will, muss zunächst säen.

In vielen Ländern droht ihre nächste Ernte deshalb komplett auszufallen. Außer die Bauern erhalten einmal Hilfe in Form von Saatgut, Kleinkrediten und Beratung, sodass sie morgen von den neuen Marktpreisen profitieren und auf eigenen Füßen stehen können.

Und warum können die Länder das nicht selbst machen? Liegt das alles an aufgeblähten Regierungsapparaten oder Korruption? Natürlich nicht – selbst bei null Korruption wären die meisten afrikanischen Staaten, wie auch SPIEGEL ONLINE schreibt, vor allem eins: "bitterarm".

Mythos 5: Trotz Hilfe wird aber doch alles immer schlimmer – oder gar deswegen, bringt sie doch "den Tod nach Afrika".

Die realen Trends sehen anders aus: Die Menschen in den Entwicklungsländern leben heute rund 20 Jahre länger als noch 1960 – ein untrüglicher Indikator für Fortschritte bei Gesundheit, Bildung, Sicherheit. Die Weltbevölkerung hat sich allein seit 1970 fast verdoppelt. Trotzdem waren 1970 fast 60 Prozent der Menschen in Entwicklungsländern Analphabeten, während heute drei von vier Menschen lesen und schreiben können. Mehr als jeder dritte Mensch litt damals Hunger auf der Erde – heute ist es etwa jeder Sechste. Und allein seit 1990 konnten über 270 Millionen Menschen der Armut entfliehen.

Trotzdem gibt es Rückschläge, zum Beispiel durch die HIV/Aids Epidemie. Trotzdem muss zum Beispiel die Koordination der Hilfe verbessert werden. Trotzdem gibt es Korruption und Misswirtschaft, weshalb klar ist: Unterstützung muss vor allem in reformwillige Länder fließen, denn die entscheidenden Schritte müssen immer die Länder selbst tun – die Hilfe kann nur helfen.

Und trotzdem wird es per se immer auch Trittbrettfahrer geben, die sich Hilfe erschleichen - so wie in Deutschland bekanntermaßen manche Fördergelder oder auch Hartz IV an die falschen Empfänger geflossen ist.

Diese Hilfen sollte man dann wohl gleich mit abschaffen - folgt man der Logik des erwähnten Kommentars. Man stelle sich einmal den berechtigten Aufruhr in Deutschland vor, ginge es bei dieser Polemik nicht um das ferne Afrika, sondern etwa das Saarland oder das strukturschwache Ostdeutschland: "Die Ostdeutschen" würden ja nur abhängig gemacht von Sozialarbeitern, die die Not dort erfinden und irgendwie gehe doch trotz all der Hilfen für den Osten nichts voran. Kurzum: Man sollte lieber auf den "Selbsterhaltungstrieb" der Ostdeutschen setzen, liegt doch "das Heil im Gegenteil von Sozialhilfe – und das wäre mal einen Versuch wert". Das kann man doch nicht vergleichen? Stimmt. In Ostdeutschland ginge es bei dem "Versuch" nicht um das nackte Überleben von Millionen Menschen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
testthewest 11.07.2008
1. Unnötiger Artikel
Mythos 6: Würde man nicht helfen, dann hätte sich die Bevölkerung seit 1970 nicht verdoppelt, wären jetzt weniger Probleme mit Dürren zu erwarten. Entwicklungshilfe ist sinnlos und führt nur zu einer künstlichen Bevölkerungsexplosion. Wenn die Menschen und die Kultur soweit sind wird die Bevölkerung auch natürlich wachsen, doch diese künstliche Ernährung führt zu nichts. Europa wurde im Mittelalter durch die Pest auch entvölkert, und ist aus eigener Kraft da rausgekommen. Afrika würde es genauso machen, wenn es nur die Chance zur freien Entwicklung bekäme. Sie berichten von schlechten Ernten und miesen Strassen. Meine sie nicht, die Menschen dort würden damit auch alleine fertig werden, wie in den letzten 10.000 Jahren auch, oder meinen sie ihre "Daten" seit 1970 sind stichhaltiger? Dieser Artikel ist kurzsichtig, einseitig und überflüssig.
SaT 11.07.2008
2. Mich befriedigt dieser Artikel nicht
Mich befriedigt dieser Artikel nicht. In keiner Weise ist mir klar geworden, warum es Sache der Deutschen und nicht der Kenianer selbst ist den notleidenden Menschen im Norden Kenias zur Hilfe zu eilen. Ganz offensichtlich sieht sich die kenianische Regierung nicht in der Pflicht die Infrastruktur dorthingehend auszubauen, dass die Nahrungsmittel auch den Norden erreichen – stattdessen leistet man sich eine Regierung mit einer der weltweit meisten Ministern und besten Gehältern. Das durch Hilfslieferungen in Dürregebiete Ortschaften weiter anwachsen wurde ebenfalls nicht widerlegt. Auch wurde in keinster Weise das starke Bevölkerungswachstum in Afrika angesprochen, welches dank Entwicklungshilfe ungebremst weitergeht. Warum auch Familienplanung wenn sich andere um die Ernährung der Kinder kümmern. Nein ich bin nicht zu geizig für Spenden. Ich habe einst nicht nur für Afrika gespendet sondern sogar selbst gesammelt (rein ehrenamtlich) Heut tue ich das nicht mehr und auch dieser Artikel konnte mich nicht überzeugen.
JANURBAN 11.07.2008
3. Schluss mit Entwicklungshilfen!
Ich sehe es nicht ein, warum Diktatoren sich durch Entwicklungshilfe die Taschen stopfen sollten. In D gibt es genug Kinder, die nicht genug zu essen bekommen und in Armut leben. Da ist das Geld besser angelegt. Warumkümmern wir uns immer so sehr um andere Staaten? Ausserdem habe ich einen Bekannten in meinem Freundeskreis, der für Unicef in diversen afrikanischen Ländern gearbeitet hat. Er hat mir nur gesagt, dass die meisten Afrikaner belehrungsresistent sind und sich mit den Hilfen aus dem Westen begnügen,kein Interesse an wirklichem Fortschritt haben, wenn sie ihre Hilfe so oder so bekommen. Lieber in die bessere Überwachung der europäischen Küsten investieren!
SaT 11.07.2008
4. gilt aber nicht für Schwarzafrika
---Zitat von Ralf Südhoff--- Die Menschen in den Entwicklungsländern leben heute rund 20 Jahre länger als noch 1960 – ein untrüglicher Indikator für Fortschritte bei Gesundheit ---Zitatende--- Das stimmt zwar gilt aber nicht für Schwarzafrika. Hier ist die Lebenserwartung teilweise sogar gesunken! Es ist aber gerade Schwarzafrika und nicht Asien oder Lateinamerika welches den Großteil der Entwicklungshilfe zugute kommt. Und trotzdem (oder gerade deswegen?) entwickelt sich diese Region am schlechtesten.
KWK1 11.07.2008
5. Wenig Selbstkritik, viel Selbstbeweihräucherung
Entwicklungshelfer haben ein schönes Argument auf ihrer Seite: sie helfen Notleidenden und wissen die Not kenntnisreich zu schildern. Not hat aber Ursachen und fast alle Not ist vorhersehbar. Es gibt nur ganz wenig Not, die „plötzlich und unerwartet“ über Menschen hereinbricht. Vorsorge zu treffen vor den Lebensgefahren gehört mit zu den Fähigkeiten, die fast allen Menschen in die Wiege gelegt werden – bis auf die Unmündigen, die zu wenig Verstand haben (Kant). Ich kann nicht erkennen, warum Afrikaner usw. weniger geeignet sein sollten, sich dem Leben anzupassen und ihr Leben selbstständig und eigenverantwortlich zu organisieren, sowie es andere Menschen in anderen Regionen der Erde auch taten und tun.
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