Gastbeitrag Wie die PKK den Kurden die Demokratie verweigert

Der "Freiheitskampf" der PKK führt die Kurden in die Sackgasse: Die Guerilla bringt den Menschen weder politische Rechte noch kulturelle Identität, sondern Terror und archaische Sitten, sagt die Soziologin Necla Kelek. Um das zu ändern, muss sich etwas bewegen - auch beim türkischen Staat.


Der Ararat ist der mythische Berg der Armenier. Wenn das Gebiet um den Ararat und größere Teile des Südostens der Türkei jetzt anlässlich der Entführung von drei deutschen Bergsteigern auf Landkarten und Selbstdarstellungen der Kurden als "Kurdengebiet" durchgeht, ist das offenbar die geschichtsvergessene normative Kraft des Faktischen und politisches Kalkül.

PKK-Kämpfer im Nordirak (Archivbild): Demokratie ist keine Option
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PKK-Kämpfer im Nordirak (Archivbild): Demokratie ist keine Option

Bis zu den ethnischen Säuberungen durch das osmanische Reich ab 1895 bis 1915 durch die "Jungtürken" und die kemalistische Siedlungspolitik in den zwanziger Jahren wurde der Osten Anatoliens in gleicher Weise von Armeniern, Aramäern und Yesiden, Türken und Kurden bewohnt. Die Kurden lebten hier auch in der osmanischen Zeit nicht in einem geschlossenen Siedlungsgebiet, sie waren auch nicht in einem Millet, einem "Glaubensvolk" wie etwa die christlichen Armenier organisiert.

Es waren einzelne Stämme, die sich über die Grenzen hinweg mal mit den Osmanen, mal mit ihren Gegnern verbündeten. Ihre Agas, ihre Stammesführer, waren über Jahrhunderte Warlords und Feudalherren. Sie waren mehrheitlich Aleviten oder sunnitische Muslims, sprachen mit Zaza und Kurdisch unterschiedliche Idiome. Ihre Identität war die Stammeszugehörigkeit. Das von anderen Ethnien gesäuberte "Kurdengebiet" in der Türkei ist letztlich Ergebnis der Bevölkerungspolitik der türkischen Republik.

Archaische Sitten der Stammesgesellschaft

Die feudale Stammesgesellschaft existiert bis heute und die Kurden leben trotz der Reformen durch die Republik ihre archaischen Sitten. Es ist eine patriarchalische Gesellschaft, die Frauen als Besitz und Arbeitskräfte sieht und ihnen die Grundrechte verweigert. In den von Kurden bewohnten Gebieten sind Blutrache, Verbrechen im Namen der Ehre, Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung.

Das Tagesgeschäft von Frauenorganisationen wie Ka-mer im Osten Anatoliens besteht in kaum etwas anderem, als täglich Frauen und Mädchen vor der Gewalt der kurdischen Clans und Familien zu retten. Fast 500 Fälle haben sie innerhalb eines Jahres dokumentiert. Mädchen werden sehr jung verheiratet, sie dürfen nicht zur Schule und haben keine Chance auf ein eigenständiges Leben.

Die Rückständigkeit der anatolischen Landbevölkerung hat in der patriarchalischen Stammeskultur, den religiösen Traditionen und Sitten der Kurden ihren wesentlichen Grund. Und selbst die Gesetze der türkischen Republik zum Schutz der Frauen stehen nur auf dem Papier. Weder die Polizei noch die Behörden sind in der Lage, die Menschenrechte in diesen "Kurdengebieten" durchzusetzen. Die "Volksvertreter" von PKK, DTP (der kurdischen demokratischen Partei) aber auch die von der islamischen AKP oder der republikanischen CHP interessiert das nicht.

Die türkische Republik und das Militär haben die Kurden mit Gewalt assimilieren wollen und versuchen dies immer noch. Zunächst, indem sie die Kurden in Gebiete wie das um den Ararat umsiedelte, dann indem sie versuchte, die Kurden zu "türkisieren". Zu keinem Zeitpunkt wurde versucht, ernsthaft die Identität, die Sprache und Grundrechte des Einzelnen, auch der Frauen, durch Bildung zu fördern und die Entwicklung einer demokratischen Kultur zu unterstützen. Kurden sollten wie alle anderen Volksgruppen Türken werden, ohne sie an diesem Prozess zu beteiligen. Die Republik beharrte auf Einheit und die wurde auch der kurdischen Stammeskultur übergestülpt.

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