Schicksalswahl in Katalonien: "Es tut sich ein historischer Abgrund auf"

Ein Gastbeitrag von Javier Cercas

Katalonien wählt ein neues Parlament - und droht mit einem entscheidenden Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Wenn Regionspräsident Mas die absolute Mehrheit holt, kommt das Referendum über die Abspaltung. Spanien droht ausgerechnet in der größten Krise ein gefährliches Abenteuer.

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Katalonischer Regionalpräsident Artur Mas: Rebellion am Abgrund

Die jüngsten Aufwallungen sezessionistischer Gefühle in Katalonien machen mich stutzig und besorgt. Ich verstehe, warum manche Leute angesichts der wirtschaftlichen Lage wütend und verzweifelt sind, und ich glaube, es könnte kaum schlimmer stehen. Doch ich kann nur mit einer Gewissheit und einem Geständnis antworten.

Ich habe die Gewissheit, dass es uns in der Tat noch schlechter gehen könnte. Und mein Geständnis lautet, dass ich zwar abenteuerlustig bin, aber nur in der Literatur. Nicht in der Politik, denn da bin ich ein leidenschaftlicher Verfechter bleierner Langeweile, wie etwa in der Schweiz oder in Skandinavien. Wenn ich also höre, wie Artur Mas sagt, der Weg zur Unabhängigkeit führe durch "unbekanntes Gelände", dann stehen mir die Haare zu Berge.

Schriftsteller und Wissenschaftler haben die Verpflichtung, sich mutig auf unbekanntes Gelände zu wagen, doch für Politiker sollte das tabu sein. Wenn der Schriftsteller im dunklen Unbekannten in einen Abgrund fällt - was soll's? Doch wenn ein Politiker in den Abgrund stürzt, reißt er uns alle mit. Es tut sich nämlich ein historischer Abgrund vor uns auf.

Ich weiß nicht, ob ich hinzufügen muss, dass ich weder katalanischer Nationalist noch Sezessionist bin.

Angst bringt Opposition zum Schweigen

Eine auf Katalonien spezialisierte Historikerin erinnerte mich vor kurzem daran, dass Pierre Vilar den Begriff "Unanimismo" - zu Deutsch: Einstimmigkeit - im Hinblick auf Sachlagen prägte, bei denen die Angst jede Opposition zum Schweigen bringt und ein illusorisches Gefühl der Eintracht schafft. Sie gab zu, sie traue sich nicht öffentlich zu sagen, dass sie beim Gedanken an eine Sezession keinen Enthusiasmus verspürt. Dabei ist der katalonische Nationalismus nur der "Ismus" einiger weniger und nicht dasselbe wie die katalanische Sprache, die uns allen gehört.

Ich bin verblüfft über die allgemeine Verblüffung, die José Manuel Lara auslöste, als er erklärte, sein Verlag Planeta - der größte Spaniens - werde seine Kisten packen und ein unabhängiges Katalonien verlassen. Verblüfft, wenn der Anführer der linken Unabhängigkeitspartei Esquerra Republicana de Catalunya (ERC) jetzt sagt, ein unabhängiges Katalonien wäre zweisprachig, wenn es doch bislang stets hieß, die Zweisprachigkeit führe zum Aussterben der katalanischen Sprache.

Der raffinierte Artur Mas

Ich bin auch verblüfft über die Raffiniertheit von Artur Mas, der es von heute auf morgen geschafft hat, dass die Katalanen nicht mehr ihm, dem Ministerpräsidenten, die Schuld an allen Missständen geben, sondern stattdessen der Zentralregierung. Ich bin verblüfft und entsetzt, wenn ein ehemaliger Regionspräsident aus der Extremadura verkündet, dass die Leute, die ursprünglich aus der Region im Südwesten stammen und heute in Katalonien leben, in die Extremadura zurückgeschickt werden sollten, als handle es sich um Vieh; und wenn der katalanische Regionspräsident, dessen Aufgabe es ist, Gesetze zu erstellen und dafür zu sorgen, dass sie befolgt werden, nun sagt, er werde das Gesetz missachten.

Vor diesem Hintergrund verblüfft es mich weniger zu hören, wie ein Autor fast zu einem bewaffneten Aufstand aufruft, oder wie der Politiker Alejo Vidal Quadras, Abgeordneter der Volkspartei, fordert, dass Katalonien unter die Herrschaft der Zivilgarde gestellt wird. Am allermeisten verblüfft es mich allerdings, wenn scheinbar vernünftige Menschen behaupten, eine Abspaltung Kataloniens würde in einer freundlichen Atmosphäre und ohne Trauma ablaufen, und wenn fast alle zu glauben scheinen, dass eine solche Situation unmöglich in Gewalt ausarten könne.

Lieber Gott, haben wir denn immer noch nicht gelernt, dass große Umbrüche fast immer durch Feuer und Schwert erlangt wurden? Sind wir schon wieder so besinnungslos und ängstlich geworden, dass wir nicht in der Lage sind, einen zivilisierten Ausweg aus diesem Schlamassel zu finden?

Übersetzung von Patricia Lux-Martel.

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insgesamt 213 Beiträge
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1. durch Feuer und Schwert
Regulisssima 25.11.2012
Jeder Demokrat muss die Wünsche der Katalanen respektieren und unterstützen, wenn sie sich - und wer wollte es ihnen verdenken ! - aus dem Würgegriff des zentralistischen, bankrotten Beamtenadels befreien wollen ! Javier Cercas Botschaft lautet im Klartext: Entweder ihr fügt Euch ins Joch oder es wird Gewalt gegen euch angewendet. Das darf kein Demokrat akzeptieren ! So, wie die Forderungen der Katalanen nach selbstverwaltung legitim sind, sind es auch jene der Flamen, der Schotten, der Basken und der Lombarden, solange sie gewaltfrei vorgetragen werden.
2. besorgt...
jordi377 25.11.2012
Besorgt wären Sie längst, wenn Sie auf Katalanisch schreiben würden. Das die Spanier erst jetzt besorgt sind spricht Wände über die Unterdrückung der katalanische Kultur/Sprache. Es gab genug Zeit für andere Lösungen (wie sie jetzt die Sozialisten vorschlagen)
3. Katalonien als Hinweisgeber
Christian Wernecke 25.11.2012
Zitat von sysopKatalonien wählt ein neues Parlament - und droht mit einem entscheidenden Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Wenn Regionspräsident Mas die absolute Mehrheit holt, kommt das Referendum über die Abspaltung. Spanien droht ausgerechnet in der größten Krise ein gefährliches Abenteuer. Gastbeitrag zur Katalonien-Wahl von Javier Cercas - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/gastbeitrag-zur-katalonien-wahl-von-javier-cercas-a-868890.html)
Die Menschen erkennen, dass die Selbstverwaltung immer noch die effizienteste und gerechteste Variante staatlicher Existenz ist. Notfalls muss man sich dazu von denen, die einen nur auslutschen, trennen, auch wenn es ein so altes Land wie Spanien trifft. Auch aus diesem Grund darf es zur Gründung eines europäischen Großreiches nicht kommen. Ein Bürgerkrieg der Völker Europas wäre vorprogrammiert. Die Abspaltung Kataloniens ist dafür ein Hinweisgeber.
4. Staaten sollen Menschen dienen
DenkZweiMalNach 25.11.2012
und nicht umgekehrt. Wenn heute die europäischen Gross-Staaten Referenden und Demonstrationen wie der Teufel das Weihnwasser fürchten, zeigt es, wie sehr sie sich vom Volk entfernt haben. Staaten werden zu undemokratischen Verwaltungsmaschinen, die Bürgerrechte immer mehr beschneiden. Es zeugt von Demokratie, wenn Bürger Kleinstaaten fordern, die ihre Interessen vertreten. Immerhin hat die EU Jugoslawien in ? Ministaaten gespalten. Katalonien wäre da viel grösser.
5. Du fragst mich, was Du tun sollst. Ich aber sage Dir
Guillermo Emmark 25.11.2012
Eine wirklich üble Geschichte, eine 'Entsolidarisierung' , die gerade jetzt niemand braucht und die allen schadet.Und ausserdem ein schlechtes Beispiel für Seehofer und Söder. Artur Mas ist einer dieser gfährlichen, rechtspopulistischen Karrieristen, die zur Zeit überall aus dem europäischen Boden schiessen und die man gerade jetzt am wenigsten gebrauchen kann.
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Zur Person
  • Javier Cercas, Jahrgang 1962, stammt aus der Region Extremadura, wuchs jedoch in Barcelona auf. Er ist einer der bekanntesten Autoren in Spanien und schreibt regelmäßig Beiträge für die katalanische Ausgabe von "El País". Seit 1989 ist er Professor für spanische Literatur an der Universität Girona.

Wahl in Katalonien
Bedrohte Einheit Spaniens
Bei der vorgezogenen Wahl in Katalonien geht es auch um die Einheit Spaniens. Die Wähler werden indirekt auch darüber abstimmen, ob in der wirtschaftsstärksten Region Spaniens ein Prozess zur Schaffung eines unabhängigen Staates eingeleitet werden soll. Kataloniens Regierungschef Artur Mas hat angekündigt, bei einem Wahlsieg eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit abhalten zu lassen. Mas ließ bislang allerdings völlig unklar, wohin der von ihm eingeschlagene Weg führen soll. Strebt er ein völlig unabhängiges Katalonien an oder einen Staat, der in irgendeiner Form mit Spanien verbunden bleibt?
Hintergründe für das Unabhängigkeitsbestreben
Viele Katalanen machen für ihr Unabhängigkeitsbestreben wirtschaftliche Gründe geltend. "Spanien plündert das katalanische Steueraufkommen, um seine Finanzlücken zu stopfen", sagte Josep Manuel Ximenis, Bürgermeister der Ortschaft Arenys de Munt, der Nachrichtenagentur dpa. "Man behandelt uns wie eine Kolonie." Seine Gemeinde hatte im September 2009 als erste von 550 katalanischen Kommunen ein inoffizielles Unabhängigkeitsreferendum abgehalten. Viele Katalanen wollen auch aus anderen Gründen zu Spanien auf Distanz gehen. Ihre Sprache wird zwar - anders als während der Franco-Diktatur (1939-1975) - nicht mehr unterdrückt, aber sie wird in Spanien nicht als eine Bereicherung gesehen, sondern eher als Störfaktor. In Umfragen sprachen sich zuletzt mehr als 50 Prozent der Katalanen für eine Trennung ihrer Region von Spanien aus, in den vorigen Jahren waren es allenfalls gut 30 Prozent gewesen.
Wie stehen die Chancen der Separatisten?
Nach Umfragen wird Mas die Wahl mit seiner nationalistischen Allianz CiU voraussichtlich zwar gewinnen, aber die absolute Mehrheit verfehlen. Dies dürfte seine Position eher schwächen, auch wenn andere separatistische Parteien wie die Linksrepublikaner (ERC) ihm zur Wiederwahl als Regierungschef verhelfen sollten. Zuletzt flaute die Separatismus-Welle in Katalonien wieder ab. Dies hat vor allem einen Grund: Die EU-Kommission machte deutlich, dass ein unabhängiges Katalonien nicht mehr der EU und der Eurozone angehören könne, sondern seine Aufnahme neu beantragen müsste. Diese Perspektive scheint vielen Katalanen nicht zu behagen.
Position der Zentralregierung
Madrid gibt sich entschlossen, eine Trennung der Region von Spanien mit allen Mitteln zu verhindern. "Niemand wird Katalonien von Spanien und der EU abtrennen", betonte der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy. "Diese Wahl ist noch wichtiger als die spanische Parlamentswahl vor einem Jahr."
Wirtschaftliche Folgen einer Sezession
Mehrere Ökonomen warnten davor, dass eine Sezession für die katalanische Wirtschaft verheerende Folgen hätte. "Ein unabhängiges Katalonien wäre wirtschaftlich lebensfähig, aber es würde alle Katalanen ärmer machen", meinte Francisco Caja von der Universität in Barcelona. Der Warenaustausch mit dem übrigen Spanien würde auf die Hälfte schrumpfen, die katalanische Wirtschaftskraft um 20 Prozent.
Fakten zu Katalonien
Katalonien ist eine der reichsten Regionen Spaniens. Von der Wirtschaftskraft her ist die Region im Nordosten des Landes gar die Nummer eins unter den 17 "autonomen Gemeinschaften" in Spanien. Flächenmäßig ist sie etwa so groß wie Belgien und hat mit 7,6 Millionen Menschen mehr Einwohner als Dänemark oder Finnland. Die Region mit der Hauptstadt Barcelona ist trotz ihrer hoch entwickelten Wirtschaft stark verschuldet. Die Regionalregierung führt dies darauf zurück, dass ein großer Teil der eingenommenen Steuern nicht nach Katalonien zurückfließt, sondern an ärmere Regionen in Südspanien verteilt wird. Die Region hat einen Autonomiestatus und eine eigene Polizei. Die große Mehrheit der Bewohner will mehr Autonomie-Rechte, etwa die Hälfte tritt gar für die Gründung eines eigenen Staates ein.

Zerbricht Spanien in der Krise?