Gauck auf Staatsbesuch in Israel: Mitleiden, mitfühlen, trauern

Aus Jerusalem berichtet

Der Auftakt ist gelungen: Bundespräsident Joachim Gauck fand am ersten Tag seines heiklen Staatsbesuchs klare Worte zur Freundschaft mit Israel - und hinterließ einen bewegenden Eintrag im Gästebuch der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem.

Sieben Minuten. So lange steht Joachim Gauck vor dem kleinen Stehpult und schreibt. Die israelische Mittagshitze drückt, irgendwann reckt David Gill, Amtschef des Bundespräsidenten, seinen Kopf. Er wundert sich offenbar so wie die meisten der Anwesenden, warum das Staatsoberhaupt so lange für seinen Eintrag im Gästebuch von Jad Vaschem braucht. Aber Gauck lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Dann steckt er seinen Stift ein und liest vor: "Wenn Du hier gewesen bist, sollst Du wiederkommen", lautet der erste Satz seines Eintrags. "Zuerst nur: die Flut der Gefühle, erschrecken vor dem Ausmaß des Bösen, mitleiden, mitfühlen, trauern - wegen eines einzigen Kinderschicksals oder wegen der Millionen unschuldiger Opfer." Eine Stunde lang sind der Präsident und seine Partnerin Daniela Schadt gerade durch die Holocaust-Gedenkstätte von Jad Vaschem geführt worden.

Der Bundespräsident wusste, was ihn hier auf dem Berg der Erinnerung oberhalb Jerusalems erwartet. Er war schon einmal in der Gedenkstätte für die sechs Millionen Opfer des Holocaust, als Privatmann vor acht Jahren. Inzwischen hat man das Museum modernisiert, die Einzelschicksale ermordeter Juden stehen nun noch mehr im Vordergrund - und noch greifbarer wird das Grauen. Und so hat Gauck diesen Brief an sich selbst verfasst, um die Ohnmacht zu bewältigen. "So wirst Du dann hier stehen und Dein Gefühl, Dein Verstand und Dein Gewissen werden Dir sagen: Vergiss nicht! Niemals."

Sein Eintrag im Gästebuch endet mit dem Satz: "Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften."

Ein Quentchen Gauck-Emphase

Es ist ein klares Bekenntnis zum Staat Israel. Nicht minder klar, als es Kanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch im März 2008 verkündete, und genauso klar haben sich die Vorgänger Gaucks zu Israel bekannt. Ja, es gehört sich so für die Repräsentanten der Bundesrepublik. Aber dieses Staatsoberhaupt, und das merken die Teilnehmer der israelischen Delegation und die einheimischen Journalisten, packt eben auch noch das Quentchen Gauck-Emphase oben drauf. Und das wirkt.

Diese Art emotionale Auffrischung für die Beziehungen zu Israel hatte sich Dieter Graumann, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, vor der Reise gewünscht. Nun ist er hochzufrieden. "Sein Eintrag in Jad Vaschem hat genau das transportiert", sagt der Frankfurter Unternehmer über Gauck. Nicht weniger begeistert hat Graumann, dass der Bundespräsident am Vortag - direkt nach der Ankunft in Tel Aviv - mit ihm zum Grab von Ignatz Bubis gefahren ist. Bubis ist einer der Vorgänger Graumanns als Zentralrat-Vorsitzender, "und mein Lehrmeister", sagt er. "Eine Minute standen wir am Grab, und der Präsident hat meine Hand gehalten."

Fotostrecke

12  Bilder
Staatsbesuch in Israel: Gauck in Jerusalem
Es sind auch die kleinen Symbole, die zählen. Gauck, so zeigt sich, hat dafür offenbar ein intaktes Gespür.

Und er weiß, wie groß die Erwartungen an diese Reise sind. Gerade erst hat eine Umfrage ergeben, wie schlecht das Israel-Bild der Deutschen ist. Die Freundschaft beider Länder basiere auf Lippenbekenntnissen, sagen Kritiker. Gauck soll das nun wieder zurechtrücken.

Gauck bekräftigt den klaren Kurs in Richtung Zwei-Staaten-Lösung

Der Bundespräsident nimmt diese Herausforderung an. Zunächst ein sehr freundliches Interview in der Dienstagsausgabe der Zeitung "Haaretz", dann sein erster öffentlicher Auftritt in Israel. "Das Eintreten für die Sicherheit und das Existenzrecht Israels ist für deutsche Politik bestimmend", sagt er am Morgen vor der Residenz seines israelischen Amtskollegen Schimon Peres. Die Bedrohung durch Iran nehme man sehr ernst.

Schon um 9 Uhr ist es so warm in Jerusalem, dass selbst die Einheimischen mit der Hitze zu kämpfen haben. Tapfer stehen die jungen Frauen und Männer der israelischen Ehrenformation für Gauck in der Sonne, aber bereits nach der kurzen Begrüßung durch Präsident Peres bricht eine Militärpolizistin ohnmächtig zusammen. Ja, man stehe eng an Israels Seite, sagt Gauck. Aber Deutschland bleibe auch bei seinem klaren Kurs in Richtung einer Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern. "Eine Lösung, die auch den berechtigten Belangen des palästinensischen Volkes Rechnung trägt; eine Lösung, die Wirklichkeit werden kann, wenn beide Seiten aufeinander zugehen und die Rechte des anderen anerkennen", sagt er.

So viel Sympathie für den Wunsch der Palästinenser nach einem eigenen Staat kommt beim konservativen Teil der Israelis weniger gut an. Für Unruhe sorgt bei einigen Hardlinern zudem der Plan Gaucks, im Anschluss an den Israel-Staatsbesuch am Donnerstag noch nach Ramallah zu fahren und unter anderem Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas und Regierungschef Salam Fajad zu treffen.

Der Bundespräsident bewegt sich damit exakt im Rahmen der fein ausbalancierten deutschen Außenpolitik im Nahost-Konflikt. Und wie wären wohl die Reaktionen zu Hause, würde der Freiheitsapostel Gauck sich nicht auch um die Belange der Palästinenser kümmern?

Joachim Gauck weiß um seinen schwierigen Gang. "Es wird auf den Ton ankommen", sagt der Präsident selbst zu seinem Besuchsprogramm in Nahost. Bisher hat er den Ton gut getroffen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Joachim Gauck
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

Interaktive Chronik
Fotostrecke
Joachim Gauck: Der neue Bundespräsident

Der deutsche Bundespräsident
Das Amt
Der Bundespräsident ist das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland. Das Grundgesetz weist dem obersten Repräsentanten zwar viele Aufgaben zu, aber deutlich weniger politische Befugnisse als etwa in Präsidialdemokratien wie Frankreich oder den USA. Er soll sein Amt unparteiisch führen, ist jedoch nicht auf repräsentative Aufgaben beschränkt.
Die Aufgaben
Das Staatsoberhaupt vertritt den Bund völkerrechtlich und schließt im Namen des Bundes Verträge mit anderen Staaten. Zu den normalen Geschäften zählen Staatsbesuche und Empfänge von Diplomaten. Er kann durch Reden und Reisen politische Akzente setzen.

Zu den Aufgaben und Rechten gehört die Mitwirkung bei der Regierungsbildung. Der Präsident schlägt dem Bundestag einen Bundeskanzler zur Wahl vor und ernennt ihn. Falls der Kandidat keine Mehrheit findet, kann der Präsident das Parlament auflösen. Er ernennt und entlässt auch die Minister, allerdings auf Vorschlag des Kanzlers. Gesetze können erst wirksam werden, wenn der Präsident sie unterschrieben hat. Seine Unterschrift kann er nur aus verfassungsrechtlichen Gründen verweigern.
Das Wahlverfahren
Anders als in Frankreich, Österreich oder Polen wird das deutsche Staatsoberhaupt nicht direkt vom Volk, sondern von einem Wahlgremium (Bundesversammlung) gewählt. Die Amtszeit beträgt fünf Jahre, eine Wiederwahl ist nur einmal möglich. Der Präsident kann nur durch das Bundesverfassungsgericht und nur bei vorsätzlichen Verstößen gegen das Grundgesetz oder andere Bundesgesetze seines Amtes enthoben werden.