Gauck in China Präsident des Himmlischen Friedens

Gleich zu Beginn seines China-Besuchs erlebt Joachim Gauck die volle Realität des chinesischen Sozialismus. In Peking sucht der Bundespräsident die Balance zwischen Diplomatie und offenen Worten - nicht immer einfach für ihn.

Aus Peking berichtet

DPA

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Natürlich gibt es auch schöne Orte in dieser Stadt. Aber man muss sie in dem Moloch Peking mit seinen knapp 22 Millionen Einwohnern schon suchen. Oder man wird mit Blaulicht und Kolonne eben mal rausgefahren aus dem inneren Verkehrsring der chinesischen Hauptstadt. Der normale Autofahrer braucht am Morgen eine Stunde vom Zentrum zum Sommerpalast, Joachim Gauck und seine Delegation sind in 15 Minuten da.

Und dann steht der Bundespräsident unter einer bereits blühenden Zierkirsche und sagt: "Nachdem wir so viel anderes gesehen haben, ist das eine Augenweide." Es ist ein zauberhafter Ort. Und weil das China da draußen sich so atemberaubend wandelt, hat man auf dem Gelände dieses Kaiserpalastes aus dem 18. Jahrhundert erst recht das Gefühl, als wäre die Zeit stehen geblieben.

Aber Gauck meint wohl nicht nur den Kontrast zu all dem Beton, Verkehr und Gedränge Pekings: Vor dem Sommerpalast hat er die zentrale Parteischule des Landes besucht und mit deren Leiter und einigen Dozenten gesprochen. Der Bundespräsident hörte da wieder all die Thesen und Phrasen, die ihm aus seinem früheren Leben in der DDR noch wohlbekannt sind. "Ihre Antworten kenne ich schon", soll er gesagt haben.

Anders als seine Gesprächspartner an diesem Morgen ist Joachim Gauck auf der Basis eigener Erfahrung ziemlich sicher, dass die Partei nicht immer recht hat. Es habe sich, so berichten Teilnehmer, ein ziemlich munterer Austausch ergeben, weil der Bundespräsident die Ansichten der chinesischen Seite infrage stellte und ihnen - mit Karl Marx argumentierend - logische Brüche aufzeigte.

Unbehagen auf dem Platz des Himmlischen Friedens

Aber es dürfte für den Bundespräsidenten auch eine erschreckende Erkenntnis gewesen sein: Die glauben hier wirklich noch, dass ihre KP über dem Recht steht.

Willkommen in China.

Am ersten Tag seines offiziellen Besuches bewundert Gauck nicht nur die Zierkirsche, sondern trifft den chinesischen Ministerpräsidenten Li Keqiang zum Gespräch, anschließend den KP-Chef und Staatspräsidenten Xi Jinping.

Gauck und Xi stehen am Nachmittag vor der Großen Halle des chinesischen Volks, man hat für die beiden Staatsoberhäupter einen rot-samtenen Baldachin mit goldfarbenen Kordeln aufgebaut, in dem sie angesichts der gigantischen Bauten und dem Tiananmen-Platz vor ihnen winzig wirken. Der Platz des Himmlischen Friedens ist im Westen das Symbol chinesischer Gewaltherrschaft: Rund 2600 Menschen starben nach Angaben des Roten Kreuzes, als das Regime im Juni 1989 Panzer gegen hier demonstrierende Studenten auffahren ließ.

Ausgerechnet auf diesen Platz muss Gauck nun minutenlang schauen, während die militärischen Ehren zu seiner Begrüßung kein Ende nehmen wollen. In diesem Moment ist es wirklich nur noch ein Pflichtbesuch für den Bundespräsidenten - aber einer, der besonders schwer auf seinen Schultern liegt. Erst als Gauck nach dem Ende des Zeremoniells an ein paar Dutzend Fähnchen schwenkenden Kindern vorbeimarschiert, entspannen sich seine Züge wieder.

Menschenrechtsorganisationen beklagen, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt lange nicht mehr so repressiv mit ihren Bürgern umgegangen ist. Gleichzeitig nimmt der Personenkult um Xi immer Mao-haftere Züge an. "Wenn du jemanden heiraten möchtest, dann heirate jemanden wie Onkel Xi" heißt es in einem Song über den starken Mann Chinas - er sei ein Mann mit unbeugsamem Geist. Aber da muss der Bundespräsident nun durch.

Kinder haben noch Träume, sagt Gauck

Eher nach dem Geschmack des Bundespräsidenten ist der nun folgende Termin. Gemeinsam eröffnen die Staatsoberhäupter das Jahr des deutsch-chinesischen Jugendaustauschs, es wird gesungen und getanzt, der Saal ist voller junger Menschen. Kinder haben noch Träume, sagt Gauck sinngemäß.

Es gibt ein Staatsbankett am Abend, anschließend trifft er sich mit Menschenrechtsanwälten in der Deutschen Botschaft. Dann ist dieser Tag endlich rum für den Bundespräsidenten. Er weiß: Das Schlimmste hat er hinter sich. Am Dienstag gibt es in Peking keine politischen Termine mehr, nachmittags fliegt er weiter nach Shanghai. Dort wird Gauck am Mittwoch an einer bekannten Universität eine Rede halten, die er dazu nutzen will, die Führung des Landes öffentlich an die universale Geltung von Demokratie und Menschenrechten zu erinnern.

Zu direkt darf das deutsche Staatsoberhaupt dort wieder nicht werden. Er weiß ja, wie wichtig China für die heimische Wirtschaft ist. "Jeder dritte Container im Hamburger Hafen ist einer von uns", soll Präsident Xi gegenüber seinem Gast erwähnt haben. Gauck weiß auch, dass China bei internationalen Konflikten wie in Syrien aus Sicht Berlins eine immer größere Rolle als Partner spielt.

Gauck möchte den fünftägigen China-Besuch gerne ohne Eklat beenden. Wie man hört, soll bis zum letzten Moment an der Rede getüftelt werden.


Zusammengefasst: Der erste Tag seiner China-Reise ist zugleich der anstrengendste für Bundespräsident Joachim Gauck. Als Antikommunist sucht er bei politischen Terminen in Peking das kritische Gespräch. Doch er muss diplomatisch bleiben: China ist Partner bei Handelsbeziehungen und in internationalen Konflikten zu wichtig, um brüskiert zu werden.

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
karl_maria_renz 21.03.2016
1. Sack Reis
Herr Gauck, und seine mehr oder weniger offenen Worte, halte ich für so relevant wie den berühmten Sack Reis der in China umfällt. Snowden beging "nackten Verrat", Bankenkritk ist "unsäglich albern", Protest gegen muslimische Überflutung ist ein Zeichen aus "Dunkeldeutschland"... Ob er sich jetzt irgendetwas halbwegs Kritisches abringt, wen interessiert's? Er sollte aber zumindest durchschauen dass China nicht mehr kommunistisch ist, sondern einen Gini-Index hat dass es nur so knallt, Kapitalismus pur. Also kann er doch zufrieden sein.
Spiegelwahr 21.03.2016
2. Gauck schaut nie genau
Gauck schaut in Deutschland nicht so genau hin. Warum sollte Gauck es dann in China genau hinschauen.
mulli3105 21.03.2016
3. auf Gaucks
salbungsvolles Geschwurble kann ich gerne verzichten, egal für oder gegen was er lamentiert. Er ist und bleibt eine Plaudertasche ganz im Stil eines Predigers
willi441 21.03.2016
4. Herr Gauck wird wohl nichts bewegen!
Ich gönne Herrn Gauck diese schöne Reise , ich kann mir diese mit meiner mäßigen Rente nicht leisten. Im Ernst, Was kann Gauck schon in Punkto Menschenrechte erreichen , was hat sich seit Merkels Besuch verändert, es viel der berühmte Sack Reis um und keinen interessierte es. Die Menschen wollen hauptsächlich eines, Wohlstand , ein besseres Leben und da gibt es einen großen Erfolg. Wir glauben immer die Oberlehrer spielen zu müssen, siehe EU, aber da geht so mancher Schuss daneben.
Schoenvogel 21.03.2016
5. Nettes Pärchen ....
Nettes Pärchen, wer ist denn die Dame links und welche politische Funktion hat sie in Deutschland? Gruss aus dem kühlen Sachsen
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