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Kein Besuch in Sotschi: Kreml-Politiker werfen Gauck politische Dummheit vor

Von , Moskau

Bundespräsident Gauck wird die Olympischen Winterspiele in Sotschi nicht besuchen - und stößt damit Kreml-Chef Putin vor den Kopf. Der russische Staatschef reagiert mit eisigem Schweigen, umso deutlicher werden Kreml-nahe Politiker.

Kreml-Chef Putin: Die Winterspiele in Sotschi sind sein Prestigeprojekt Zur Großansicht
AFP/ RIA Novosti

Kreml-Chef Putin: Die Winterspiele in Sotschi sind sein Prestigeprojekt

Moskau straft Bundespräsident Joachim Gauck mit demonstrativer Nichtachtung. Am Sonntag hatte der SPIEGEL berichtet, dass Gauck nicht zu den Olympischen Winterspielen nach Sotschi reisen will. Die Absage ist demnach als Kritik an Menschenrechtsverletzungen und der Drangsalierung der Opposition in Russland zu verstehen.

Wenn der Westen sonst Missstände im Osten kritisiert, dann lässt der mediale Gegenschlag meist nicht lange auf sich warten. Russische Politiker, Fernsehen und Kreml-treue Zeitungen gehen dann zur Gegenattacke über. Außenminister Guido Westerwelle kann ein Lied davon singen: Kaum hatte er den Demonstranten auf Kiews Unabhängigkeitsplatz einen Besuch abgestattet, da beklagte Russlands Premierminister Dmitrij Medwedew auch schon in einem großen TV-Interview die "Einmischung in innere Angelegenheiten". Das Staatsfernsehen sekundierte und machte sich öffentlich lustig über Westerwelles Homosexualität: Seine Leibwächter hätten den Minister hoffentlich schön warm gehalten bei der Demonstration.

Ganz anders ist es bei Gauck. Der Kreml schweigt, das Fernsehen hält sich zurück, und auch von den großen Moskauer Tageszeitungen greift keine einzige Gaucks Boykott auf.

"Persönlich nachvollziehbar, aber politisch dumm"

Der Unmut in Moskau ist aber dennoch gewaltig. Der Bundespräsident habe viele Möglichkeiten, seine Meinung mitzuteilen, er solle aber nicht ausgerechnet Olympia für Kritik instrumentalisieren, Russland habe sich seit Jahren auf die Winterspiele gefreut, mahnt Robert Schlegel, Duma-Abgeordneter der Kreml-Partei "Einiges Russland". Gaucks Aktion sei "persönlich nachvollziehbar, aber politisch dumm".

Schlegel wirft dem Bundespräsidenten vor, sich auf Kosten der deutsch-russischen Beziehungen profilieren zu wollen. "Gauck will persönlichen politischen Nutzen, handelt aber gegen Deutschlands Interessen, weil er die Beziehungen zu Russland beschädigt", so Schlegel.

Ähnlich äußerte sich auch der Deutschland-Experte Wladislaw Below. Gaucks demonstrativer Verzicht auf eine Reise nach Sotschi sei "ein Fehler". "Es ist wohl die Entscheidung des Bürgers Gauck, aber nicht die des Bundespräsidenten. Als Staatsoberhaupt muss er über den Dingen stehen. Er ist in seinem Amt immer noch nicht angekommen", sagte Below, Direktor des Zentrums für Deutschlandforschung bei der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau.

Gaucks Vater hatte in einem sowjetischen Straflager in Haft gesessen. In der DDR hatte sich Gauck als Bürgerrechtler engagiert. In den neunziger Jahren half er als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde bei der Aufarbeitung des ostdeutschen Spitzelstaats. Gaucks Verhältnis zum ehemaligen KGB-Offizier Wladimir Putin ist angespannt.

Freiheit hält der Kreml für gefährlichen Luxus

Unterkühlt bis eisig verlief Putins 45-minütiger Antrittsbesuch 2012 im Schloss Bellevue. Auf einen Termin für die erste Russland-Reise des deutschen Staatsoberhaupts konnten sich Berlin und Moskau erst gar nicht einigen. Ein Besuch Gaucks beim Petersburger Wirtschaftsforum fiel ebenso aus wie die geplante gemeinsame Eröffnung des Deutschland-Jahres in Russland. Wohl auch, weil der Ex-Geheimdienstler Putin keine Lust darauf hatte, dem Ex-Bürgerrechtler Gauck bei einer Rede über den Wert der Freiheit zu lauschen. Freiheit hält der Kreml für gefährlichen Luxus.

Ein baldiges Treffen der beiden Staatschefs in Russland ist nun so unwahrscheinlich wie nie zuvor. Die Winterspiele sind Putins Prestigeprojekt. Sollten sich weitere Spitzenpolitiker Gauck anschließen, könnte Olympia untergehen in einer Debatte über Menschenrechte und Demokratiedefizite in Russland. Sport und die modernen neuen Stadien wären nur noch Nebensache.

Rückendeckung bekommt Gauck von russischen Menschenrechtsaktivisten. "Er hat eine sehr persönliche Entscheidung getroffen, und mit Blick auf seine Vergangenheit erscheint sie mir vollkommen natürlich", sagt Arsenij Roginskij, Vorsitzender von Memorial. Die Moskauer Menschenrechtsorganisation widmet sich unter anderem der Aufarbeitung von Stalins Terrorregime und unterhält gute Beziehungen zur Stasi-Unterlagen-Behörde. Zugleich aber sei "wichtig, dass Gauck nicht zu einem allgemeinen Boykott der Spiele aufgerufen hat", so Roginskij.

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insgesamt 324 Beiträge
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1. Der Gashahn
fritzyoski 09.12.2013
Gas Richtung China verkaufen, dann kuehlen sich die europaeischen Grossmachtsphantasien ganz schnell ab.
2.
Postscriptum_B 09.12.2013
Wer hatte Zweifel daran?
3. optional
Ossi Ostborn2.0 09.12.2013
Zitat von sysopdpaBundespräsident Gauck wird die Olympischen Winterspiele in Sotschi nicht besuchen - und stößt damit Kremlchef Putin vor den Kopf. Der russische Staatschef reagiert mit eisigem Schweigen, umso deutlicher werden Kreml-nahe Politiker. http://www.spiegel.de/politik/ausland/gauck-meidet-winterolympiade-in-sotschi-kreml-reagiert-veraergert-a-938010.html
Na sollen sie mal brüllen und sich wichtig machen. Wer braucht die? Wo braucht Deutschland Russland denn? Herr Gauck, bitte nicht verunsichern lassen und diese rassistisch-nationalen Machos einfach ignorieren.
4. Tja ...
unixv 09.12.2013
uns, den Bürgern hat er versprochen, unbequem für die herrschenden zu sein, davon merken wir auch nichts. Der Posten BP, ist mehr als überflüssig. Wie die zwei letzten BP,s eindrucksvoll bewiesen haben!
5. Deutlich überschätzt
dweik01 09.12.2013
Eigentlich konnte man immer sicher sein, daß zentralstaatliche russische Einrichtungen hervorragend recherchieren und qualifiziert sind, schließlich bekommen sie die Aufträge von ganz oben und waren von jeher besser ausgestattat. Offensichtlich ist das deutlpich überschätzt. Denn ausgerechnet das Zentrum für Deutschlandforschung bei der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau hat ja überhaupt keine Ahnung von Deutschland und dem hiesigen Freiheits und Demokratieverständnis. Anders läßt sich deren etwas dilletantische Analyse zu Gauck kaum erklären.
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Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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