Joachim Gauck in Israel Der selbstbewusste Außen-Präsident

Es ist sein erster Staatsbesuch außerhalb der EU - doch Joachim Gauck tritt in Israel so selbstbewusst auf, als hätte er nie etwas anderes getan. Und der Bundespräsident redet Klartext: Eindringlich warnt Gauck die Israelis vor einem Krieg gegen Iran. Das passt nicht jedem seiner Gastgeber.

Aus Jerusalem berichtet


Mit Schimon Peres ist alles so leicht. 89 wird der israelische Präsident in wenigen Wochen, er hat die Weisheit und Erfahrung des Alters. Und dazu ist Peres ein so charmanter Gastgeber: Galant zieht er Daniela Schadt den Stuhl zurück, damit die Partnerin von Bundespräsident Joachim Gauck beim Staatsbankett Platz nehmen kann. Ein angenehm kühler Wind geht durch den Garten der Präsidentenresidenz in Jerusalem, die Zweige der Orangenbäume heben und senken sich im Dämmerlicht.

Die Präsidenten Deutschlands und Israels, das zeigt auch dieser entspannte Abend, sind auf einer Wellenlänge. Weil sie das Leben kennen mit all seinen Härten, sind beide Realisten. Und deshalb wissen Gauck und Peres, dass Aggression keine Lösung ist - und Krieg erst recht nicht.

Peres sagt bei seiner Tischrede: "Wir sind auf dem Höhepunkt eines Prozesses, Frieden mit den Palästinensern auf der Basis des Prinzips von zwei Staaten für zwei Völker zu erreichen." Das klingt dann vielleicht doch ein bisschen sehr optimistisch angesichts der jüngsten Entwicklungen und der harten Haltung von Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu. Aber er ist dabei ganz bei seinem Gast. "Nur durch mutige Schritte wird es möglich sein, den Stillstand im Friedensprozess zu überwinden", sagt Joachim Gauck bei seiner Erwiderung auf den israelischen Präsidenten.

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Staatsbesuch in Israel: Gauck in Jerusalem
Der Bundespräsident, mit seinen 72 Jahren fast ein junger Spund im Vergleich zu Peres, absolviert in Israel seinen ersten Staatsbesuch außerhalb der EU. Zweieinhalb Monate erst ist er im Amt, und dann gleich die schwerste außenpolitische Probe für einen Repräsentanten der Bundesrepublik.

Doch bisher gelingt ihm das mit überraschender Leichtigkeit. Der politische Novize Gauck trete wie ein alter Hase auf, sagt einer, der schon mehrere Bundespräsidenten in Israel erlebt hat. Klar, mit Symbolik kennt sich der ehemalige Pastor aus: Gaucks bewegender Eintrag ins Gästebuch der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem lässt ihm die Herzen der Israelis zufliegen. So viel Empathie ist man von Deutschen nicht gewohnt.

Aber es ist vor allem die Souveränität, das selbstbewusste Auftreten auf schwierigstem Terrain, das manches Mitglied seiner Delegation erstaunt. Gaucks Dreiklang, den er schon am Morgen bei seiner ersten Ansprache in der Präsidentenresidenz andeutete, geht so: Deutschland ist eng an der Seite Israels, Deutschland unterstützt eine friedliche Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern - und Deutschland hofft auf die Vermeidung einer militärischen Auseinandersetzung mit Iran.

Dabei wählt der Bundespräsident - mancher Beobachter interpretiert es als bewusste Distanzierung von der Kanzlerin - auch deutlichere Worte als Angela Merkel. Ihre Darstellung, wonach Sicherheit und Existenzrecht Israels "Teil der deutschen Staatsräson" sei, möchte Gauck nicht übernehmen. "Ich will nicht in Kriegsszenarien denken", sagt er am Nachmittag vor Journalisten. Ähnlich hatte sich Gauck schon auf dem Hinflug geäußert. Und dennoch stellt er klar: "Deutschland sollte das allerletzte Land sein, das Israel seine Freundschaft und Solidarität aufkündigt." Das kann auch als Warnung verstanden werden.

Vielleicht an einen wie Avigdor Lieberman. Mit dem israelischen Außenminister und Scharfmacher ist Gauck am Nachmittag zusammengetroffen - sie werden in diesem Leben keine Freunde mehr, so könnte man das Gespräch im luxuriösen Hotel "King David" wohl zusammenfassen. Wie angekündigt hat Gauck die israelische Siedlungspolitik gegenüber Lieberman kritisiert, wie vermutet hat sich dieser unnachgiebig gezeigt.

Aber Gauck will sich dadurch nicht abbringen lassen von seiner Linie. "Auch die Deutschen träumen von Gutem und wir wollen mithelfen, diesen Traum wahr zu machen - den Traum von einem freien und friedlichen Leben, den Traum von menschlichem Miteinander und von gegenseitigem Respekt, im Nahen Osten und überall sonst, wo Menschen leben", sagt Gauck zum Ende seiner Rede beim Staatsbankett. Es ist ein Abend zum Träumen in dieser südländischen Gartenidylle, selbst der befürchtete Regen bleibt aus.

Am Mittwochmittag trifft der deutsche Präsident Regierungschef Netanjahu. Dann wird es wieder ernst.

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