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Gaza-Abzug: Hamas beschwört die eigene Stärke

Aus Khan Yunis berichtet Karin Wenger

Die israelischen Siedler im Gaza-Streifen trauern und ringen um ihre Heimat. Wenige Stunden bleiben ihnen noch, dann müssen sie ihre Häuser verlassen. Auf der anderen Seite der Grenzzäune jubeln die Pälästinenser - und die Islamisten der Hamas demonstrieren ihre Stärke.

Palästinenser im Gaza-Streifen: Jubel über den Abzug der Siedler
AFP

Palästinenser im Gaza-Streifen: Jubel über den Abzug der Siedler

Khan Yunis ist nicht wiederzuerkennen. Im Flüchtlingslager im Süden des Gaza-Streifens, gleich neben dem größten israelischen Siedlungsblock Gush Katif tobt ein lautes, farbiges Volksfest: Eselkarren ziehen Greise über den Asphalt, Autos bleiben in den Menschenmassen stecken und überall schwingen Kinder und Männer palästinensische Fahnen und die grüne Flagge der Hamas. Musik dröhnt aus enormen Boxen, die auf kleine Laster geladen sind. Die radikalislamische Bewegung Hamas hat zur Feier geladen, nachdem die al-Aksa-Brigaden, der militärische Arm der Fatah, am Abend zuvor einen Siegeszug durch Gaza-Stadt angeführt hatte.

DER SPIEGEL
Zwischen verhüllten Frauen, Kindern und Männern haben sich die militanten Kämpfer von Hamas in Reih und Glied aufgestellt, die selbstgebastelten Yassin-Kleinraketen geschultert und die Gesichter hinter schwarzen Masken versteckt. Ihre Verhüllung ist berechtigt: Die israelische Armee hat in den letzten Jahren systematisch Mitglieder von Hamas getötet. Seit der Zunahme der systematischen Tötungen werden die führenden Köpfe der Bewegung geheim gehalten. Nur noch ihre Sprecher sind bekannt. Militante Hamas-Mitglieder leben zudem in ständiger Gefahr von palästinensischen Spionen verraten zu werden. Die Spione erhalten von den Israeli als Gegenleistungen für die Informationen Arbeitsbewilligungen oder werden schlicht und einfach erpresst.

"Vom Jordan bis zum Meer"

"An diesem großartigen Tag verkünden wir den Sieg unseres Volkes. Es ist ein Tag der Freude für alle Muslime und alle Kämpfer, welche ihr Leben, ihr Blut im Kampf gegen die Besatzer geopfert haben." Wie Gebetsfetzen klingen die Worte des Hamas-Sprechers von Khan Yunis, Yunis al-Astal. Er sitzt auf einem Pick-up, der mit Hamas-Fahnen verhängt ist. Während er seine Siegesworte ins Mikrophon schreit, rufen Männer "Gott ist groß". Nur wegen des Widerstands der Hamas würden die Israeli aus Gaza abziehen und nur mit Widerstand könne man die israelische Armee besiegen, verkündet al-Astal. Militante Mitglieder der Hamas sind verantwortlich für die Ausführung von Selbstmordattentaten in Israel oder die Beschießung der Siedlungen durch Kassam-Raketen. "Ich bitte Gott um mehr Siege und dass er die Gefangenen entlasse", ruft der Hamas-Sprecher, dessen Auto unter einem Poster gestoppt hat, auf dem die getöteten Hamas-Führer zu sehen sind und in großen Letter geschrieben steht: "Du fragst uns, wer wir sind? Wir sind die Soldaten des Propheten Mohammed und unser Name ist Hamas."

 Gush Katif: Jüdische Siedler protestieren gegen den Abzug aus dem Gaza-Streifen
REUTERS

Gush Katif: Jüdische Siedler protestieren gegen den Abzug aus dem Gaza-Streifen

Gaza, das sei nur der Anfang, verkündet al-Astal, Jerusalem werden folgen und auch das Westjordanland im Befreiungskampf gegen Israel. Doch dies genügt Hamas nicht und so fügt al-Astal an: "Vom Jordan bis zum Meer werden wir das Land aufräumen." Al-Astal bezieht sich dabei auf das historische Palästina vor der Staatsgründung Israels. Bis heute hat Hamas den Staat Israel nicht anerkannt.

Die Häuser sind mit Einschusslöchern übersät

Nach einer Stunde ist alles vorbei. Das Gedränge löst sich auf. Der Sprecher verstummt und auch die vermummten Männer verziehen sich in einen Krämerladen, um Coca-Cola zu kaufen. Die Sicht ist frei auf die Außenmauern von Gush Katif. Nur rund 500 Meter vom Flüchtlingslager entfernt beginnt die israelische Siedlung. Rechts von ihr steht ein Panzer, dessen Rohr in Richtung des Eingangs des Flüchtlingslagers zielt. An diesen Anblick haben sich die Bewohner gewöhnt. Alle Häuser der ersten Häuserreihe sind mit Einschusslöchern übersät.

Eingekesselt: Sicherheitskräfte umstellen einen Demonstranten
REUTERS

Eingekesselt: Sicherheitskräfte umstellen einen Demonstranten

Nesma Abu Sahlela, eine alte Frau mit Henna Tatoo, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und sagt: "Natürlich freue ich mich, wenn die Israeli gehen." Zumindest würden damit die Bombardierungen aufhören, glaubt sie, für die der Abzug zu spät kommt: Ihr Haus wurde vor zwei Monaten bombardiert. Nun lebt sie mit ihrer Familie bei den Nachbarn. Das Leben sei miserabel hier, es gebe keine Arbeit. Für die Palästinensische Autonomiebehörde will Nesma keine freundlichen Worte finden. Diese hätten längst Hilfe für die Familien mit zerstörten Häusern versprochen, aber weder sie noch ihre Nachbarn hätten jemals einen Schekel gesehen.

Die Regierungspartei Fatah und die Autonomiebehörde haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr selbst diskreditiert. Korruptionsskandale, Bereicherungen ihrer Mitglieder, Machtkämpfe innerhalb der Regierungspartei und zwischen den Führern der diversen Sicherheitsdienste haben wenig Ressourcen für die Anliegen der Bevölkerung übrig gelassen. Diesen Korruptionssumpf hat sich Hamas geschickt zu Nutzen gemacht. So verdankt die Hamas ihre Popularität nicht nur dem militanten Widerstand, sondern auch den Krankenhäusern, Kindergärten und Schulen, die sie für die Bevölkerung eröffnet hat. Zudem verteilt die Hamas immer wieder gratis Nahrungsmittel an ihre Anhänger, veranstaltet Massenhochzeiten, so dass auch die Ärmsten heiraten können, oder entschädigt die Familien von Opfern der Intifada mit Direktzahlungen. In einer Zeit der anhaltenden Hoffnungslosigkeit wirken Hamas' religiöse Versprechungen zudem wie ein Magnet für all jene, die sich Träume nicht mehr leisten können.

"Wie ein Diktatorregime"

Gepackte Taschen: Ein Vater verlässt mit seinem Sohn und Gepäck die Siedlung Gush Katif
AP

Gepackte Taschen: Ein Vater verlässt mit seinem Sohn und Gepäck die Siedlung Gush Katif

Yunis al-Astal ist vor die Moschee getreten. Nach den Feierlichkeiten hat der Hamas-Sprecher von Khan Yunis sein Nachmittagsgebet verrichtet und erinnert nun in seinem weißen langen Kleid und dem sauber gestutzten Bart mehr an einen Intellektuellen als an einen lauten Redner. "Die Autonomiebehörde benimmt sich wie ein Diktatorregime. Dabei haben sie für das Volk keinen Finger gerührt in den letzten Jahren", ereifert sich al-Astal. Trotzdem habe man sich mit der Autonomiebehörde und allen anderen Bewegungen auf ein Komitee geeinigt, in dem alle vereint seien und gemeinsam über die Zukunft der Siedlungen und den weiteren Räumungsverlauf entscheiden würden. Hamas möchte, dass die Siedlungen dem palästinensischen Volk, das im Gazastreifen an der höchsten Bevölkerungsdichte der Erde leidet, zu Gute kommen. Schulen, Krankenhäuser, Fabriken und Häuser, für all diejenigen, deren Häuser in der Intifada zerstört worden seien, müssten gebaut werden. Hamas wolle keinen Konflikt mit der Autonomiebehörde vom Zaun brechen, aber würde diese beginnen, dann würde Hamas reagieren.

Wie brüchig das Verhältnis zwischen Hamas und der Autonomiebehörde ist, hat sich erst im vergangenen Monat gezeigt, als sich die zwei Parteien blutige Scharmützel im Flüchtlingslager Jabalya, im Norden des Gaza-Streifens geliefert hatten. Dabei wurde klar: Kommt es zu einer ernsthaften Auseinandersetzung zwischen Hamas und den Sicherheitsdiensten der Autonomiebehörde, dann säße die Autonomiebehörde am kürzeren Hebel. Sie ist nicht nur kärglich mit Waffen ausgestattet, sondern kann auch nicht auf die Unterstützung im Volk zählen. Dass solche Auseinandersetzungen zwar nicht während der Zeit des Abzugs, jedoch bestimmt danach höchst wahrscheinlich sind, das weiß auch al-Astal. Dann, so sagt er, werde Hamas den militanten Widerstand, die Beschießung durch Kassam-Raketen und die Entsendung von Selbstmordattentätern so lange nicht einstellen, wie Israel weiter Siedlungen im Westjordanland baut und Jerusalem besetzt hält. Die Autonomiebehörde sieht sich jedoch im Zugzwang militante Hamas-Mitglieder zu verhaften, um bei den Verhandlungen mit den Israelis auch nur kleinste Zugeständnisse zu bekommen. Die Zusammenstöße sind programmiert.

Auf dem Weg zwischen Khan Yunis und Gaza-Stadt kontrollieren Soldaten die Autos. Sie suchen nach dem entführten algerisch-französischen Journalisten, der in der Nacht auf Montag gekidnappt wurde. Noch klingen die Worte al-Astals im Ohr, der sagt, dass die Hamas solche Entführungen nie durchführen würde. Beinahe zwei Tage nach der Entführung tappen alle noch über die Motive oder die Herkunft der Entführer und den Aufenthaltsort des Journalisten im Dunkeln. Es gibt Stimmen, die sagen, dass dies der Beginn einer ganz neuen Organisation sei, einer, die unberechenbarer sei als alle anderen. Sie werde Angst und Schrecken ganz nach dem irakischen Modell verbreiten.

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