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16. August 2005, 20:20 Uhr

Gaza-Abzug

Siedlern droht nach Fristablauf Zwangsräumung

Die Frist ist abgelaufen. Jüdische Siedler, die ihre Häuser im Gaza-Streifen nicht freiweilig geräumt haben, sollen jetzt von der israelischen Armee abtransportiert werden. Zuvor waren schon Hunderte Soldaten in die Siedlung Neve Dekalim eingerückt. Es gab heftige Tumulte.

Protest gegen die Zwangsräumung: jüdische Siedler debattieren mit israelischen Soldaten
REUTERS

Protest gegen die Zwangsräumung: jüdische Siedler debattieren mit israelischen Soldaten

Neve Dekalim - Nach Ablauf der Frist zur friedlichen Räumung des Gazastreifens hielten sich dort noch tausende jüdische Siedler und Sympathisanten auf. Siedlerführer forderten sie mit Megafonen auf, schlafen zu gehen, um ihre Kräfte für die erwartete Konfrontation mit den israelischen Soldaten am Mittwoch zu schonen.

Von Mitternacht an wird die Armee alle 21 Siedlungen in dem Palästinenser-Gebiet zwangsweise räumen. Auch im Westjordanland sollen vier von 120 Siedlungen aufgegeben werden. Mit der Zwangsräumung wurde allerdings nicht vor Tagesanbruch gerechnet. Etwa die Hälfte der jüdischen Siedler verließ der Regierung zufolge das Gebiet bereits freiwillig.

Angesichts des gewaltsamen Widerstandes in der größten Siedlung Neve Dekalim waren dort schon vor Ablauf des Ultimatums 2.000 Soldaten eingerückt. Die unbewaffneten Soldaten wollten die noch verbliebenen jüdischen Siedler zum freiwilligen Verlassen des Gebiets bewegen. "Wir werden von Haus zu Haus gehen und die Leute drängen, wegzugehen", sagte General Dan Harel, der den Gaza-Abzug überwacht.

Übermacht: Ein Siedlerjunge steht vor einer Heerschar israelischer Soldaten
AP

Übermacht: Ein Siedlerjunge steht vor einer Heerschar israelischer Soldaten

"Ich denke, in ein paar Tagen wird kein jüdischer Siedler und kein eingesickerter Unterstützer mehr in Gaza sein", sagte der für den Abzug zuständige Koordinator Eiwal Giladi. Am zweiten Tag des von der Regierung angeordneten Abzugs aus dem palästinensischen Gebiet war es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Soldaten und Gegnern der Räumung gekommen. Wenige Stunden vor Ablauf der Frist zum freiwilligen Wegzug wiesen Polizisten zudem erstmals Unterstützer der rund 8500 Gaza-Siedler nach Israel aus.

Die Armee befürchtet, dass ein harter Kern aus Tausenden von Ultranationalisten auch zur Gewalt bereit ist, um ihre Räumung zu verhindern. Bis zu 5000 Abzugsgegner sollen sich in das Gebiet eingeschlichen haben, um den dortigen Widerstand zu stärken. "Wir werden es Gesetzesbrechern nicht erlauben, den Abzug zu stören", warnte der israelische Verteidigungsminister Schaul Mofas.

Räumung führt zu Straßenschlachten

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Am Morgen hatten sich rund tausend Soldaten und Polizisten gewaltsam Zugang zur Siedlung Neve Dekalim verschafft. Es kam zu regelrechten Straßenschlachten. Rund 500 Abzugsgegner wurden bei dem Versuch festgenommen, in den Gaza-Streifen einzudringen. Die Polizei durchbrach das Eingangstor zur Siedlung. Eine Planierraupe walzte eine Absperrung nieder. Hunderte von Polizisten und Soldaten stürmten hinein, während Hunderte von jungen Aktivisten ihnen den Weg versperrten. Einige durchstachen Autoreifen und setzten einen Müllcontainer in Brand, Fäuste flogen. Knapp 40 Jugendliche - allesamt keine Bewohner der Siedlung - wurden gewaltsam nach Israel gebracht. Dann war der Weg frei für 120 Umzugswagen, die das Hab und Gut der abzugswilligen Siedler fortbringen sollten.

Der Führer der radikalislamischen Palästinenserorganisation Hamas, Chaled Meschal, hält den israelischen Abzug für den Anfang vom Ende des Staates Israel. In einem Interview der arabischen Zeitung "al-Hayat" sagte er: "Dies ist der Anfang vom Ende des zionistischen Projektes in der Region, ein historischer Moment."

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