Von Ulrike Putz, Beirut
Die Waffenlager der Hamas im Gaza-Streifen stehen unter Dauerbeschuss. Seit sechs Tagen bombardiert die israelische Luftwaffe - nach eigenen Angaben die beste der Welt - Ziele in dem Gebiet. Da ist es fast erstaunlich, dass noch Raketen übrig sind, die auf Israel abgeschossen werden können. Doch in Aschkelon und anderen israelischen Städten in der Nähe des von den Islamisten beherrschten Küstenstrichs gab es auch am Dienstag wieder Luftalarm.
Die militärische Macht der Hamas ist anscheinend nur geschwächt, nicht gebrochen. Einige ihrer Raketenstellungen scheinen so gut versteckt, dass die israelische Luftwaffe sie bislang nicht ausschalten konnte. Jerusalem hat gezählt, dass seit Beginn der Kämpfe am vergangenen Mittwoch tausend Geschosse aus dem Gaza-Streifen abgefeuert worden sind. Ein Mehrfaches davon will die Luftwaffe noch am Boden unschädlich gemacht haben, doch einige - vermutlich unterirdische - Abschussrampen waren auch am Dienstag noch in Betrieb.
Die Frage, wie groß das Raketenarsenal der Hamas ist, mit welchen Fabrikaten es bestückt und wie gut getarnt es ist, lässt sich nur anhand solcher Indizien zu beantworten. Zwar brüsten sich radikale Palästinenser im Gaza-Streifen gern mit ihren militärischen Fähigkeiten und führen Journalisten auch mal Werkstätten vor, in denen junge Männer Kassam-Raketen bauen - doch darüber, wie viele Raketen sie auf Tel Aviv und Jerusalem abschießen könnten, möchte die Hamas Israel und die Welt aus taktischen Gründen im Unklaren lassen.
Waffen aus Iran und China
Und so bleiben nur Spekulationen darüber, mit welcher Feuerkraft die Hamas und andere Extremisten in Gaza in diesem ungleichen Kampf Israel gegenüberstehen. Israelische Quellen gehen davon aus, dass die Waffenlager der Hamas zu Beginn des jetzigen Konflikts mit in- und ausländischen Fabrikaten gut gefüllt waren:
Von Iran über den Sudan und Ägypten nach Gaza
Dass die Waffenlager der Hamas derart gut bestückt waren, war das Werk eines Mannes: Hamas-Militärchef Ahmed al-Dschabari. Seine Tötung markierte den Auftakt zum jetzigen Waffengang. Am vergangenen Mittwoch zerstörte eine israelische Rakete das Auto, in dem Dschabari mit Begleitern unterwegs war, er und seine Männer starben. Dschabari hatte es verstanden, sich die veränderte politische Lage in Nahost geschickt zunutze zu machen. Im Arabischen Frühling verlor der ägyptische Diktator Husni Mubarak sein Amt, es kamen die Muslimbrüder an die Macht, die Mutterorganisation der Hamas. Damit stand dem Import auch großkalibriger Waffen in den Gaza-Streifen nichts mehr im Wege.
Beobachter gehen davon aus, dass die Fadschr-5 in den vergangenen 18 Monaten in den Gaza-Streifen gelangt sind. Sie sollen von ihrem iranischen Hersteller in den Sudan und von dort per Lkw-Konvoi durch die ägyptische Wüste an die Grenze zum Gaza-Streifen transportiert worden sein. Es scheint undenkbar, dass das ohne Wissen und Duldung offizieller ägyptischer Stellen passierte: Mit den über zehn Meter langen Abschussrampen wiegt das Waffensystem eineinhalb Tonnen. An der Grenze angekommen, sollen Raketen und Rampen auseinandermontiert und durch Schmugglertunnel in den Gaza-Streifen gebracht worden sein. Mehrfach gab es zudem Berichte, wonach Waffen aus den geplünderten Arsenalen des früheren libyschen Diktators Muammar al-Gaddafis auf den Weg in den Gaza-Streifen seien.
Israel hat schon vor dem jetzigen Waffengang versucht, gegen die Aufrüstung der Hamas vorzugehen:
Ägyptens Unterstützung für die Hamas
Daran, dass die militärische Kapazität der Hamas stark gemindert wurde, dass ihr Arsenal und Personal in den vergangenen Tagen dezimiert wurde, besteht kein Zweifel. Doch gebrochen ist die Macht der Hamas nicht. Solange die Nachschubroute Iran-Sudan-Ägypten nicht unterbrochen ist, werden die Lager der Islamisten bald wieder gefüllt sein.
Doch Kairo, in dessen Hand es liegt, den Waffenschmuggel zu unterbinden, wird sich so schnell nicht von seiner Unterstützung der Hamas abbringen lassen. Dafür bedarf es langer, weitreichender Verhandlungen. Die Palästinenser und Ägypten werden von Israel und den USA Zugeständnisse verlangen. Ein Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas ist nur der Anfang.
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