Gaza "Die Hamas hat meine Kinder adoptiert"

Der Westen stuft die Hamas als Terrororganisation ein - in Gaza glänzt sie durch sozialen Einsatz. Wichtige Hilfsorganisationen bescheinigen ihr beste Arbeit ohne jede Korruption - kein Wunder, dass die Partei viele Anhänger gewonnen hat.

Aus Gaza-Stadt berichtet Ulrike Putz


Gaza-Stadt - Etidal Sinatis Leben in Armut begann in einer Nacht im März 2003. Israelische Hubschrauber flogen Angriffe auf Jebalia, das Flüchtlingslager im Norden von Gaza-Stadt. Etidals Mann Mohammed lief mit anderen Männern aus der Nachbarschaft los, um die Schäden zu begutachten. Doch der israelische Kampfhelikopter kam zurück und feuerte auf die Schaulustigen, Etidals Mann starb. Sieben Kinder, kein Ernährer: Die Sinatis waren über Nacht zum Sozialfall geworden - und zu Hamas-Anhängern. Denn es war die radikalislamische Organisation, die sich der Familie annahm.

Etidal Sitani rechts, links ihre Schwiegermutter, in der Mitte ein Freund der Familie
Ulrike Putz

Etidal Sitani rechts, links ihre Schwiegermutter, in der Mitte ein Freund der Familie

"Mein Mann war kein Unterstützer der Hamas, im Gegenteil, er war für die Fatah", sagt Witwe Sinati. Es ist kalt in den zwei kleinen Zimmern ihrer Hütte, der geisteskranke Onkel, der in einer Ecke hockt und ab und an auflacht, hat sich seine Wolldecke bis über den Kopf gezogen. "Aber ohne die Hamas würden wir nicht überleben, und auch so ist es sehr schwer."

Die offizielle Rente für die Frau eines "Märtyrers" - eines durch das israelische Militär getöteten Palästinensers - beträgt 100 Euro alle drei Monate. Davon kann man mit einer großen Familie in Gaza einmal gut Fisch essen gehen, leben kann man davon nicht. "Also hat die Hamas meine Kinder adoptiert", sagt Etidal Sinati. Für jedes Kind bekommt die Witwe 15 Euro Kindergeld im Monat, alle besuchen gratis die Schule einer Hamas-Organisation. "Bei der Wahl im Januar habe ich den Halbmond gewählt", sagt Etidal. Die 41-Jährige kann nicht lesen, die Mondsichel ist das Symbol der islamistischen Partei.

Partei für die Armen

Eine Partei, die sich der Armen annimmt, die sich mit Geld und Fürsorge eine Anhängerschaft heranzüchtet: Auf den ersten Blick scheint die Hamas auf der Klaviatur des Populismus eine altbekannte Melodie zu spielen. Andererseits wird der islamistischen Gruppierung von allen großen internationalen Hilfsorganisationen beste Arbeit attestiert. "Im Bericht der International Crisis Group von 2003 haben die wichtigsten amerikanischen NGOs die Arbeit der Hamas als perfekt bewertet, man hätte es besser nicht machen können", sagt Helga Baumgarten, Dozentin an der Birzeit-Universität in Ramallah.

Der Erfolg der 1987 aus der Muslimbruderschaft hervorgegangenen Partei beruht laut Baumgarten auf zwei Faktoren: Der hoch professionellen Arbeit der Wohlfahrtseinrichtungen und der oft zitierten Integrität der Hamas. "Tatsächlich sind alle Studien zu dem Schluss gekommen, dass die Hamas ohne jede Korruption arbeitet", sagt Baumgarten. "Das hat ihr über die Jahre den Respekt der Bevölkerung eingebracht."

Nun ist die Hamas keine gemäßigte Partei: Sie begreift sich als Speerspitze des palästinensischen Widerstands gegen die Besetzung durch Israel. Nach ihrem überraschenden Wahlsieg im Januar weigerte sie sich, dem bewaffneten Kampf abzuschwören oder Israel anzuerkennen. Dass sie seit ihrer Gründung immer wieder das Mittel von Selbstmordanschlägen nutzt, hat zusätzlich dazu beigetragen, dass sie im Westen als Terror-Organisation eingestuft wird - trotz ihrer Wohltätigkeit im Alltag.

Ob die Hamas ihre Wohltätigkeitsarbeit jedoch bewusst dazu einsetzt, Sympathien in der Bevölkerung zu gewinnen, ist schwer zu sagen. "Das soziale Engagement ist nicht Mittel zum Zweck, ich würde das nicht so instrumentalisiert lesen", sagt Baumgarten. Und selbst wenn: Dass Parteien mit ihren Leistungen auf Stimmenfang gehen, gehört überall auf der Welt zu den politischen Spielregeln.

Auf den Glauben bauen

Dass die Hamas im wahrsten Sinne auf den Glauben baut, zeigt sich im al-Mujamma al-Islami, dem Islamischen Zentrum im Südosten von Gaza-Stadt. Im Erdgeschoss des Neubaus ist die Moschee seit einigen Wochen in Betrieb, im dritten Stock über der Frauengalerie des Gebetsraums sitzen die Angestellten des Zentrums zwischen Kisten. Vor drei Tagen haben sie ihre neuen Büroräume bezogen, das alte Hauptquartier der ältesten islamischen Wohlfahrtseinrichtung in Gaza war für die 150 Angestellten zu klein geworden. Das Islamische Zentrum wurde 1973 von Scheich Ahmed Yassin gegründet.

Anfangs verwaltete der Mann im Rollstuhl, der 1987 die Hamas gründete und 2004 von Israel mit einem gezielten Raketenangriff getötet wurde, die Gelder noch selbst, vom Wohnzimmer seines bescheidenen Häuschens ein paar Straßen weiter aus. Heute ist das Zentrum ein Wohlfahrtsgigant in Gaza, es betreibt 16 Kindergärten, 30 Koran-Schulen, versorgt Tausende von Familien mit Geld, Essenspaketen, Kleidung. An 5000 Waisen wird von hier aus Kindergeld ausgezahlt. Auch Etidal Sinati wird demnächst in den noch spärlich eingerichteten Büros vorsprechen, um die Hilfe für ihre sieben Kinder ausgezahlt zu bekommen.

Nidal Shabana, Direktor des Zentrums, verwaltet inzwischen etwa eine Million Dollar im Jahr. Trotzdem ist er ein bescheidener Mann: Nur, wenn er von der islamischen Ping-Pong-Mannschaft, die unter seiner Ägide die Meisterschaften von Gaza gewonnen hat, spricht, merkt man, wie stolz er auf seine Arbeit ist. "Bescheidenheit und Ehrlichkeit sind Prinzipien, die im Islam besonders geachtet werden", sagt er. Gefragt, wie er sich das - vom Westen mit Misstrauen beobachtete - Erstarken islamistischer Parteien in der arabischen Welt erklärt, will er nicht so recht mit der Sprache heraus. Das Verhalten der islamischen Führer sei nun einmal vorbildlich, sie hätten saubere Hände - eine höfliche Umschreibung dafür, dass er die politischen Führer der arabischen Nachbarstaaten für korrupt und moralisch verdorben hält.

Herrscherfamilien, die in die eigene Tasche wirtschaften, aufgeblähte Verwaltungsapparate, die kaum je effektiv arbeiten; Das Versagen der autoritären Regime in der arabischen Welt hat seit den 70er Jahren dazu geführt, dass in Palästina, aber auch im Libanon, in Ägypten, in Jordanien islamistische Gruppen das sozialpolitische Vakuum besetzt haben. Wenn die Hamas in Palästina nicht als alleinige Regierungspartei anerkannt oder dem gewachsenen Machtanspruch der Hisbollah im Libanon nicht stattgegeben wird, so sind das keine nationalen Phänomene: Nicht nur Israel und seine westlichen Verbündeten haben ein Interesse daran, die Islamisten klein zu halten. Die enorme Popularität der Religiösen macht sie zur Bedrohung der alteingesessenen Regime.

Dass die Organisation, die ihr Überleben sichert, nicht nur unter internem Druck steht, hat auch Etidal Sitani verstanden. "Die Hamas wird belagert, von innen und vom Ausland", sagt sie. Für sie heißt das, dass sie sich ihren Wohltätern noch enger verbunden fühlt. Letztens hat ihr ältester Sohn schon mal die Uniform seines Vaters anprobiert. Der Vater war Reservist in einer der Sicherheitstruppen der Fatah, der Sohn will für die Hamas kämpfen. "Noch erlaube ich ihm nicht, sich den Milizen anzuschließen, er ist ja erst 15", sagt die Mutter. "Das soll er machen, wenn er zwanzig ist."

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