Gaza-Flottille "Wer hat das getan, wenn nicht der Mossad?"

Von Juliane von Mittelstaedt, Tel Aviv

AFP

2. Teil: Hat die Armee Journalisten wissentlich falsch informiert?


"Es gibt keine Information, dass eine Gruppe Radikaler an Bord einen harten Kern von gewaltsamem Widerstand gegen die israelischen Soldaten formen wird", schreibt "Jedioth Achronoth". Deutlicher geht es nicht: "Es gibt keine klare Information, dass sich scharfe Waffen an Bord befinden werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das eine Annahme ist, neben vielen anderen Szenarien."

Auch die Zeitung "Maariv" vermeldet zwei Tage nach dem Schwefel-Vorwurf, die angebliche Geheimdienstinformation seien wohl aufgebauscht worden. Ein israelischer Minister hat der Zeitung gesagt, es handele sich um einen "Media Spin", um eine absichtliche Übertreibung. Andere Regierungsmitglieder sind sauer über die Fehlinformation gegenüber den Medien, sie sagen: In internen Briefings habe es geheißen, es gebe keine Sicherheitsrisiken.

Hat die Armee also Journalisten wissentlich falsch informiert, um sich eine Rechtfertigung für ein gewaltsames Eingreifen zu schaffen? Viel spricht dafür. Taucht der Verdacht möglicher Gewalt im Vorfeld auf, kann die Armee später argumentieren, sie hätte eben jedes Restrisiko ausschließen müssen. Die meisten Israelis müssen ohnehin nicht mehr überzeugt werden, sie haben sich schon ein Bild von den Teilnehmern gemacht: Naive Friedensaktivisten, Antisemiten und Terroristen, das ist die ziemlich einhellige Meinung.

Angesichts der Verdächtigungen haben einige Aktivisten eine Transparenzkampagne gestartet. Gestern durften etwa Journalisten das US-Schiff "Audacity for Hope" inspizieren und sich alles ansehen, vom Bordessen bis zu den tausend Briefen, die die 50 Aktivisten und Journalisten an Bord nach Gaza bringen wollen. Jeder soll sich überzeugen können, dass weder Waffen noch Chemikalien an Bord sind. Außerdem hat jedes Schiff eine Internetseite, auf der die Teilnehmer sich vorstellen - Holocaustüberlebende, Schriftsteller und Parlamentarier aus 22 Ländern sind darunter.

Und auch einige Israelis, etwa Jonathan Schapira. Der 39-Jährige flog einst mit einem Kampfhubschrauber Angriffe gegen Palästinenser, bis er vor acht Jahren zusammen mit einigen anderen Piloten Befehle verweigerte, bei denen Palästinenser getötet werden. Auch jetzt appelliert er an Piloten und Soldaten, den unmoralischen Befehl zur Aufbringung der Flottille zu verweigern - und an die Welt, die "blinde Unterstützung für Israel" einzustellen. "Der beste Weg, um dem jüdischen Volk zu helfen, ist gegen diese Regierung aufzustehen", sagt er.

Die Verzögerungsstrategie beginnt zu wirken

Entsetzt ist Schapira vor allem über die Vorwürfe israelischer Politiker. "Außenminister Lieberman hat gesagt, dass wir Blut sehen wollen. Das ist unglaublich. Ausgerechnet der Mann, der die Siedlungen und die Ermordung von palästinensischen Zivilisten unterstützt, wirft uns vor, wir wollten Blut." Der Israeli fährt als Crewmitglied auf der "Audacity of Hope" mit, es ist bereits seine zweite Flottillen-Fahrt. "Beim letzten Mal hat Israel die Flottille in internationalen Gewässern kurz vor Gaza geentert. Diesmal hat sich die israelische Besatzung bis zur griechischen Küste ausgedehnt", sagt er.

Schapira ist sich sicher, dass die Sabotage durch israelische Geheimdienste ausgeübt wurde. "Wer sonst sollte davon profitieren? Das ist für mich eine kriminelle Aktion." Die Crew der "Audacity for Hope" bewacht ihr Schiff jetzt rund um die Uhr, ab und zu taucht jemand unter das Boot, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Aber ihr Boot hat auch ein anderes Problem: Die griechische Küstenwache hat es bisher noch nicht als seetüchtig freigegeben. Solange dürfen sie nicht auslaufen.

Am Freitagnachmittag probierten sie es trotzdem - und wurden kurz nach dem Verlassen des Hafens von der Küstenwache aufgebracht. Das Schiff wurde offenbar in einen Hafen der Küstenwache bei Athen eskortiert. Die Passagiere twitterten, die Griechen würden sie mit "Gewehren bedrohen" und wollen sich nun weigern, das Schiff zu verlassen. Zuvor war bekannt geworden, dass die Griechen nun gar keine Schiffe mehr Richtung Gaza aufbrechen lassen wollen. Das bestätigt für die Aktivisten nur, dass Griechenland auf israelischen Druck handele. Nicht umsonst hatte Premier Benjamin Netanjahu am Donnerstag seinem griechischen Amtskollegen ausdrücklich für seine Hilfe beim Stoppen der Flotilla gedankt.

Ein Tag im Hafen kostet Tausende Euro

Noch bis zu fünf Tage könnte es dauern, bis die "Juliano" repariert ist und die anderen Boote von den Griechen die Genehmigung zum Auslaufen bekommen. Die MV "Saoirse" hat ihre Teilnahme bereits abgesagt, die Reparatur würde zu lange dauern. Die Verzögerungsstrategie beginnt zu wirken. Jeder weitere Tag im Hafen kostet Tausende Euro, die Aktivisten geraten unter Zeitdruck und müssen weitere Nächte in Hotelzimmern zahlen. Von ursprünglich 15 Schiffen mit 1500 Passagieren sind nach der Absage der türkischen Organisation IHH und dem Ausfall der MV Saoirse nur noch vermutlich neun Schiffe mit etwa 350 Passagieren dabei. Das neueste Datum für die Abfahrt: der kommende Dienstag.

Doch selbst wenn die Flottille bald Richtung Gaza in See stechen sollte, haben die Aktivisten es damit noch längst nicht geschafft: Die Armee hat deutlich gemacht, dass sie kein Schiff die Blockade durchbrechen lassen werde. Die Schiffe der Aktivisten sollen in das ägyptische Arisch umgeleitet werden - oder, wenn die Schiffe diesen Befehl verweigern, mit Gewalt ins israelische Aschdod gebracht werden.

Auch an Land droht Israel mit harscher Behandlung: Die Boote könnten konfisziert werden, womit es den Aktivisten künftig sehr schwer fallen würde, Schiffe anzumieten oder zu versichern. Und Passagiere, die Gewalt gegen israelische Soldaten einsetzen, sollen diesmal nicht so schnell freikommen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 183 Beiträge
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Seite 1
ex_pat_ 01.07.2011
1. nein, danke
Die Aktivisten sollten ihre Hilfsgüter lieber an die Syrisch-Türkische Grenze bringen. Da werden sie wirklich gebraucht.
Layer_8 01.07.2011
2. Mossad
Zitat von sysopSabotagevorwürfe und Gerüchte über todbringenden Schwefel: Die neue Gaza-Hilfsflottille will in wenigen Tagen von Griechenland aus aufbrechen. Zwischen*Aktivisten und Israel ist die Propaganda-Schlacht voll entbrannt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,771794,00.html
Wenn das so sein sollte, dann hat der Mossad gute Arbeit geleistet. Shabbat Shalom nach Israel :)
xeniabloom 01.07.2011
3. Shabbat Shalom
Zitat von sysopSabotagevorwürfe und Gerüchte über todbringenden Schwefel: Die neue Gaza-Hilfsflottille will in wenigen Tagen von Griechenland aus aufbrechen. Zwischen*Aktivisten und Israel ist die Propaganda-Schlacht voll entbrannt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,771794,00.html
Griechische Wasserschutzpolizei stoppt kurz hinter Piräus die "Audicity of Hope", ein Schiff das zur Flotille gehört, kurz nach dem Auslaufen.
geleb 01.07.2011
4. Mord?
Wie man versuchten Mord begeht, indem man lediglich den Antrieb eines Schiffes beschädigt, erschließt sich mir nicht gänzlich. Überhaupt vermute ich, dass die Israelis mit der Gewalt gegen die Palästinenser aufhören, wenn man aufhört, Gewalt gegen die Israelis anzuwenden. Andersherum hat es bisher jedenfalls nicht funktioniert.
taiga, 01.07.2011
5. hhhh
Erst neulich ging die Anschuldigung durch die Presse, dass die deutsche (europäische) Linke sich durch eine besondere Affinität zum Antisemitismus auszeichnet. Braucht es noch weiterer Anlässe, um den Verdacht von Graumann zu bestätigen? http://www.ftd.de/politik/deutschland/:antisemitismus-die-linke-muss-antisemitisch-sein/60068113.html
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