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Gaza-Flottille: "Wer hat das getan, wenn nicht der Mossad?"

Von Juliane von Mittelstaedt, Tel Aviv

Sabotagevorwürfe und Gerüchte über todbringenden Schwefel: Die neue Gaza-Hilfsflottille will in wenigen Tagen von Griechenland aus aufbrechen. Zwischen Aktivisten und Israel ist die Propaganda-Schlacht voll entbrannt.

Gaza: Propagandakrieg um Flotille Fotos
AFP

Als die irische Crew die Motoryacht "Saoirse" im türkischen Hafen Göcek aus dem Wasser holte, da ahnte sie schon, dass etwas nicht in Ordnung war. An Land ließ sich der Schaden leicht erkennen: Die Achse am Steuerbord-Propeller war angesägt oder angefeilt.

Die MV "Saoirse" ist bereits das zweite Schiff, das an der Flottille nach Gaza teilnehmen wollte - und auf wundersame Weise plötzlich einen Propellerschaden erlitt. Ganz ähnlich erging es am Montag dem in Piräus ankernden Schiff "Juliano", auf dem Griechen, Schweden und Norweger nach Gaza fahren wollen. Auch hier war ein Teil des Propellers vermutlich von Tauchern abgesägt worden.

"Das ist eine chirurgische Operation von Fachleuten", sagte einer der Sprecher der Flottille. "Wer könnte das getan haben, wenn nicht der Mossad?"

"Hätten wir nicht eine kurze Fahrt durch die Bucht gemacht, dann wären wir mit einer so gefährlich beschädigten Propellerachse aufs Meer gefahren, und das Boot hätte sinken können, wenn der Rumpf durchgebrochen wäre", erklärte Fintan Lane, der Koordinator des irischen Schiffs, in einer Stellungnahme. Er beschuldigt Israel der Sabotage. "Das war ein potentiell mörderischer Akt." Auch der Kapitän des Bootes ist sich sicher: "Die arglistige Beschädigung war derart, dass das Schiff unter normalen Bedingungen auf dem Meer gesunken wäre."

Noch ist die Flottille, die die israelische Blockade des Gaza-Streifens durchbrechen will, tausend Kilometer entfernt von ihrem Ziel. Doch der Krieg der Propaganda, der gegenseitigen Beschuldigungen und der Sabotage hat bereits begonnen.

Alarmierendes Gruppenbriefing für die israelische Presse

Die Passagiere der MV "Saoirse" werfen Israel internationalen Terrorismus vor - mit der Sabotage des irischen Schiffs sei der Tod von Menschen riskiert worden. Sie berichten von Überfällen in den Straßen von Piräus, Mobiltelefone seien gestohlen worden. Und im Hafen sollen merkwürdige Fischer aufgetaucht sein, die ihre Angeln ohne Köder im verdreckten Hafenbecken auswerfen.

Israel dagegen versucht, die Aktivisten als gewaltbereite Extremisten zu dämonisieren. Von einer "Hass-Flottille" spricht Armeechef Benny Gantz. Die Aktivisten wollten "Konfrontation und Blut", sagt Außenminister Avigdor Lieberman, an Bord befinde sich ein "harter Kern von Terroraktivisten".

Am Dienstag machten die drei großen israelischen Zeitungen mit der Schlagzeile auf, die Flottillen-Passagiere hätten das Ziel, Soldaten zu töten. Sie berufen sich auf "hochrangige Offizielle" als Quelle. Der schwerwiegendste Vorwurf: Einige Aktivisten planten, "Säcke mit Schwefel" an Bord zu bringen. "Das ist eine chemische Waffe, wenn der Schwefel auf einen Soldaten geschüttet wird, kann ihn das lähmen", schreibt die "Jerusalem Post". "Wenn der Schwefel dann angezündet wird, dann leuchtet der Soldat hell wie eine Lampe." Und auch die eher linke "Haaretz" zitiert einen anonymen Vertreter der Armee mit den Worten: "Das sich abzeichnende Bild ist, dass einige Teilnehmer an der Flottille es klar auf eine Konfrontation anlegen."

Es scheint, als hätte die Armee ein alarmierendes Gruppenbriefing für die israelische Presse abgehalten. Zwei Tage dauert es, bis einige der Journalisten beginnen, diese Warnungen in Frage zu stellen. Bei den "Säcken von Schwefel" handele es sich um Dünger, schreibt "Jedioth Achronoth". Israel hat die Einfuhr von Dünger in den Gaza-Streifen verboten, weil Dünger auch zur Herstellung von Raketen und Bomben genutzt werden kann - was allerdings kaum nötig ist, denn inzwischen gelangt genug Sprengstoff durch die Tunnel nach Gaza.

Die Flottille will 3000 Tonnen verbotene Güter nach Gaza bringen, unter anderem Zement, Medizin und eben Dünger. Dass dieser als Waffe gegen Soldaten eingesetzt werden kann, ist zweifelhaft. Dafür müssten die Passagiere einen Sack über einem Soldaten auskippen und dann anzünden - unwahrscheinlich bei schwer bewaffneten Soldaten, die schießen würden, sobald sich ihnen einer der Aktivisten nähert. Selbst wenn es tatsächlich gewaltbereite Radikale an Bord geben sollte - Dünger wäre wohl kaum ihre bevorzugte Waffe.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 183 Beiträge
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1. nein, danke
ex_pat_ 01.07.2011
Die Aktivisten sollten ihre Hilfsgüter lieber an die Syrisch-Türkische Grenze bringen. Da werden sie wirklich gebraucht.
2. Mossad
Layer_8 01.07.2011
Zitat von sysopSabotagevorwürfe und Gerüchte über todbringenden Schwefel: Die neue Gaza-Hilfsflottille will in wenigen Tagen von Griechenland aus aufbrechen. Zwischen*Aktivisten und Israel ist die Propaganda-Schlacht voll entbrannt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,771794,00.html
Wenn das so sein sollte, dann hat der Mossad gute Arbeit geleistet. Shabbat Shalom nach Israel :)
3. Shabbat Shalom
xeniabloom 01.07.2011
Zitat von sysopSabotagevorwürfe und Gerüchte über todbringenden Schwefel: Die neue Gaza-Hilfsflottille will in wenigen Tagen von Griechenland aus aufbrechen. Zwischen*Aktivisten und Israel ist die Propaganda-Schlacht voll entbrannt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,771794,00.html
Griechische Wasserschutzpolizei stoppt kurz hinter Piräus die "Audicity of Hope", ein Schiff das zur Flotille gehört, kurz nach dem Auslaufen.
4. Mord?
geleb 01.07.2011
Wie man versuchten Mord begeht, indem man lediglich den Antrieb eines Schiffes beschädigt, erschließt sich mir nicht gänzlich. Überhaupt vermute ich, dass die Israelis mit der Gewalt gegen die Palästinenser aufhören, wenn man aufhört, Gewalt gegen die Israelis anzuwenden. Andersherum hat es bisher jedenfalls nicht funktioniert.
5. hhhh
taiga, 01.07.2011
Erst neulich ging die Anschuldigung durch die Presse, dass die deutsche (europäische) Linke sich durch eine besondere Affinität zum Antisemitismus auszeichnet. Braucht es noch weiterer Anlässe, um den Verdacht von Graumann zu bestätigen? http://www.ftd.de/politik/deutschland/:antisemitismus-die-linke-muss-antisemitisch-sein/60068113.html
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