Gewalt am Gazastreifen Schwarzer Freitag

Mehrere Tote und 250 Verletzte: Die Demonstrationen an der Grenze zum Gazastreifen verliefen blutig. Die Hamas setzte im Kampf gegen Israel auf die Macht der Bilder.

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Die Ansage, die Nadav Argaman am Dienstag formulierte, war klar: Israel werde bei den Protesten an der Grenze zum Gazastreifen eine "Null Toleranz"-Linie verfolgen. Das teilte der israelische Inlandsgeheimdienstchef dem ägyptischen Geheimdienstdirektor Abbas Camel bei einem Treffen in Tel Aviv mit und bat ihn, diese Botschaft der im Gazastreifen herrschenden Hamas zu übermitteln.

Nötig wäre das vermutlich nicht gewesen. Israel hat bereits am vergangenen Karfreitag seine Entschlossenheit demonstriert. Die Armee ließ rund hundert Scharfschützen auf Palästinenser schießen, die sich der Grenzanlage näherten, und setzte Drohnen zum Versprühen von Tränengas ein. Es war der blutigste Tag im Nahostkonflikt seit 2014, fast 20 Palästinenser wurden getötet, mehr als 1400 verletzt.

Nach einer Woche ohne Massenproteste haben am Freitag nun wieder Tausende Palästinenser den "Marsch der Rückkehr" angetreten. So heißt die wochenlange Aktion, die bis zum 15. Mai andauern soll. Einen Tag zuvor wird Israel sein 70. Gründungsjubiläum feiern, die Palästinenser hingegen gedenken der "Nakba", der "Katastrophe".

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Gazastreifen: Die Macht der Bilder

Demonstranten zündeten Autoreifen an, um den israelischen Scharfschützen damit die Sicht zu erschweren. Lokale TV-Aufnahmen zeigten auch, wie mehrere Männer Poster mit dem Konterfei von Mohammed bin Salman verbrannten - der saudische Kronprinz hat sich mit seiner Annäherung an Israel unbeliebt gemacht.

Israels Armee erklärte das Grenzgebiet zum militärischen Sperrgebiet. Mindestens drei Demonstranten sollen nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums bislang getötet, 250 verletzt worden sein. Weit weniger als in der vergangenen Woche.

Kampf am Boden - und um die Öffentlichkeit

Dennoch: Israel und seine Hightech-Armee verliert den Kampf um die Bilder. In der Öffentlichkeit und im Netz verfestigt sich der David-gegen-Goliath-Vergleich. Wie sehr sich diese Wahrnehmung gewandelt hat, wird besonders deutlich mit Blick auf Nachal Oz, wo dieses Bild am Karfreitag entstanden ist, das israelische Scharfschützen zeigt.

Israelische Soldaten in Nachal Oz
AFP

Israelische Soldaten in Nachal Oz

Der Kibbutz liegt kaum mehr als einen Kilometer entfernt vom Gazastreifen. In der Gründungssaga des israelischen Staates spielte der kleine Ort eine zentrale Rolle.

Im April 1956, in einer Zeit als es noch keine Sperrmauer zwischen Israel und dem Gazastreifen gab, wurde ein Bewohner in Nachal Oz von Palästinensern ermordet, seine Leiche verstümmelt. Die Grabrede, die Mosche Dajan, der General mit der Augenklappe, damals hielt, ist bis heute im kollektiven israelischen Gedächtnis fest verankert.

"Ohne den Stahlhelm und die Mündung des Gewehrs werden wir keinen Baum pflanzen und kein Haus bauen", sagte er wenige Jahre nach dem Holocaust und der Gründung des jüdischen Staates. "Das Schicksal unserer Generation", so Dayan weiter, sei es, "bereit zu sein und bewaffnet zu sein, zäh und stark".

Das ist lange her. Israel galt damals als David, die arabischen Anrainerstaaten als Goliath. Seit dem Sechstagekrieg 1967, in dem Israel unter anderem das Westjordanland und den Gazastreifen eroberte und besetzte, hat sich die Wahrnehmung umgekehrt. Israel ist militärisch weit überlegen - und steht international in der Kritik.

Kein Strom, keine Hoffnung

Für die Hamas ist der Massenprotest und Israels Umgang damit das Beste, was ihr passieren konnte. Die von der EU und den USA als Terrororganisation eingestufte Bewegung herrscht seit 2007 im Gazastreifen. Die Situation dort ist katastrophal.

Anders als in dem von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas regierten Westjordanland fehlt es in der Mittelmeerenklave nicht nur an Hoffnung, sondern auch Wasser, Strom und Medikamente sind Mangelware.

Die Verantwortung dafür tragen viele: Israel und Ägypten, die Gaza abriegeln, ebenso wie die zerstrittenen Palästinensergruppen, deren interne Querelen einen eigenen Staat unmöglich machen.

"Marsch der Rückkehr" nutzt Hamas

Die Hamas will nun den Angehörigen der Toten umgerechnet rund 2450 Euro zahlen, Schwerverletzten rund 400 Euro und leichter Verletzten rund 160 Euro.

Seit Februar 2017 ist Jahia Sinwar Chef der Hamas, die in der Bevölkerung immer unbeliebter wird. Der jüngsten Umfrage des Palestinian Center for Policy and Survey zufolge kommt sie - ebenso wie die Fatah - auf gerade einmal rund 30 Prozent.

Sinwar, der Mitgründer der Essedin-al-Kassam-Brigaden, dem bewaffneten Arm der Hamas, kann Hebräisch, die Sprache seines Feindes. Er saß mehr als 20 Jahre in israelischen Gefängnissen - und weiß, dass Aktionen wie der "Marsch der Rückkehr" bei minimalem Aufwand für seine Organisation maximalen Erfolg bringen.

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