Gaza-Stadt - Der 17-jährige Issedine Mohammed ist begeistert von seinem neuen Schulfach. "Ich habe mich gefreut zu lernen, wie man mit einer Waffe richtig umgeht", erzählt Mohammed Journalisten den britischen Zeitungen "Guardian" und "The Telegraph": "Ich fühle mich jetzt stärker und selbstbewusster." Der Teenager ist einer von rund 37.000 Jungen zwischen 15 und 17 im Gaza-Streifen, die seit September wöchentlich eine Art Wehrdienst nach Hamas-Lehrplan unterrichtet bekommen. Ein palästinensisches Militär gibt es nicht.
"Sie haben uns erklärt, dass wir lernen müssen uns zu verteidigen und der Besatzung richtig entgegenzutreten", sagt Issedine Mohammed. Viele Palästinenser nehmen Israel als Besatzer wahr. Zwar haben sich die israelischen Sicherheitskräfte 2005 aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen, allerdings riegeln sie das Gebiet mit der Unterstützung Ägyptens weiterhin nach außen ab.
Die radikalislamistische Hamas hat 2007 im Gaza-Streifen die Kontrolle übernommen. Seitdem hat Israel das Gebiet zur "feindlichen Entität" erklärt. Die Hamas steht auf der Terror-Liste der EU und verneint in ihrer Charta Israels Existenzrecht.
Die Jungen werden von der Hamas ausgebildet in Erster Hilfe und in der Brandbekämpfung, sie erhalten Grundkenntnisse an der Kalaschnikow und im Umgang mit Sprengstoff. Es werde derzeit überlegt, das Programm auch für Mädchen auszuweiten, so die Hamas. Die Organisation rechtfertigt das Programm mit dem israelischen Militärdienst. Dort müssen Jungen und Mädchen nach Abschluss der weiterführenden Schule drei beziehungsweise zwei Jahre Wehrdienst leisten. Wehrdienstverweigerern kann Gefängnis drohen.
Zweiwöchiges Waffentraining für Teenager
Neben dem wöchentlichen Schulkurs hat die Hamas auch ein freiwilliges zweiwöchiges Trainingslager in den Ferien eingeführt. In schwarzen T-Shirts und schwarzen Jeans üben dort die Teenager sechs Stunden pro Tag. Insgesamt haben nach Angaben des Bildungsministeriums bereits rund 5000 Jungen das Lager im Gaza-Streifen besucht, darunter auch Issedine Mohammed.
Mohammed erzählt, er habe dort den Einsatz von selbstgebauten Sprengfallen gelernt. Ein Video, das nach Angaben des "Guardian" in der Gamal Abdel Nasser Schule bei Gaza-Stadt aufgenommen wurde, zeigt eine Militär-Demonstration, an der Jugendliche teilnehmen.
Mobil-Nutzer können das Video hier ansehen.
Die Aufnahmen zeigen, wie ein Teenager ein Geschoss auf eine Wachturm-Attrappe feuert, auf der die israelische Flagge weht. Schüler sind zu sehen mit offenbar echten Waffen.
Palästinensische Menschenrechtler kritisieren den Militär-Unterricht
Die Hamas bestritt auf Anfrage der britischen Journalisten, echte Waffen im Unterricht einzusetzen. Das Programm sei kein Militärtraining. Allerdings stehen diese Aussagen im Widerspruch mit den öffentlichen Erklärungen der Hamas-regierten Ministerien.
Auf der Webseite des Innenministeriums im Gaza-Streifen heißt es, der Unterricht konzentriere sich auf "militärische Übungen, insbesondere Waffentraining und Fähigkeiten für militärische Konfrontationen". Auf der Webseite des Hamas-regierten Bildungsministerium bedankt man sich beim militärischen Flügel der Hamas für seinen Beitrag im Unterricht. Auch Issedine Mohammed bestätigte gegenüber den westlichen Journalisten, an echten Waffen ausgebildet worden zu sein.
Die palästinensische Menschenrechtsorganisation al-Mezan, die ihren Sitz in Gaza-Stadt hat, kritisierte das Programm. "Es ist nicht zu fassen. Seit sechs Jahren kürzt die Hamas das Sportprogramm in den Schulen zusammen, weil sie sagt, es gäbe dafür keine Zeit und nun haben sie Zeit dafür, in den Schulen Militärtraining abzuhalten", sagte der Menschenrechtler Samir Zajout dem "Guardian". "Sie sollten das nicht tun. So wird die nächste Generation von Kämpfern herangezogen."
Issedine Mohammed erzählt, dass sein Bruder, ein Hamas-Kämpfer, im Gaza-Krieg 2008 bis 2009 von israelischen Soldaten getötet wurde. Er unterstütze die Hamas und überlege, sich dem Militärflügel der Organisation anzuschließen.
ras
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