Gaza-Konflikt Hamas gibt Entführung eines israelischen Soldaten bekannt

Die Palästinenser-Organisation Hamas hat nach eigenen Angaben einen israelischen Soldaten gefangen genommen. Zugleich steigt die Zahl der Toten bei Israels Gaza-Offensive. International wächst die Kritik an der Eskalation, die USA schalten sich ein.

DPA

Gaza/Washington - Die radikalislamische Hamas hat offenbar einen Soldaten der israelischen Armee IDF entführt. "Der israelische Soldat Schaul Aaron ist in den Händen der Essedin-al-Kassam-Brigaden", sagte ein Sprecher der Hamas-Miliz. Der Mann mit dem Kampfnamen Abu Obeida nannte als Beleg die persönliche Identifikationsnummer des Soldaten. In Gaza sowie in Ramallah und Hebron kam es daraufhin zu Jubelszenen.

Die Essedin-al-Kassam-Brigaden sind der bewaffnete Arm der Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert. Ein israelischer Armeesprecher sagte, eine Untersuchung sei eingeleitet worden.

Die Entführung dürfte die Lage im Gazastreifen weiter verschärfen. Am Wochenende hatte das israelische Militär seine Bodenoffensive intensiviert. Am bislang blutigsten Tag der Operation wurden über 100 Palästinenser getötet, die meisten im Stadtteil Schedschaija, darunter viele Frauen und Kinder. Auch 13 israelische Soldaten kamen ums Leben. Ungeachtet der hohen Opferzahlen kündigte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu eine Ausweitung der Offensive an.

Israel will einen Großteil der Tunnel im Gazastreifen binnen zwei bis drei Tagen zerstören, sagte der israelische Verteidigungsminister Mosche Jaalon. "Uns stehen noch lange Tage des Kampfes bevor", sagte er in Tel Aviv. Die Hamas versucht, durch Tunnel aus dem abgesperrten Gazastreifen nach Israel zu gelangen.

Die Hamas zahle "einen sehr hohen Preis, und wir versetzen ihr weiter harte Schläge", sagte Jaalon. Israel bedaure den Tod jedes Zivilisten, sagte der Verteidigungsminister. Die Hamas trage jedoch die Verantwortung für das Blutvergießen.

Obama besorgt, Kerry unterwegs

Die Eskalation wird international mit wachsender Beunruhigung verfolgt. US-Präsident Barack Obama sei sehr besorgt über die "steigende Zahl an Opfern, darunter eine steigende Zahl palästinensischer Zivilisten und der Verlust israelischer Soldaten", erklärte das Weiße Haus.

US-Außenminister John Kerry wird voraussichtlich schon am Montag nach Ägypten reisen, um einen Waffenstillstand zu vermitteln. "Es ist dreckig", sagte er in Bezug auf die Opfer. "Krieg ist dreckig. Aber sie (die Hamas - d. Red.) müssen ihre eigene Verantwortung erkennen." Obama und Kerry betonten Israels Recht auf Selbstverteidigung.

Zuvor hatte sich Kerry in einer Unterhaltung mit einem Mitarbeiter sarkastisch über das Vorgehen Israels geäußert. Die Unterhaltung war unplanmäßig von Kameraleuten aufgezeichnet worden. "Es ist eine wahrlich zielgenaue Operation", ist Kerry in der Aufzeichnung zu hören. Damit spielt er offenbar auf die Beteuerungen Israels an, nur militärische Ziele ins Visier zu nehmen.

Kerry rechtfertigte seine Reaktion später mit den vielen zivilen Opfern. In der Aufzeichnung sagte er auch: "Wir müssen sehen, dass wir dorthin kommen. Wir sollten heute Abend gehen. Ich denke, es ist verrückt, herumzusitzen."

Kritik an der hohen Zahl ziviler Opfer

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte Israel auf, Zivilisten bei den Angriffen auf den Gazastreifen zu verschonen. "Israel muss viel mehr tun, um Zivilisten zu schützen", sagte Ban bei einer Pressekonferenz in Katars Hauptstadt Doha. "Ich verurteile diese grauenvolle Aktion", sagte er mit Blick auf die Angriffe auf Schedschaija.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas sagte, die Lage im Gazastreifen sei "unerträglich". Die Angriffe auf Schedschaija seien ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein grauenvolles Verbrechen und diejenigen, die es begangen haben, werden verfolgt und bestraft".

Der Uno-Sicherheitsrat wollte noch in der Nacht zum Montag eine Sondersitzung abhalten.

isa/AFP/dpa/Reuters

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insgesamt 26 Beiträge
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erasmus89 21.07.2014
1. Zynisch
zu schreiben, die Entführung eines isr. Soldaten könnte eine weitere Eskalation herbeiführen (bei 500 Toten und Tausenden verletzten Palästinensern). Hat sich Israel auch selbstverteidigt als es nach dem Tod der drei Jugendlichen Hunderte Menschen aus Generalverdacht festnehmen ließ.
ralph.schindler 21.07.2014
2. Ultima Ratio
Der Krieg ist nicht dreckig, sondern liegt in der Natur des Menschen und dem sozialdarwinistischem Grundsatz. Letztendlich sind es die Soldaten und ihre Methoden, die für den moralischen Anspruch des Krieges verantwortlich sind. Der Krieg ist in vielen Fällen das letzte Mittel, sozusagen die Ultima Ratio (letzter Lösungsweg laut Wikipedia = Endlösung), wenn alle anderen Ansätze der Politik und Diplomatie versagt haben, bleibt in letzter Konsequenz nur die bewaffnete Auseinandersetzung um das Problem endgültig zu lösen und eine Entscheidung mit Gewalt herbei zu führen, so wie es schon seit Jahrtausenden von der Menschheit erfolgreich praktiziert wird. Und auch wenn es bei solchen Auseinandersetzungen immer wieder mal zivile Opfer gibt ( ich persönlich bevorzuge allerdings den Begriff Kollateralschaden, das hört sich viel neutraler an und ist emotional nicht so belastet), so heiligt der Zweck letztendlich die Mittel. In diesem Fall wird nur der erbarmungslose Einsatz modernster Militärtechnologie, gegen die primitiven Hamas-Terroristen den gewünschten Erfolg bringen, ohne Rücksicht auf Verluste, das gebietet schon die Vernunft , weil es offensichtlich die einzige Sprache ist die die Hamas versteht ! Ich bin gespannt ob die israelische Armee auch wieder ihre gefürchteten Phosphorgranaten einsetzt, auf jeden Fall wird das wieder eine wirklich faszinierende militärische High_Tech Auseinandersetzung werden und hoffentlich mit einer möglichst detailierten Berichterstattung in den Medien.
JDR 21.07.2014
3.
Zitat von sysopREUTERSDie Palästinenser-Organisation Hamas hat nach eigenen Angaben einen israelischen Soldaten entführt. Zugleich steigt die Zahl der Toten bei Israels Gaza-Offensive rasant. International wächst die Kritik an der Eskalation, die USA schalten sich ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/gaza-hamas-gibt-entfuehrung-eines-israelischen-soldaten-bekannt-a-982028.html
Nun, ob Zynismus angebracht ist, mag Herr Kerry selbst entscheiden. Nach über 2.000 Luftangriffen gab es nur etwa 200 Tote - insgesamt. Vergleicht man diese Zahlen mit anderen Konflikten - oder dem Drohnenkrieg - dann muss man feststellen, dass es viel genauer schlicht einfach nicht geht. In einer Bodenoffensive kann diese Präszision schlicht nicht aufracht erhalten werden. Die Situationen sind dynamischer, die Bedrohungen vielfältiger. Natürlich weiß er das alles auch. Es liegt in der Natur des Menschen, auf Leid mit Mitleid zu reagieren. Es liegt in der Natur der Sache, dass Menschen aus den Augen verlieren, dass diehjenigen, welche diesen Konflikt wollen, die Killer von der Hamas sind. Wenn sie nun einen israelischen Gefangenen gemacht haben, dann mag es wohl sein, dass sie plötzlich ihr Interesse an einem Waffenstillstand entdecken. Sie würden dies als Sieg feiern. Die Menschen im Gazastreifen sind ihnen völlig egal. (http://www.dailystar.com.lb/News/Lebanon-News/2014/Jul-20/264482-sidon-funnels-financial-jihad.ashx) Israel zahlt einen hohen Preis, aber es hat keine Wahl. Die Hamas hatte eine Wahl und hat sich entschlossen, andere den Preis zahlen zu lassen. Was noch kommt, bleibt abzuwarten.
ibekn 21.07.2014
4. Zu viele tote.
Zitat von sysopREUTERSDie Palästinenser-Organisation Hamas hat nach eigenen Angaben einen israelischen Soldaten entführt. Zugleich steigt die Zahl der Toten bei Israels Gaza-Offensive rasant. International wächst die Kritik an der Eskalation, die USA schalten sich ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/gaza-hamas-gibt-entfuehrung-eines-israelischen-soldaten-bekannt-a-982028.html
Eine Entführung ist ja immerhin besser als der tot. Von der Perspektive des israelischen Soldaten gesehen. Humanitäre Kriegführung nenne ich das.
Erwin Lottemann 21.07.2014
5.
Obama und Kerry unterstreichen also immer noch das Recht Israels auf Massenmord.... Dann kann Kerry auch daheim bleiben. So wie Steinmeier sich die Reise in den Nahen Osten hätte sparen können. Wer den Krieg "beklagt", ohne die dafür Verantwortlichen in die Pflicht zu nehmen, ist keinen Deut besser als die Mörder in Israel.
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